Auf der Grundlage des Hitler-Stalin-Paktes und dem im September 1939 zwischen Berlin und Moskau getroffenen Zusatzabkommen hatte die Sowjetunion in Litauen zunächst Militärstützpunkte eingerichtet (Litauische Geschichte 1918–1940). Die sowjetische Regierung reagierte auf den Angriff Hitler-Deutschlands auf Polen (1939) und auf die Besetzung Frankreichs, der Benelux-Länder, Dänemarks und Norwegens (1940) ihrerseits strategisch mit einer massiven Absicherung ihrer Westgrenze. Litauen wurde im Mai/Juni 1940 insgesamt militärisch besetzt. Nach der Bildung einer sowjetfreundlichen Regierung und nach Wahlen auf Grund einer „Einheitsliste“ erfolgte der Anschluss an die UdSSR: Litauen wurde Sowjetrepublik, der Umbau des Staates erfolgte in raschen Schritten: Alle national-litauischen Verbände, alle Parteien – außer der kommunistischen – wurden verboten. Die Presse wurde zentralisiert, alle privaten Schulen wurden verboten, religiöse Feiertage abgeschafft, kirchlicher Grundbesitz beschlagnahmt, religiöser Unterricht untersagt. Die litauische Armee wurde in „Volksarmee“ umbenannt und im Sinne der Sowjetmacht neutralisiert, Offiziere in leitender Funktion wurden ausgetauscht, versetzt, auch deportiert. Die Wirtschaft wurde nach sowjetischem Vorbild umgebaut, das hieß u.a.: Verstaatlichung der Banken und vieler Unternehmen, Enteignung von Wohnhäusern und Immobilien, Boden und Bodenschätze wurden zu Staatseigentum erklärt, gleichzeitig große landwirtschaftliche Betriebe enteignet und Landlosen und Kleinbauern zugeteilt.

Die Erfahrungen und Erwartungen der Juden unter der Sowjetherrschaft waren widersprüchlich. Die große Mehrheit der enteigneten Handwerksbetriebe und über die Hälfte der verstaatlichten Industriebetriebe hatten jüdische Eigentümer, die Landwirtschaftsreform traf viele jüdische Grundbesitzer; die jüdische Presse und alle gesellschaftlichen und religiösen Organisationen wurden verboten, das Schulwesen dem Kommissariat für Erziehung unterstellt, Hebräisch im Unterricht war untersagt und zahlreiche jüdische Schulen wurden schrittweise geschlossen. Andererseits fanden erstmals Juden auch in der öffentlichen Verwaltung Anstellung und bekleideten höhere Funktionen, jüdische Theater blieben geöffnet, das YIVO blieb erhalten, viele Gebets- und Lehrhäuser, auch einige Synagogen wurden ab 1941 in staatliche Nutzung überführt. Die soziale Lage des Großteils der jüdischen Bevölkerung verschlechterte sich, gleichzeitig empfanden fast alle litauischen Juden das sowjetische Regime als das „kleinere Übel“ im Vergleich zu einer drohenden Besetzung durch Nazi-Deutschland.

In der litauischen, katholisch geprägten Mehrheitsgesellschaft entwickelte sich der schon vor dem „Sowjetjahr“ virulente Antisemitismus zu einer dominierenden Haltung. Das Schlagwort vom „jüdischen Bolschewismus“ und die Stereotype von den „jüdischen Vaterlandsverrätern“ machten Schule, nicht zuletzt verbreitet in antisemitischen Flugblättern, die unter dem Einfluss der litauische Aktivistenfront (LAF) im Berliner Exil entstanden und im ganzen Land verteilt wurden. Die Deutschen sollten bei ihrem Einmarsch im Juni 1941 eine mit der Hetzpropaganda der Nazis geprägte Massenstimmung der breiten litauischen Bevölkerung vorfinden.

Die tiefen Eingriffe in die Wirtschafts- und Sozialstruktur des Landes wurden von massiven Repressionen der sowjetischen Sicherheitsbehörden begleitet. Im Zeitraum Juni 1940/Juni 1941 wurden tausende „antisowjetische Elemente“ verhaftet und in die innere Sowjetunion deportiert, noch bevor die Massendeportationen auf der Grundlage eines übergreifenden Befehls im Juni 1941 nahezu 20.000 Opfer erfassten; betroffen hiervon waren nichtjüdische und jüdische sowie polnisch-stämmige Litauer und auch Russen. (Deportationen 1940/1941)

Das kurze Jahr der Sowjetrepublik Litauen wurde mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion gewaltsam beendet; es folgten von Juni 1941 bis zum Herbst 1944 drei Jahre deutscher Besatzung, die ein verwüstetes Land und Massengräber der ermordeten Juden und sowjetischen Kriegsgefangenen hinterließ. (Holocaust in Litauen; Kollaboration; Sowjetische Kriegsgefangene; Befreiung und Rückeroberung)


Literatur/Medien
Atamuk, Solomon: Juden in Litauen. Ein geschichtlicher Überblick vom 14. bis 20. Jahrhundert, hrsg. von Erhard Roy Wiehn, Konstanz 2000, S. 127–145; Dieckmann 2011, Bd. 1, S. 147–177; Enzyklopädie des Holocaust, hsg. von Jäckel / Longerich / Schoeps, 1995, Bd. 2 (Stichwort Litauen)

https://de.wikipedia.org/wiki/Litauische_Sozialistische_Sowjetrepublik
https://www.alles-ueber-litauen.de/litauen-geschichte/die-rote-armee-als-das-kleinere-%C3%BCbel.html