Das Gebiet um die Hafenstadt Klaipėda an der Mündung der Kurischen Nehrung in die Ostsee gehörte bis zum Abschluss des Versailler Vertrags (1919) zum damaligen Deutschen Reich und zu Ostpreußen. Nach internationaler Verwaltung wurde es 1923 von Litauen annektiert und mit einer Autonomieverfassung 1924 als litauisches Staatsgebiet anerkannt. Schon seit Ende der 1920er Jahre waren in der starken deutschen Bevölkerungsminderheit nationalsozialistische Zellen aktiv. In den 1930er Jahren erzielte die immer stärker werdende NS-Bewegung kommunale Wahlerfolge, denen ein Verbot öffentlicher NS-Agitation durch die litauischen Instanzen folgte. 1938 forderte NS-Deutschland im Zuge seiner aggressiven Außenpolitik die Rückgabe des Memel-Gebiets – unterstützt u.a. auch durch faschistisch-litauische Kräfte der Voldemaras-Bewegung „Eiserner Wolf, die vom deutschen Geheimdienst materielle Hilfe erhielt. Mit einem Ultimatum an die litauische Regierung erzwang die NS-Regierung mit dem Vertrag am 22. März 1939 die Rückgabe des Memel-Gebiets an Deutschland. Am 23. März marschierten deutsche Truppen ein.

In Klaipėda/Memel war über Jahrhunderte eine kulturell und wirtschaftlich bedeutende jüdische Gemeinde entstanden. 1938 lebten ungefähr 6.000 Juden (ca. 12% der Einwohnerschaft) in der Stadt. Als in diesem Jahr antisemitische Aktionen und Gewaltakte zunahmen, entschloss sich Ende 1938/Anfang 1939 ungefähr die Hälfte der jüdischen Einwohner zur Flucht zunächst in die östlich liegenden Nachbarstädte und -gemeinden, nach der Rückgabe des Klaipėda-Gebiets an Deutschland im März 1939 folgte eine weitere Fluchtwelle. Die Flüchtlinge suchten vor allem im Grenzgebiet und in Kaunas Zuflucht. Nach dem deutschen Einmarsch in Litauen im Juni 1941 begann am 23./24. Juni in Gargždai mit dem ersten Massaker auf litauischem Staatsgebiet, dem auch aus Memel geflüchtete Juden zum Opfer fielen, eine systematische Serie von Massenmorden an Kommunisten und vor allem an Juden im ganzen Grenzgebiet. Verantwortlich für die Massenmorde war zunächst das Einsatzkommando 3 unter Karl Jäger. Stahlecker, Befehlshaber der Sipo und des SD für das Reichskommissariar Ostland, übertrug die Zuständigkeit für die "Säuberungsaktionen" im Grenzgebiet an SS-Sturmbannführer Hans Joachim Böhme, Leiter der Stapo (Staatspolizei) Tilsit. Gemeinsam mit dem SD Tilsit unter Leitung von SS-Sturmbannführer Werner Hersmann bildeten Stapo und SD Tilsit die Zentrale der Mordaktionen an der deutsch-litauischen Grenze mit Außenstellen u.a. im Gebietskommissariat Memel. Innerhalb weniger Tage entstand auf der litauischen Seite ein funktionierendes Netz mit den lokalen litauischen Polizeiposten, die gemeinsam mit der Einsatzgruppe Tilsit und dem Einsatzkommando 3 das Grenzgebiet von Juden und Kommunisten "säuberten". (Ulmer Einsatzgruppen-Prozess

Der heutige Bezirk Klaipėda umfasst nicht nur das ehemalige Memel-Gebiet; es reicht von der Grenze zur russischen Exklave um Kaliningrad auf der Kurischen Nehrung bei Nida bis zur Grenze zu Lettland im Norden. Die einst zahlreiche deutschsprachige Bevölkerung ist nach 1945 fast vollzählig vertrieben worden oder ausgewandert. Mit einer internationalen Konferenz im Sommer 2005 aus Anlass des 400. Geburtstages von Simon Dach, zu der die Universität von Klaipėda Wissenschaftler aus Litauen, Polen und Deutschland eingeladen hatte, und mit der Wiedererrichtung des Denkmals für den aus Klaipėda stammenden Dichter der Barockzeit, zeichnete sich nach vielen schmerzlichen Erfahrungen ein versöhnlicher Wendepunkt in der lange belasteten Geschichtserzählung zum kulturellen litauisch-deutsche Erbe ab.


Literatur / Medien
Atamuk, Solomon: Juden in Litauen. Ein geschichtlicher Überblick vom 14. bis 20. Jahrhundert, hrsg. von Erhard Roy Wiehn, Konstanz 2000, S. 106; Dieckmann, 2011, Bd.1, S. 111f., S. 381; Enzyklopädie des Nationalsozialismus, hrsg. von Wolfgang Benz, Hermann Graml, Hermann Weiß, München 2007, S. 638f. 

http://www.bpb.de/stadt-der-zwei-namen (mit weiteren Literaturangaben)
http://www.jüdische-gemeinden.de/index.php/gemeinden/m-o/1298-memel-klaipeda-litauen 
http://www.spiegel.de/einestages/ns-prozesse-a-946905.html