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Marijampolė Stadt


Bezirk Marijampolė

Der Ort
Marijampolė, die Hauptstadt des gleichnamigen Bezirks, ist die siebtgrößte Stadt Litauens und heute ein Zentrum der Lebensmittel- und Baumaschinenindustrie. Sie liegt im Zentrum der früheren Region Suvalkija. Marijampolė hat über 38.000 Einwohnern (2015) und wird vom Fluss Šešupė in zwei Teile geteilt. Die Stadt liegt ca. 50km südwestlich von Kaunas und ist mit dem Pkw sowohl über die A5 von Kaunas aus oder über die A16 von Vilnius aus erreichbar. Bis zur polnischen und der Grenze zur russischen Exklave Kaliningrad sind es nur 30 bis 40km.

Die Ereignisse
Gedenkstein am Gedenkort IGedenkort I ehemaliges MilitärgeländeVor dem Überfall der deutschen Wehrmacht im Juni 1941 hatte Marijampolė ca. 15.000 Einwohner, darunter etwa 2.800 Juden und außerdem ungefähr 250 jüdische Flüchtlinge aus der Region Suvalkija, die von der nach dem Überfall auf Polen 1939 von Deutschen besetzten Region geflohen waren. Wie an vielen Orten wurden die Deutschen am 23. Juni 1941 auch hier von Litauern als Befreier vom sowjetischen Regime begrüßt. Aber sofort begannen Repressionen gegen Juden und Kommunisten. Das Kriegstagebuch meldet für den 28. Juni 1941: "In Marijampolė war von den Einwohnern ein örtlicher Selbst- und Polizeischutz aufgestellt worden. Seine Maßnahmen richteten sich vorwiegend gegen die Juden" (Dieckmann). Mitglieder dieses "Selbst- und Polizeischutzes" begannen unmittelbar danach Juden und Kommunisten zu jagen, zu demütigen und zu verhaften. Verhaftete wurden schon in diesen ersten Tagen der Okkupation ungefähr 4km außerhalb der Stadt in Richtung Vilkaviškis ermordet, jüdische Männer und Frauen mussten – auf der Straße, in Haushalten, in der Landwirtschaft – Zwangsarbeit leisten.

Der litauische Kreischef bedankte sich bei der Wehrmacht: "Die Waffen der mächtigen Deutschen säuberten Litauen schnell von Bolschewisten und Juden" (Dieckmann). Auf seinen Befehl vom 01. Juli 1941 begann die systematische Verfolgung. Am 11. Juli wurde ein Judenrat und am 25. Juli ein Ghetto eingerichtet, in das die Juden aus Marijampolė und Umgebung, aus den Orten Liudvinavas, Kazly Ruda und Kalvarija, eingepfercht wurden. Es bestand allerdings nur wenige Tage, denn die Massenerschießungen hatten bereits begonnen.

Bis zum 14. Juli exekutierte das Einsatzkommando 3 aus Kaunas 120 jüdische Frauen, Männer und 15 Kommunisten. Zuvor hatte die Gestapo aus der Grenzstadt Tilsit in Marijampolė 68 Juden ermordet, am 25. Juli folgte die Tötung von 90 Juden und 13 Jüdinnen. Die Mordbilanz betrug Ende Juli bereits über 300 Menschen, die meisten von ihnen waren Juden. Inwieweit die Massaker der Gestapo Tilsit oder dem Einsatzkommando 3 in Kaunas zuzurechnen sind, ist unklar. Die Exekutionen fanden im Šunskai- und im Rudžiai-Wald statt.

Im Wald von Šunskai wurde vermutlich auch eine unbestimmte Zahl von sowjetischen Kriegsgefangenen aus dem Lager in Kalvarija ermordet. Dort waren 1941/42 ca. 1.000 bis 5.000 Gefangene, überwiegend Offiziere, inhaftiert, über deren Schicksal es so gut wie keine näheren Informationen gibt.


Jäger-Bericht Bl. 1 (BArch)

Dem mörderischen Auftakt der Judenverfolgung im Juli folgte am 1. September 1941 auf der Militärbasis der Stadt nahe dem Flüsschen Šešupė ein noch größeres Massaker, dem 7.000 bis 8.000 Juden aus Marijampolė und aus zahlreichen Orten der Umgebung sowie über Hundert psychisch Kranke zum Opfer fielen. Das Morden begann um 10 Uhr morgens und endete am späten Nachmittag. Die Menschen wurden gruppenweise nackt zu acht bereits Ende August von jungen Juden ausgehobenen Gruben getrieben und mit Maschinengewehrsalven getötet. Viele Verwundete wurden lebendig begraben, Kindern wurden die Köpfe zertrümmert. Der Jäger-Bericht listet für diesen Tag auf: „1763 Juden, 1812 Jüdinnen, , 1404 Judenkinder, 109 Geisteskranke, 1 deutsche Staatsangehörige, die mit einem Juden verheiratet war, 1 Russin.“ Die Augenärztin Elena Kutorgienė in Kaunas gibt in ihrem Tagebuch den Bericht einer Augenzeugin wieder: " ... In Marijampolė .... haben sie eine tiefe Grube ausgehoben und Frauen und Kinder hineingejagt (sie schrien und weinten) und sie mit Maschinenpistolen erschossen. Dann haben sie den Nachfolgenden befohlen, sich auf diese warmen, zuckenden und vielleicht sogar noch lebenden Körper zu legen; sie haben sie ebenfalls ermordet und das ging so fort, bis die Grube gefüllt war.... Stöhnen, Wehklagen, Schluchzen. Selbst die litauischen Schaulisten fielen in Ohnmacht, für sie musste der medizinische Notdienst gerufen werden....." (Kutorgienė). Die Täter waren Angehörige des Einsatzkommandos 3, einer deutschen Polizeieinheit und der litauischen Polizei, auch Freiwillige, u.a. Studenten der Hochschule und Universität von Marijampolė. 

1996 beschoss die Stadtverwaltung von Marijampolė, für die Opfer vom 01. September 1941 eine Gedenkstätte zu errichten. An dem von überlebenden Zeitzeugen angegebenen Ort wurde jedoch kein Grab entdeckt, Anlass für Holocaust-Leugner, den Massenmord in Zweifel zu ziehen. Nach archäologischen Recherchen wurde das Massengrab etwa 100m weiter westlich gefunden, das Denkmal wurde dort errichtet. Die dort genannte Zahl der Opfer, die auf Angaben von Zeitzeugen aus dem Jahr 1944 beruhen, scheinen nach neuerer Forschung zu hoch.

Gedenken
Für die Opfer von Marijampolė gibt es drei Gedenkorte:

Gedenkort I für die am 01. September 1941 auf der Militärbasis Ermordeten
Von Marijampolė aus fährt man auf der Kudirkos Straße (Nr. 201) in Richtung Kalvarija und biegt nach etwa 1km scharf in die P. Armino Straße und nach ca. 100m wieder links in die Varpo Straße ein. Am Ende dieser Straße befindet sich ein kleiner Parkplatz. Ein blaues Hinweisschild (Masiniu Zudyniu Vieta 240 m) und ein schwarzer Markstein (300 m) weisen zum Ufer der Šešupė, der Weg führt zum Gedenkort. Das Denkmal trägt die Inschrift (Jiddisch und Litauisch): „Hier wurde das Blut von ungefähr 8.000 jüdischen Männern, Frauen und Kindern – und ungefähr 1.000 Menschen anderer Nationalität vergossen. Sie wurden im September 1941 von Nazi-Mördern und deren litauischen Helfern umgebracht.“
GPS 54.54559972 23.33396000 / 54°32.7360'N 23°20.0376'E

Gedenkorte Rudžiai und Šunskai 

Rudžiai (2014) Rudžiai Šunskai (2014) Šunskai

Gedenkort II für die im Juli 1941 im Wald von Rudžiai Ermordeten
Wie zum Gedenkort I fährt man in Marijampolė auf die Kudirkos Straße und biegt nach ca. 100m Metern links auf die A7 Richtung Vilkaviškis. Von diesem Abzweig überquert man nach ca. 4 km die A5. Nach weitern 1,7 km, in der Nähe einer Bushaltestelle, führt rechts ein Weg zu einem kleinen Parkplatz. Ein schwarzer Markstein (200 m) weist zum Gedenkort im Wald. Der Gedenkstein trägt folgende Inschrift (Jiddisch und Litauisch): " An diesem Ort haben im Juli 1941 Hitlers Mörder und ihre lokalen Kollaborateure die Juden von Marijampolė ermordet."
GPS 54.58187806 23.27670806 / 54°34.9127'N 23°16.6025'E

Gedenkort Šunskai  (Atlas 2010)Gedenkort III für die im Juli 1941 im Wald von Šunskai Ermordeten 
Man fährt von Kaunas kommend auf der A5 Richtung Marijampolė fährt, bleibt aber auf der Umgehungsstraße und fährt nicht in die Stadt hinein. Nach ca. 3 km biegt man rechts auf die Str. Nr. 2607 Richtung Šunskai und fährt ca. 7km weiter bis zu einem Wald. Ca. 30m vor dem Waldrand führt rechts ein kleinen Waldweg zu einem schwarze Markstein (200m) und zu der Gedenkstätte. Die Gedenksteine tragen folgende Inschriften: "Das Blut von ungefähr 200 Juden wurde hier vergossen. Die Nazis ermordeten sie 1941 (Jiddisch und Litauisch); " Hier erschossen faschistische Henker 1.700 sowjetische Menschen" (Litauisch); "Hier erschossen vom 5. bis 15. Juli 1941 faschistische Henker ungefähr 1.500 Kriegsgefangene und 200 friedliche Bürger." (Litauisch und Russisch). 
GPS 54.60424639 23.31970806 / 54°36.2548'N 23°19.1825'E

Literatur / Medien
Holocast Atlas 2011, S. S. 108 -111; Dieckmann Band 1 S. 390: und Band 2, S. 877f., S. 1357; Elena Kutorgienė in: Grossmann / Ehrenburg: Das Schwarzbuch, 1994: Tagebuch S. 655f.;
http://www.holocaustatlas.lt/EN/#a_atlas/search//page//item/14/ (Gedenkort I)
http://holocaustatlas.lt/EN/#a_atlas/search//page//item/183/ (Gedenkort II Rudžia)
http://holocaustatlas.lt/EN/#a_atlas/search//page//item/38/ (Gedenkort III Šunskai)
https://www.ushmm.org/search/results/?q=Marijampole
http://kehilalinks.jewishgen.org/mariampol/maria2.html 
https://www.jewishgen.org/yizkor/pinkas_lita/lit_00385.htm
https://phdn.org/archives/www.david-irving.de/img/jaeger/jaeger1.gif
https://www.memorialmuseums.org/denkmaeler/view/1002/Gedenkstein-Massenerschießungsstätte-in-Marijampolė
http://holocaustcontroversies.blogspot.de/2006/04/thats-why-it-is-denial-not-revisionism_06.html 
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