Das „Yidisher Visnshaftlekher Institut” (YIVO) wurde 1925 auf einer Konferenz in Berlin gegründet und im damals polnischen Vilnius als akademische Einrichtung zum Studium ostjüdischer und jiddischer Kultur und Wirtschaft eingerichtet. Zu den Gründern gehörten der Philologe Max Weinreich, der Historiker Elias Tcherikower und der Sprachwissenschaftler Nochum Shtif, sowie eine Reihe namhafter Wissenschaftler, Philosophen und Ökonomen. Im 6-köpfigen Kuratorium saßen u.a. Sigmund Freud und Albert Einstein. Neben dem Hauptsitz Vilnius gab es noch Zweigstellen in Berlin, Warschau und New York. Innerhalb weniger Jahre wurde das YIVO mit seinem umfassenden Bestand an jüdischer Literatur, Sachbüchern und Manuskripten zu einem anerkannten literarischen und wissenschaftlichen Zentrum und mit seiner 1937 festgesetzten Orthographie zur Autorität im Bereich der jiddischen Sprache. Nach Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde der Sitz nach New York verlegt, bevor die Nationalsozialisten 1941 das Institut in Vilnius plünderten und das Gebäude des YIVO zum Sammelort der vom Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg (ERR) geraubten jüdischen Kulturwerte machten. Die jungen Schriftsteller Abraham Sutzkever und Shmerke Kaczerginski, die als Zwangsarbeiter im Ghetto von Vilnius mit der Sammlung und Sortierung beauftragt waren, retteten mit ihrer sog. „Papierbrigade“ aus dem Gebäude unter Lebensgefahr Handschriften, Bücher und andere Kulturschätze. Ein bedeutender Teil der Bücher wurde nach Frankfurt a. M. in das Institut von Alfred Rosenberg transportiert, viele Bücher wanderten als Altpapier in Papierfabriken. Die versteckten Schätze aus dem Ghetto wurden nach der Befreiung von Vilnius 1944 teils nach New York geschmuggelt, teils blieben sie in Vilnius erhalten und konnten in den 1990er Jahren restauriert werden. Auch dank der Bemühungen der YIVO-Mitarbeiter in New York wurden ca. 50.000 aus Vilnius stammende jüdische Bücher und 30.000 Archivalien aus der Bundesrepublik nach New York gebracht. Das YIVO befindet sich heute in New York und besitzt die weltweit größte Sammlung zur Geschichte und Kultur des zentral- und osteuropäischen Judentums, der jiddischen Literatur und Sprache, des Holocaust und der jüdischen Emigration in die USA.

Literatur / Medien
Atamuk, Solomon: Juden in Litauen. Ein geschichtlicher Überblick vom 14. bis 20. Jahrhundert, hrsg. von Erhard Roy Wiehn, Konstanz 2000, S. 180; Guzenberg, Irina: Vilnius. Sites of Jewish Memory. A Concise Guide, Vilnius 2013
https://yivo.org/
https://en.wikipedia.org/wiki/YIVO
https://de.wikipedia.org/wiki/YIVO