Bezirk Klaipėda

Gedenkstätte I für 700 Opfer

Der Ort
Kretinga ist eine Kleinstadt mit über 21.000 Einwohnern (2008) und liegt im Westen Litauens in unmittelbarer Nähe des Ostseebads Palanga nahe der Hafenstadt Klaipėda. Die Stadt und ihre Bevölkerung waren von den Grenzänderungen zwischen 1918 und 1939 – Abtrennung des Klaipeda-/Memel-Gebiets von Deutschland, Annexion durch Litauen 1923, nach deutschem Ultimatum erzwungene Rückgliederung an Nazi-Deutschland im März 1939 – besonders betroffen (Litauische Geschichte). Kretinga ist von Klaipėda aus auf der Straße Nr. 168 in ca. 30 Minuten zu erreichen, von Palanga aus auf der A11 in ca. 20 Minuten.

Die Ereignisse
Kretinga wurde noch am Tag des deutschen Überfalls am 22. Juni 1941 ohne Widerstand von deutschen Truppen eingenommen. In der Stadt mit damals ungefähr 5.000 Einwohnern lebten zu diesem Zeitpunkt etwa 1.000 Juden, darunter ca. 200 Flüchtlinge aus dem Klaipeda-/Memel-Gebiet. Der Wehrmacht folgten Männer des SS-Sicherheitsdienstes (SD) sowie der Grenzpolizei Memel und Tilsit, das „Einsatzkommenado Tilsit“. Ihnen übergab der Chef der litauischen Sicherheitspolizei in Kretinga, Pranas Lukys, Listen mit Namen von angeblichen Kommunisten und Angehörigen sowjetischer Organisationen; Lukys war 1940 bei der Errichtung der Sowjetrepublik Litauen nach Deutschland geflohen und war mit den deutschen Truppen am 22. Juni 1941 wieder nach Kretinga zurückgekehrt (er wurde im Ulmer Einssatzgruppenprozess 1958/59 wegen Beihilfe zum Mord verurteilt).

Gedenktafel

Am 24. Juni wurden den Männern in Kretinga im Alter zwischen zwischen 14 und 60 Jahren befohlen, sich auf dem Marktplatz einzufinden. Aus der Menge sonderten der Tilsiter SD-Chef, Werner Hersmann, sowie Pranas Lukys angebliche Kommunisten und Juden aus, die danach auf einem eingezäunten Areal des Platzes festgehalten wurden. Unter brutalen Schlägen von deutschen Soldaten und litauischen "Weißarmbindern" mussten die Juden auf Knien den Platz umrunden und wurden am Abend in der Synagoge, die inzwischen ebenfalls zusammen getriebenen jüdischen Frauen und Kinder wurden in der jüdischen Schule eingesperrt.

Am 25. Juni 1941 luden deutsche Soldaten und litauische Polizisten 214 jüdische Männer und Kommunisten auf Lastwagen und brachten sie zu einem ca. 5 km außerhalb von Kretinga liegenden Landgut namens Pryšmančiai im Wald von Kveciai Dort wurden sie gezwungen, von den Sowjets zurückgelassene Schützengräben zu vertiefen, anschließend wurden sie in Zehnergruppen von einer Einheit aus zwanzig deutschen Soldaten, Gestapo und litauischen Polizisten erschossen. Verantwortlich für die Morde war das „Einsatzkommando Tilsi“ unter Hans-Joachim Böhme, Chef der Gestapo Tilsit, Werner Hersmann, Leiter des SD Tilsit, Erich Frohwann, Leiter des Grenzpolizeikommissariats Memel, Werner Schmitt-Hammer und Bernhard Fischer-Schweder, Polizeidirektor von Memel sowie Pranas Lukys von der litauischen Sicherheitspolizei. 180 der 214 Opfer waren Juden, die anderen litauische Kommunisten. Am gleichen Tag wurden auch jüdische Frauen und Kinder zum Landgut Pryšmančiai gebracht und dort festgesetzt; noch waren sie von den Morden ausgenommen. 

In der Nacht vom 26. auf 27. Juni wurden die Synagoge und die jüdische Schule in Kretinga niedergebrannt, das Feuer erfasste auch Nachbarhäuser. Der Brand wurde der in der Stadt verbliebenen jüdischen Bevölkerung in die Schuhe geschoben, obwohl ein rechtsextremer Angestellter der litauischen Sicherheitspolizei das Feuer gelegt hatte. Als „Sühnemaßnahme“ wurden am 28. Juni weitere jüdische Männer verhaftet und in einen Keller gesperrt. Betrunkene deutsche Soldaten zwangen sie mit Holzprügeln in einen Fischteich zu springen und zum Gespött der Leute die Böschung hinauf und hinunter zu robben. An zwei folgenden Tagen wurden sie von einem deutschen Polizeikommando in der Nähe des Landgutes Pryšmančiai erschossen.

Gedenkort II für die Juli-Opfer

Mitte Juli 1941 wurden nochmals über hundert weitere, in Kretinga bereits gefangen gesetzte Juden zum jüdischen Friedhof gebracht, mussten dort eine Grube ausheben, bevor sie erschossen wurden. Mitte August schließlich widerfuhr 20 Frauen und Kindern von bereits getöteten Männern das gleiche Schicksal; Pranas Lukys hatte diesen Mord angeordnet, ausgeführt wurde er von „Weißarmbindern“, die die Frauen und Kinder mit Schaufeln erschlugen. Auf dem Friedhof kam es im August 1941 noch zu weiteren Mordtaten, insgesamt wurden dort später die Leichen von über 350 Opfern gezählt.

Die auf dem Gelände des Gutshofes in Pryšmančiai gefangen gehaltenen Frauen und Kinder waren bis Ende August 1941 von den Mordaktionen verschont gebliebenen. Dann jedoch teilte der litauische Polzeichef aus Kaunas der Polizei in Kretinga mit: da es keine allgemeine Anordnung der Exekution von Frauen und Kindern gebe, sei ihr überlassen, der entsprechenden Forderung des „Einsatzkommandos Tilsit“ nachzukommen. Den Frauen teilte Pranas Lukys daraufhin mit, sie würden zu ihren Männern in ein Zwangsarbeitslager verlegt. Unter dem Vorwand einer medizinischen Untersuchung mussten sie sich in einem Raum ausziehen, danach wurden sie einzeln nach außen geschickt und dort von litauischen Polizisten mit Stangen, Bajonetten und Messern empfangen. Anschließend wurden sie erschossen. Pranas Lukys hatte den Mord angeordnet, Gestapo-Vertreter aus Tilsit beobachteten und fotografierten die Mordaktion.

Mit über 1.000 Toten verlor Kretinga Zwischen dem 25. Juni und Anfang September 1941 seine gesamte jüdische Bevölkerung. Nach dem Krieg wurden in Kretinga zwei Massengräber entdeckt. Auf dem jüdischen Friedhof fand man ein Grab mit 356 Opfern, im Wald von Kveciai eines mit 700 Opfern.

Gedenken
In Kretinga erinnern zwei Gedenkorte an diese Verbrechen :

Gedenkort I für die am 25. Juni Ermordeten
Von Kretinga fährt man ca. 2km auf der A11 in Richtung Palanga, zweigt dann links in einen kleinen Waldweg ab (GPS 55.89492100 21.20884900 bzw. 55°53.6953'N 21°12.5309'E), der nach ca. 100m zur Gedenkstätte (1941 M. Fasizmo Aukoms Atminti) führt. Auf dem Monument sind zwei Tafeln mit folgenden Inschriften angebracht:
Tafel 1 (in Jiddisch und Litauisch): „An diesem Ort wurden 1941 700 Juden ermordet.“
Tafel 2 (in Litauisch): „In Erinnerung an die Opfer, die 1941 von Faschisten ermordet wurden“.
GPS 55.89410639 21.20902639 / 55°53.6464'N 21°12.5416'E

Für die Anfang September ermordeten Frauen und Kinder scheint es keinen besonderen Gedenkort zu geben. Die Zahl ihrer Opfer dürfte in die 700 Opfer im Wald von Kveciai eingerechnet worden sein. Wahrscheinlich sind sie auch dort ermordet worden. Die Tatsache ihrer Exekution wird zuverlässig berichtet, nicht jedoch der Ort ihrer Ermordung

Gedenkort II für die im Juli ermordeten Opfer
Vom zentralen Platz in Kretinga (Ecke Birutės- / Mėguvos-Straße) biegt man in die Mėguvos-Straße ein, nach ca. 550 Metern rechts in die Teresiečių-Straße, bis linker Hand ein schwarzer Markstein (300m) zum Friedhofstor weist. 


Gedenkstein für die kommunistischen OpferDer Gedenkstein für die Kommunisten befindet sich vom Tor aus in der hintersten linken Ecke, verdeckt von Bäumen (GPS 55.88231639 21.23815639 bzw. 55°52.9390'N 21°14.2894'E). Auf dem Gedenkstein für die Kommunisten steht (in Litauisch): „Für die Kameraden der litauischen Arbeiterklasse, den Kommunisten Stelmokaitė Teresė, geb. 1921 in Gargždai, Makštys Edvardas, geb. 1881 in Kavarskas, Vainonas Jonas, geb 1907 in Gargždai, und für all die anderen von Deutschen und litauischen Nationalisten während der deutschen Okkupation 1941 Ermordeten. Erinnert Euch! Sie opferten sich, damit das Mutterland frei leben kann. E. Mieželaitis“. GPS 55.88283472 21.23789806 / 55°52.9701'N 21°14.2739'E

Auf halbem Weg dorthin passiert man rechter Hand an dem Gedenkstein für 125 ermordete Juden aus Mosėdis, einem kleinen Ort nahe Skuodas (Bezirk Klaipeda). Die Inschrift auf dem Gedenkstein (in Jiddisch und Litauisch) lautet: „125 Juden aus Mosėdis wurden hier 1941 ermordet“.

Literatur / Medien
Bubnys, Arūnas: Holocaust in Lithuanian Province in 1941, o.J. S. 1-75 (hier S. 36-39) (http://www.docscopic.info/ENG); Dieckmann 2011, Bd. 1,S. 383ff.; Bd.2, S. 856; Holocaust Atlas 2011, S. 88/89 und 90/91; Levinson, Joseph: The Shoa (Holocaust) in Lithuania, Vilnius 2006, S. 98ff.
http://www.holocaustatlas.lt/EN/#a_atlas/search//page//item/154/ (Gedenkort II)
http://www.holocaustatlas.lt/EN/#a_atlas/search//page//item/70/ (Gedenkort I)
http://www.jüdische-gemeinden.de/index.php/gemeinden/c-d/2386-crottingen-litauen (Historischer Abriss)
http://www.jewishgen.org/yizkor/pinkas_lita/lit_00617.html (Josef Rubin: Kretinga)
http://kehilalinks.jewishgen.org/kretinga/history.htm
http://www.seligman.org.il/kretinga_holocaust.html
http://www.iajgs.org/cemetery/lithuania/kretinga.html
https://collections.ushmm.org/search/catalog/irn47099 (Oral Interview with Pranas Jurkus, geb. 1927 in Kretinga)
http://www.gitkind.com/mosedis/index.html (Mosedis Shtetl Project)