Holocaust Gedenkstätte ThessalonikiNach dem Einmarsch der deutschen Truppen im April 1941 in Griechenland waren die jüdischen Einwohner/innen wie in allen von deutschen Truppen besetzten Gebieten in besonderer Weise vom nationalsozialistischen Terror betroffen. Das entsprechende Datenmaterial für die geplanten Deportationen zur „Endlösung der Judenfrage“ sammelte während ihrer von der deutschen Wehrmacht unterstützten Razzien und Raubzüge zur Erlangung wertvoller Kulturgüter ein Sonderkommando des Einsatzstabes Reichsleiter Rosenberg. Dieses Sonderkommando, das Anfang Mai 1941 in Athen eingetroffen war, hatte dort und in Thessaloniki, wo zwei Drittel der jüdischen Bevölkerung Griechenlands lebte, Arbeitsgruppen installiert.
Den mangelnden Antisemitismus der Griechen beklagte der Abschlussbericht des Sonderkommandos vom 15. November 1941: „Für den Durchschnittsgriechen gibt es bisher kaum eine Judenfrage. Er sieht nicht die politische Gefahr des Weltjudentums und glaubt sich wegen der verhältnismäßig geringen zahlenmäßigen Stärke vor einer kulturellen und wirtschaftlichen Bevormundung durch die Juden sicher“ (Abschlussbericht, S. 15).
Dass nach diesen einleitenden Maßnahmen die Deportationen von Juden nicht zügig, sondern erst relativ spät im März 1943 begannen, war im Wunsch des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) nach einem möglichst konzertierten Vorgehen in allen Landesteilen begründet. Da aber die dem italienischen „Achsen-Partner“ zugestandene „Preponderanza“ (Vorherrschaft) in Griechenland und Mussolinis Hinhaltestrategie/ Blockierung von Deportationen (die italienische Besatzungszone hatte für die griechischen Juden Asylcharakter) dies nicht erlaubte, beließen es die Deutschen zunächst auch in ihrer Besatzungszone bei einzelnen Verhaftungen, Einquartierungen, Schikanen aller Art, Schließungen von jüdischen Buchhandlungen und Zeitungen etc. Daneben wurde gezielt der Versuch unternommen, eine antisemitische Stimmung im Land zu erzeugen. Auch die vom Metaxas-Regime aufgelöste faschistoide antisemitische Organisation Ethniki Enosis Ellados (EEE) wurde wieder zugelassen und unterstützt.

Zwangsmusterung in Thessaloniki; Foto: BundesarchivZum ersten organisierten Schlag gegen die Juden in Thessaloniki kam es, als am 7. Juli 1942 der Befehlshaber Saloniki-Ägäis die Anordnung zur Zwangsarbeit für alle männlichen unbeschäftigten Juden griechischer Staatsangehörigkeit bis zum Alter von 45 Jahren verfügte. Nach der mit entwürdigenden Schikanen verbundenen öffentlichen Musterung wurden ca. 3.500 Juden vorwiegend im Straßenbau eingesetzt. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Zwangsarbeiter trugen alle Merkmale der „Vernichtung durch Arbeit“ und forderten ca. 400 Tote. Die Zwangsarbeitspflicht wurde im Oktober 1942 wieder aufgehoben: Der Kriegsverwaltungsrat Dr. Max Merten hatte dafür der jüdischen Gemeinde 2,5 Mrd. Drachmen und die Überlassung des wertvollen, 300.000 Quadratmeter großen Areals des jüdischen Friedhofs abgepresst.


Deportationen aus dem deutschen Besatzungsbereich (Festland)

Im Februar 1943 entsandte das RSHA ein SS-Sonderkommando um die SS-Hauptsturmführer Dieter Wisliceny und Alois Brunner nach Thessaloniki. Die Aufgabe dieses von der örtlichen Militärverwaltung unterstützten Sonderkommandos (offiziell: „Außenstelle der Sipo und des SD in Saloniki IV B 4“, ab März 1943 „Sonderkommando der Sicherheitspolizei für Judenangelegenheiten Saloniki-Ägäis“) war die Deportation der Juden aus dem Bereich des Befehlshabers Ägäis-Saloniki nach Auschwitz.
Gedenkstätte auf dem früheren jüdischen Friedhof ThessalonikisIn schneller Abfolge bereiteten danach diverse Erlasse die sukzessive Entrechtung der Juden zur anschließenden Deportation vor: Beschlagnahmung des jüdischen Vermögens, Verpflichtung zum Tragen des Judensterns, Kennzeichnung und Umsiedlung der jüdischen Bevölkerung in Ghettobezirke. Der erste Deportationszug verließ Thessaloniki am 15. März 1943 in Richtung Auschwitz, 17 weitere folgten bis 11. August 1943. Neben den Juden aus Thessaloniki wurden ab Mai 1943 auch ca. 2.500 Juden aus Florina, Veria, Demotika, Nea Orestia und Soufli deportiert. Zwischen dem 15. März und dem 11. August 1943 wurden über 45.000 Juden aus diesen Orten in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Am 2. August 1943 verließ ein Zug mit „priviligierten“ Juden Thessaloniki in Richtung Konzentrationslager Bergen-Belsen, unter ihnen auch der Oberrabbiner Dr. Koretz mit seiner Familie.

Deportationen aus dem bulgarischen Besatzungsbereich
Am 22. Februar 1943 unterzeichnete der bulgarische „Kommissar für Judenangelegenheiten“ Alexander Belev mit SS-Hauptsturmführer Theodor Dannecker ein Geheimabkommen zur Deportation der Juden aus den von Bulgarien besetzten Gebieten (das bulgarische Kernland war nicht von Deportationen betroffen). In der Nacht vom 3. auf den 4. März 1943 wurden über 4.000 griechische Juden der betroffenen Gemeinden in Kavala, Drama, Serres, Alexandroupolis, Komotini, Xanthi und einigen kleineren Orten verhaftet, vorübergehend vor Ort meist in Tabaklagern zusammengepfercht und zwei Tage später in zwei Deportationszentren nach Südwestbulgarien gebracht. Von dort aus wurden sie zum Donauhafen Lom weiterbefördert und wahrscheinlich am 20. März 1943 zusammen mit Juden aus Jugoslawien auf vier Fähren zunächst nach Wien, später auf dem Landweg weiter in das besetzte Polen überwiegend in das Vernichtungslager Treblinka befördert. Kein einziger von ihnen überlebte.

Holocaust Gedenkstätte AthenDeportationen aus dem früher italienischen Besatzungsbereich (Festland)
Mit dem Kriegsaustritt des deutschen „Achsen-Partners“ Italien am 8. September 1943 verlor auch die italienische Zone - damit auch die Hauptstadt Athen - für die dorthin geflüchteten Juden ihren Asylcharakter, sodass die deutschen Behörden begannen, die „Endlösung der Judenfrage“ auf die etwa 13.000 jüdischen Einwohner/innen des ehemaligen italienischen Einflussbereiches auszudehnen. Am 3. Oktober 1943 verordnete der Höhere SS- und Polizeiführer Jürgen Stroop die Meldepflicht aller jüdischen Bewohner. Bis Mitte Dezember 1943 kamen trotz Androhung der Erschießung bei Zuwiderhandlung nur knapp 1.200 Menschen der Registrierungsanordnung Stroops nach. Führende Mitglieder der Jüdischen Gemeinde von Athen hatten die Gemeinderegister vernichtet, sich selbst in die Berge zu den Partisanen oder ins Ausland abgesetzt und die Anderen aufgefordert, ihrem Beispiel zu folgen oder sich zu verstecken. Dank des starken
Rettungswiderstandes durch die Widerstandsorganisationen um EAM/ ELAS, der griechisch-orthodoxen Kirche um den Erzbischof von Athen, Damaskinos Papandreou, und vieler Behördenangestellten, die für falsche Papiere etc. sorgten, fielen am 24. März 1944 bei Verhaftungen in Athen „nur“ ca. 1.300 Juden den Besatzern in die Hände. Parallel dazu fanden großangelegte Durchkämmungsaktionen in Thessalien, im Epirus und auf der Peloponnes statt. Während in Thessalien (u.a. in Larissa und Volos) vielen Juden mit Hilfe der EAM/ ELAS die Flucht gelang, wurden annähernd alle Mitglieder der großen Jüdischen Gemeinde Holocaust Gedenkstätte in Larissavon Ioannina (im Gebiet der EDES) verhaftet. Ein erster Deportationszug verließ Athen am 2. April 1944 in Richtung Auschwitz-Birkenau; zwei weitere Deportationszüge aus Athen folgten Ende Juni und Mitte August 1944.

Deportationen von den griechischen Inseln
Die ca. 300 Mitglieder der Jüdischen Gemeinde in Chania auf Kreta wurden am 29. Mai 1944 verhaftet. Das Schiff Danae, das sie auf das Festland bringen sollte, wurde am 8. Juni 1944 - nach ganz überwiegender Meinung durch Feindeinwirkung - versenkt. Am 9. Juni 1944 wurden auf Korfu über 1.700 Juden verhaftet, im Juli 1944 über 1.600 auf Rhodos und der Nachbarinsel Kos. Sie alle wurden nach Athen verschifft, dort zunächst im KZ Chaidari festgesetzt und mit den aus Athen abgehenden Zügen nach Auschwitz-Birkenau deportiert.

Insgesamt wurden zwischen Anfang März 1943 und Mitte August 1944 ca. 60.000 jüdische Männer, Frauen und Kinder aus Griechenland deportiert, von denen nur wenige überlebten.

Literatur / Medien:
Fleischer, Hagen: Griechenland, in: Benz, Wolfgang (Hg.): Dimension des Völkermords - die Zahl der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus, München 1996, S. 241-274; Nessou, Anestis: Griechenland 1941-1944, Deutsche Besatzungspolitik und Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung - eine Beurteilung nach dem Völkerrecht, Göttingen 2009; Molho, Michael (Hg.): Israelitische Gemeinde Thessalonikis in Memoriam, gewidmet dem Andenken an die jüdischen Opfer der Naziherrschaft in Griechenland, Essen 1981; Abschlussbericht über die Tätigkeit des Sonderkommandos Rosenberg in Griechenland, 15. Nov. 1941 (34 Seiten mit Anlagen: www.argus.bstu.bundesarchiv.de/NS30_25600/mets/NS30_25600_075/index.htm?target=midosaFraContent&backlink=http://www.argus.bstu.bundesarchiv.de/NS30_25600/index.htm-kid-9be01444-0531-495a-91f1-95671ac19e30&sign=NS%2030/75);