Zur Planungsgrundlage für den Überfall auf die Sowjetunion zählte das auf oberster Ebene von Militär und Reichsministerien verabredete Konzept, bis zu 30 Millionen Bürger der Sowjetunion dem Hungertod auszuliefern, um die Versorgung der Wehrmacht und der deutschen Bevölkerung nach dem Angriff sicherzustellen. „Hierbei werden zweifellos zig Millionen Menschen verhungern …“ (Besprechung von Staatssekretären am 2. Mai 1941). Hieraus folgten Leitlinien einer rassistischen „Geopolitik des Hungertodes“, deren Durchführung einem „Wirtschaftsstab Ost“ mit seinen Unterinstanzen übertragen wurde.

In den baltischen Staaten führte die Praxis des Hungerplans wegen der Rücksichtnahme auf die Stabilität in diesem „rückwärtigen Gebiet“ zu einer perfiden Selektion: die Versorgung mit Nahrungsmitteln der nichtjüdischen litauischen Bevölkerung wurde an einer unteren Grenze aufrecht erhalten, die jüdische Bevölkerung und die von vornherein rechtlosen Kriegsgefangenen jedoch der völligen „Unterversorgung“ – d.h. Hunger und Hungertod – ausgesetzt. Die Besatzungspolitik erkaufte sich auf diese Weise die Kooperationsbereitschaft der nichtjüdischen litauischen Bevölkerung und der litauischen Instanzen – der Diskriminierung von Juden und Kriegsgefangenen entsprach die „Privilegierung“ der Bevölkerungsmehrheit. Oberste Priorität in der auf Raub und Enteignung basierenden Versorgungspolitik behielten jedoch der Bedarf der Wehrmacht und die Belieferung der „Heimat“.


Literatur / Medien
Dieckmann, Christoph: Das Scheitern des Hungerplans und die Praxis der selektiven Hungerpolitik im deutschen Krieg gegen die Sowjetunion, in: Dieckmann, Christoph / Quinkert, Babette (Hg.): Kriegführung und Hunger 1939–1945. Zum Verhältnis von militärischen, wirtschaftlichen und politischen Interessen ( = Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus, Bd. 30), Göttingen 2015, S. 88–122 (Litauen, S. 103ff.); Dieckmann 2011, Bd. 1, S. 192ff., S. 570ff.; Gunkel, Christoph: 70 Jahre „Unternehmen Barbarossa“ – Massenmord in der Kornkammer, in: Spiegel Online vom 10.06.2011

https://de.wikipedia.org/wiki/Hungerplan
http://www.1000dokumente.de/Aktennotiz/Mai1941