Die deutsche Besatzungsmacht in Litauen wurde schon vor dem Einmarsch (22. Juni 1941) von litauischer Seite aus durch Kollaboration unterstützt. Deutschland hatte dafür gesorgt, in Litauen als „Befreier vom sowjetischen Joch“ empfangen zu werden. Ein Jahr vor dem Angriff, im Juni 1940, hatte Moskau die litauische Sowjetrepublik errichtet, worauf ein Teil der mit Nazideutschland sympathisierenden litauischen Führungsschicht aus Politik, Militärverbänden und Polizei nach Berlin geflohen war. Im Frühjahr 1941 gründete sie dort die „Litauische Aktivistenfront“ (LAF), die mit Hilfe des deutschen Geheimdienstes in Litauen ein Netz antisowjetischer Untergrundgruppen aufbaute. Dieses militante Netz, von litauischer Seite mit der Erwartung eines wieder selbständigen Litauen verbunden, begann beim Einmarsch der Deutschen einen antisowjetischen Aufstand, seine Zielsetzung lautete: Gemeinsame Vertreibung der Juden und der Roten Armee, wozu die LAF vom März 1941 in einem in Litauen verbreiteten Flugblatt aufrief.

Die Kollaboration umfasste die Vorbereitung dieses Aufstandes, die Mitwirkung an der Vernichtung der jüdischen Bevölkerung Litauens (Holocaust in Litauen) und an der Kommunistenverfolgung sowie die Mitwirkung an der deutschen Besatzung in Gestalt der litauischen Zivilverwaltung bis zum Durchbruch der Roten Armee 1944.

Träger der Kollaboration waren die litauischen Eliten, die in Litauen vor der sowjetischen Machtübernahme 1939/40 am Ruder waren (Litauische Geschichte). Sie waren Motor und Akteure des Aufbaus der litauischen Hilfstruppen und des Einsatzes der litauischen Zivilverwaltung im Sinne der deutschen Besatzungspolitik. Auch außerhalb der Eliten fanden sich viele zur Kollaboration bereit als Täter, Beteiligte und Nutznießer der Mordtaten an Juden und an – tatsächlichen oder angeblichen – Kommunisten oder „Sowjetfreunden“. Grundlage dafür war die weit verbreitete Übereinstimmung von antikommunistischer und antisemitischer Grundhaltung auf deutscher wie auf litauischer Seite. Radikaler, mit Antisemitismus verbundener Nationalismus und Antikommunismus hatte zu enger ideologischer Verbindung zu Nazideutschland schon vor Juni 1941 geführt. Zahlreiche Angehörige der nationalistischen Führung Litauens waren bei der Annexion durch die UdSSR (Juni 1940) ins Exil nach Nazideutschland geflohen und hatten dort eine Exilregierung unter dem ehemaligen litauischen Botschafter Skirpa gebildet. Von Berlin aus unterstützten sie den antisowjetischen Untergrund in Litauen und bereiteten die eigene Rückkehr an der Seite der Eroberer vor. Sie waren in die Pläne zum Überfall auf die Sowjetunion einbezogen. Wenn auch vor allem am Wiederaufbau eines litauischen Nationalstaates interessiert, befürworteten sie die Beteiligung am deutschen antijüdischen und antisowjetischen Programm zu Vernichtung des „jüdischen Bolschewismus“.

Folgerichtig machten die sog. Partisanen („Weißarmbinder“, „Aufständische“) in den Städten, aber auch in der Provinz Litauens zunächst geduldet, bald aber gelenkt von der SS Jagd auf Juden und Kommunisten, noch bevor Wehrmacht und SS Ende Juni 1941 endgültig ihre Befehls- und Ordnungsgewalt überall durchgesetzt hatten. Die SS nutzte die vorgefundene Gewaltbereitschaft beim Aufbau und beim Einsatz der litauischen Hilfstruppen. Nicht nur in Kaunas, Vilnius und Šiauliai, auch in der litauischen Provinz verübten „Partisanen“ bzw. „Weißarmbinder“ schon in den ersten Tagen und Wochen der deutschen Besatzung „autonome“ Verfolgungs- und Mordtaten, bevor sie in die Vernichtungsorganisation der Einsatzgruppe A und des Generalkommissariats einbezogen waren. Führende litauische Militärs aus der Vorkriegszeit bauten unter Leitung der SS die litauischen Hilfstruppen und deren Organisation auf (von Polizei- und Bewachungsaufgaben bis hin zur Mitwirkung bei Massenmorden). Aus dem deutschen Exil zurückgekehrte Polizeioffiziere übernahmen nach dem deutschen Einmarsch Leitungsfunktionen in der litauischen Sicherheitspolizei, die zum Bestandteil der deutschen Vernichtungsmaschinerie wurde. Biographien wie die von Alexandras Lileikis und Bronius Norkus sind hierfür beispielhaft.

Dennoch waren längst nicht alle Litauerinnen und Litauer Kollaborateure im Sinne von aktiver Unterstützung und Beteiligung an Verbrechen. Es gab passiven Widerstand und Bereitschaft zur Rettung. Das Jüdische Museum in Vilnius nennt nahezu tausend bisher bekannte litauische Retterinnen und Retter, die verfolgte Juden oft unter Lebensgefahr geschützt und versteckt haben.


Literatur / Medien
Bubnys, Arunas: Die litauischen Hilfsbataillone und der Holocaust, in: Bartusevičius u.a. (Hg.): Holocaust in Litauen, 2003, S. 117ff.; Dieckmann 2011, Bd. 1, S. 267ff., S. 361ff., S. 494ff.; Kwiet Konrad: Rehearsing for Murder: The Beginning of the final Solution in Lituania in June 944: http://holocaustinthebaltics.com/wp-content/uploads/2011/07/Konrad-Kwiets-paper-on-June-1941.pdf ; MacQueen, Michael: Einheimische Gehilfen der Gestapo. Die litauische Sicherheitspolizei in Vilnius 1941–1944, in: Bartusevičius u.a. (Hg.): Holocaust in Litauen, 2003, S. 103ff.; Stang, Knut: Das Fußvolk und seine Eliten. Der Beginn der Kollaboration in Litauen 1941, in: Benz, Wolfgang / Neiss, Marion (Hg.): Judenmord in Litauen, Berlin 1999, S. 69ff.; Tauber, Joachim: Die litauische Verwaltung und die Juden in Vilnius, 1941-1943, in: Johannes Hürter und Jürgen Zarusky (Hrsg.): Besatzung, Kollaboration, Holocaust. Neue Studien zur Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden, München 2008, S. 103-114.
https://en.wikipedia.org/wiki/Collaboration_with_the_Axis_Powers_during_World_War_II#Lithuania
http://www.ag-friedensforschung.de/regionen/Litauen/partisanen2.html
http://media.search.lt/GetFile.php?OID=272817&filetype=4
http://common.regnum.ru/documents/the-tragedy-of-lithuania.pdf