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Im Juni 1941, zum Zeitpunkt des deutschen Einmarschs, lebten in Litauen ungefähr 220.000 Juden, unter ihnen über 10.000 jüdische Flüchtlinge aus Deutschland, Österreich, der Tschechoslowakei und Polen. Drei Jahre später, nach der Befreiung und Rückeroberung Litauens durch die sowjetische Armee im Sommer 1944, hatten noch ungefähr 10.000 Juden die von den Deutschen und litauischen Kollaborateuren betriebene Vernichtung überlebt in Verstecken, von Helfern gerettet, als Angehörige der Roten Armee und als Partisanen. Dem Holocaust in Litauen waren über 200.000 litauische und nach Litauen geflüchtete Juden zum Opfer gefallen. Das in Jahrhunderten gewachsene jüdische Litauen existierte nicht mehr.

Dieses Vernichtungswerk war zwar Teil des deutschen Plans zur Ermordung der europäischen Juden insgesamt, es war auch ideologischer Bestandteil des Vernichtungskriegs gegen den „jüdischen Bolschewismus“ und gegen die Sowjetunion. Jedoch: „Litauen 1941 – das war der Holocaust im Holocaust … Die Vollständigkeit, Schnelligkeit und die Grausamkeit des litauischen Anteils an der Shoah haben in der Geschichte des Völkermords im deutsch besetzten Teil Europas während des Zweiten Weltkrieges nicht ihresgleichen“ (Ralph Giordano 2003).

Dieser „litauische Anteil an der Shoah“ begann schon in den ersten Tagen nach dem deutschen Einmarsch mit einer Explosion von Gewalt in mehreren kleinen Städten in der deutsch-litauischen Grenzregion. Dort fielen binnen weniger Tage den Deutschen unter Beteiligung litauischer „Aufständischer“ in Menschenjagden und Massenexekutionen über 5.000 Juden und Kommunisten zum Opfer. Denn noch bevor die Deutschen die systematische Organisation der Ausrottung selbst in die Hand nahmen, hatten sie in Abstimmung mit den litauischen Exil-Politikern in Berlin und mit antisowjetischen Untergrundgruppen in Litauen (LAF) für eine antisemitische und antisowjetische Pogrom-Bereitschaft im Land gesorgt, die sich parallel zum deutschen Einmarsch zu Massenmorden auf offener Straße auswuchs (bspw. in Kaunas, Gargždai, Kretinga, Taurage).

Regie der organisierten Vernichtung führte die SS-Einsatzgruppe A. Die Mordausführung in Litauen befehligte der Chef des in Kaunas stationierten Einsatzkommandos 3, SS-Standartenführers Karl Jäger, in enger Zusammenarbeit mit den Gebiets- und Stadtkommissariaten (Reichskommissariat Ostland). Am Ende der deutschen Besatzungsherrschaft waren mehr als 200 Orte zu zählen, an denen – abgesehen von ungezählten Einzeltaten – jüdische Männer, Frauen und Kinder zu hunderten und tausenden umgebracht wurden. Das XII Fort und IX Fort in Kaunas und der Exekutionsplatz bei Paneriai (Ponary) in der Nähe von Vilnius blieben bis zum Tag des Abzugs der Deutschen im Juli 1944 zentrale Plätze der Menschentötung. Litauen war systematisch durchkämmt, die jüdischen Bewohner der Städte und Dörfer zusammengetrieben und entweder bereits im zweiten Halbjahr 1941 oder nach quälender Gefangenschaft in Ghettos oder nach der Deportation in Konzentrations- und Arbeitslager in Lettland, Estland, Polen und Deutschland umgebracht worden (Kaiserwald, Klooga, Stutthof, Dautmergen).

Täter und Gehilfen waren neben bzw. unter den deutschen Befehlshabern litauische Hilfstruppen, litauische Polizei und litauische „Aufständische“, die sich nicht nur auf der Ebene ihrer Anführer bewusst und überzeugt an der Vernichtung ihrer jüdischen Landsleute beteiligt oder Mordaktionen auch eigenverantwortlich durchgeführt haben (Kollaboration, Kurzbiographien: Lileikis, Norkus, Noreika, Voldemaras).

Der Beteiligung von Litauern am Holocaust ist an die Seite zu stellen, dass viele Litauerinnen und Litauer vom Tod Bedrohten zu Schutz und Rettung verholfen haben. Sie haben unter Lebensgefahr für sich selbst ungefähr 3.000 verfolgte Juden gerettet. Die israelische Gedenkstätte Yad Vashem hat deshalb bis Januar 2017 nahezu 900 litauische Bürgerinnen und Bürger als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt (Retterinnen und Retter). Dennoch bleibt als bittere Bilanz:
„Die jüdische Gemeinde Litauens, die der Welt viele berühmte Gelehrte und Künstler und geachtete Rabbis gab, diese Gemeinde schließt am Ende des 20. Jahrhunderts das Buch ihrer Geschichte“ (Markas Zingeris 2003).

Literatur/Medien
Dieckmann 2011, Bd. 2, S. 1528ff.; Enzyklopädie des Holocaust, hsg. von Jäckel / Longerich / Schoeps: Stichwort Litauen, 1995, Bd. 2; Giordano, Ralph: Geleitwort, in: Bartusevičius u.a. (Hg.): Holocaust in Litauen, 2003, S. 1ff.; Holocaust Atlas 2011, S. 48, S. 78f., S. 88–91, S. 204f.; Tauber Joachim: Vergangenheitsbewältigung in Litauen. Politik, Gesellschaft und der Holocaust nach 1945, in: Sebastian Lehmann u.a. (Hg.): Reichskommissariat Ostland. Tatort und Erinnerungsobjekt, Paderborn u.a. 2012, S. 331-348; Ders.: Gespaltene Erinnerung. Litauen und der Umgang mit dem Holocaust nach dem Zweiten Weltkrieg, in: Micha Brumlik und Karol Sauerland (Hg.): Umdeuten, Verschweigen, erinnern. Die späte Aufarbeitung des Holocaust in Osteuropa, Frankfurt und New York 2010 (Wissenschaftliche Reihe des Fritz-Bauer-Institutes Bd. 18), S. 47-70; Zingeris, Markas: Juden in Litauen. Die Gemeinde im Leben danach, in: Bartusevičius u.a. (Hg.): Holocaust in Litauen, 2003, S. 290–299

https://www.alles-ueber-litauen.de/litauen-geschichte.html
http://www.black-dog-ev.de/blackdog.php?p=1.2#KJ (Ausschnitt Film: Karl Jäger und wir. Die langen Schatten des Holocaust in Litauen. Ein Mehrgenerationen-Filmprojekt von Black Dog e.V. - Jugend und Medienbildung.