Region Kampanien / Provinz Neapel

Die Stadt
Neapel, gleichzeitig Hauptstadt der Region Campanien und der Provinz Neapel mit etwa 1 Million Einwohnern, ist nicht zuletzt wegen seiner spektakulären Lage am Meer und am Fuß des Vesuv, berühmt. Wohl wenigen Besuchern der Stadt ist allerdings die opfer- und ruhmreiche Rolle der Stadt in der Geschichte des Widerstandes gegen die deutsche Besatzung im September 1943 bekannt. Die Stadt hat dafür die „medaglia d'oro al valor militare“ erhalten.

Die Ereignisse

Besatzungsterror
Nach über hundert Luftangriffen in den vorausgegangenen zehn Monaten war Neapel am 8. September 1943, am Tag der Kapitulation Italiens und in der folgenden Nacht der Landung der Alliierten in der Bucht von Salerno eine weitgehend zerstörte Stadt. Die Bewohner lebten in Trümmern und Kellern, die Versorgung der Stadt war zusammengebrochen. Bis zum 11. September lieferten sich italienische Soldaten und deutsche Truppen noch vereinzelte Gefechte, bis am 12. September Oberst Walter Scholl als Stadtkommandant die zivile und militärische Gewalt mit dem Befehl des Oberbefehlshabers Kesselring übernahm, die Stadt erst zu verlassen, wenn sie in Schutt und Asche gelegt sei. Scholl verhängte den Belagerungszustand, der innerhalb von wenigen Stunden zum Terrorregime eskalierte und die Verwirklichung des „Nero-Befehls“, die Verwüstung und Beraubung der Stadt, in Gang setzte (Verbrecherische Befehle). Die Folgen waren: unter Einsatz aller verfügbaren militärischen Mittel die systematische Brandstiftung und Zerstörung von Wohn-, Geschäfts- und Wirtschaftsgebäuden, die Jagd auf Bewohner und massenhafte willkürliche Erschießungen, Zerstörung der Infrastrukturanlagen einschließlich der Wasserversorgung und des Hafens. Wegen eines sporadisch aufflammenden ersten Widerstandes ließ der Stadtkommandant bekannt geben, dass für jeden verwundeten oder getöteten deutschen Soldaten 100 Geiseln erschossen würden. Gleichzeitig begann mit dem Abtransport von Maschinen, Lebensmitteln und Waren aller Art die systematische Ausplünderung Neapels (wirtschaftliche Ausbeutung). Die in der Stadt operierende deutsche Wehrmacht wurde zur räuberischen Soldateska, die 18 Tage unter dem Befehl des Stadtkommandanten Scholl entwickelten sich zur puren Barbarei. Unter dem Eindruck dieser Ereignisse formierten sich, allerdings ohne jede Koordination untereinander, erste Widerstandsgruppen.

Das zerstörte Neapel (Foto: Istituto campano)

Brandstiftung, Barbarei und Propagandalüge
… die (deutschen) „Vernichtungstrupps ... dringen in die Gebäude ein, schlagen die Türen ein, schleppen die Bewohner heraus, bespritzen Böden und Möbel mit brennbaren Flüssigkeiten und legen Feuer. Die Brände greifen auf die Universität über, Löschversuche werden unterbunden. Es sollen 7.000 Leute um die Universität herumgestanden haben, als die Deutschen mit Lastwagen abtransportierten, was ihnen brauchbar zu sein scheint: Schreibmaschinen, Mikroskope, die Laboreinrichtungen. Ein Archiv von 10.000 kostbaren frühen Drucken verbrennt mit dem Lehrmaterial in den Hörsälen. Deutsche Kriegsberichterstatter bauen ihre Kameras auf und filmen den Brand der Universität. Bei der Vorführung in den (danach in den deutschen Kinos gezeigten – Red.) Wochenschauen lautet der Text: Alliierte Bomber hätten die Universität in Brand gesetzt, deutsches Militär habe zu retten versucht, was noch zu retten war.“ (Kuby, S. 249)

 

Die „Vier Tage von Neapel“
Als die gewaltsame Aushebung von Zwangsarbeitern zur blutigen Menschenjagd eskalierte, griffen am 26. September auf der Piazza Giardinetto, wo zusammengetriebene Männer auf ihren Abtransport warteten, plötzlich über hundert Frauen und Kinder die schwer bewaffneten deutschen Wachmannschaften mit Küchenmessern und Holzprügeln so überraschend an, dass diese gerade noch die Flucht ergreifen und die gefangenen Männer deshalb befreit werden konnten. Der spontane Aufstand breitete sich in die anderen Stadtteile aus. Als die Deutschen mit Geiselnahmen und Exekutionen reagierten, mündete der Widerstand vom 27. bis 30. September 1943 in den Volksaufstand der „Vier Tage von Neapel“ („Quattro Giornate di Napoli“), in deren Verlauf die 

Barrikadenkampf in Neapel (Istituto campano)

weitgehend unorganisierten Widerstandsgruppen mit spontaner Guerillataktik, wenn auch unter schweren Opfern, den in den Straßenkampf geworfenen, mit Panzern und schweren Waffen ausgerüsteten Wehrmachtseinheiten nicht nur Paroli bieten, sondern sie am Ende aus der Stadt vertreiben konnten. Die Aufständischen konnten den Stadtkommandanten in dessen Befehlszentrale einschließen, die deutschen Soldaten wurden zur Aufgabe und zum Abzug gezwungen. Am Abend des 30. September 1943 rückten angloamerikanische Truppen in Neapel ein – „...das Volk (hat) über schwer bewaffnete reguläre Truppen der Deutschen gesiegt, Neapel ist frei“ (Andrae, S. 84).


Deutsche als Täter
Als im Oktober 1962 der italienische Film ‚Die vier Tage in Neapel’ in den (deutschen Red.) Lichtspielen anlief, löste er hierzulande eine Welle der Empörung aus. Weshalb? Um was ging es? Es ging um die Verletzung eines Tabus, das besagte, dass die Wehrmacht, wenn überhaupt, eine verbrecherische Kriegsführung allenfalls in der Sowjetunion praktizierte. Und diese als höchst angenehm empfundene gesellschaftliche Konvention stellte jener Film nun in Frage, dessen Bilder und Texte das – vor allem von dabei gewesenen angefertigte – Gemälde einer epochalen Geschichtsklitterung mit der künstlerischen Darstellung der historischen Realität konfrontieren. Der Zuschauer sieht existenzielle Not, gequälte Kreaturen, hungernde Kinder, Verwüstungen jeder Art, willkürliche Erschießungen, brutalste Deportationen und entsetzliche Grausamkeiten. Exemplarisch wird das Italienurlaubern gemeinhin unvertraute Leid veranschaulicht, welches die Furien des Krieges italienischen Menschen zufügten. Die Stadt am Vesuv als ‚Pars pro toto’. Doch das was viele in der Bundesrepublik wohl ehrlich irritierte, einige vielleicht nur oberflächlich störte und manchen wiederum irrational empörte: der Film zeigte Deutsche als Täter.“ (Gerhard Schreiber, S. 7)


Denkmal für die Opfer der Quattro Giornate (Foto: humaniter)

Gedenktafel im Stadtviertel Vomero (Foto: wikipedia)Gedenken
In der Stadt erinnern zahlreiche Tafeln und Denkmale an die Ereignisse, insbesondere an die Opfer der  Kämpfe während der „Vier Tage“. Auf der Piazza della Repubblica ist ein Monument des Bildhauers Meriono Mazzacurati dem Aufstand der „Quattro giornate“ gewidmet. (Foto: www.humaniter.org/public/ScreenShot001_219.jpg)

Gedenktafel für die „Vier Tage von Neapel“ im Stadtviertel Vomero, in dem der Aufstand begann (Foto: de.wikipedia.org/wiki/Vier_Tage_von_Neapel)

Gedenktafel mit Namen der Opfer in der via Gemito 7, am Gebäude, in dem heute die Carabinieri Napoli-Vomero untergebracht sind.

Denkmal an der Piazza Quattro Giornate,  via Cesario Console - giardini (beide Fotos: Lucio Ciccone, http://www.chieracostui.com/costui/  docs/search/schedaoltre.asp?ID=7021&myword=Quattro

Die von zwei Mittelschulklassen erarbeitete Broschüre „Le Quattro Giornate di Napoli: i luoghi e la memoria“ (Napoli 2001), fasst die Ereignisse des Jahres 1943 und der „Vier Tage…“ in italienischer Sprache übersichtlich zusammen und stellt die Zeitzeugnisse der von den Schülerinnen und Schülern befragten Großeltern-Generation zusammen. Die Broschüre zeigt außerdem Kartenausschnitte und zahlreiche Fotos, die historische und aktuelle Aufnahmen der Erinnerungsorte in Neapel einander gegenüber stellen. 

Denkmal an der Piazza Quatro Giormnate (Foto: Ciccone)

Weitere Informationen: Istituto Campano per la Storia della Resistenza "Vera Lombardi", via Costantino 25, 80125 Napoli (www.icsr.it)

Tafel mit Namen der Opfer (Foto: Ciccone)

Literatur /  Medien:

Andrae, Friedrich: Auch gegen Frauen und Kinder. Der Krieg der deutschen Wehrmacht gegen die Zivilbevölkerung in Italien 1943–1945. München/Zürich 1995 S. 77 ff; Schreiber, Gerhard: Deutsche Kriegsverbrechen. Täter, Opfer, Strafverfolgung.  München 1996, S.7 und 58 ff./ 136 ff; Kuby, Erich: Verrat auf deutsch. Wie das dritte Reich Italien ruinierte, Hamburg 1982, S. 149 ff; Scuola Media Statale „Nosegno-Deledda“, Le Quattro Giornate die Napoli: i luoghi e la memoria, Napoli 2001; Film „Die vier Tage von Neapel“ (Italien 1962, gegenwärtig keine deutschsprachige DVD erhältlich; www.imdb.de/title/tt0056389/); http://www.scultura-italiana.com/galleria/Mazzacurati%20Marino/imagepages/image7.html; http://dokujunkies.org/dokus/staedte-dokus/neapel-offene-stadt-1943-bis-1948-dtv-xvid.html; www.storiaxxisecolo.it/Resistenza/resistenza4c.htm; www.ilportaledelsud.org/quattrogiornate.htm; gruppi.chatta.it/napoli-la-citta-d-o-sole-e-d-o-mare-/forum/localita-paesi-citta-campania/1233999/le-quattro-giornate-di-napoli/tutti.aspx; www.humaniter.org/index.asp; (Foto: www.humaniter.org/public/ScreenShot001_219.jpg); www.comune.napoli.it/flex/cm/pages/ServeBLOB.php/L/IT/IDPagina/15366;