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Marzabotto

Region Emilia Romagna / Provinz Bologna

Reste der Kirche von Cavriglia/MarzabottoDer Ort
Ungefähr 30 km südlich von Bologna – in gleicher Entfernung von Pistoia Richtung Norden – liegt die Ortschaft Marzabotto, erreichbar über die SS 64. Der Ortsname Marzabotto wurde zu einem Symbol für den blutigen Terror während der nationalsozialistischen Besatzung in Italien.

Die Ereignisse
Das Gebiet um Marzabotto mit seinen verschiedenen Teilgemeinden lag vor den Toren Bolognas – zwischen den Fronten der Alliierten im Süden und der Deutschen im Norden (Gotenlinie) – an wichtigen Verkehrsstrecken für Waffen- und Truppentransporte. Die Partisanenbrigade „Stella Rossa“ unter ihrem Kommandanten Mario Musolesi („Lupo“), war dort mit Sabotage- und Angriffsaktionen gegen deutsche und faschistische Einrichtungen aktiv. Ende September 1944 kam es an den Abhängen und auf den Hügeln des Monte Sole um Marzabotto zu Kämpfen zwischen Partisanen dieser Brigade und der 16. SS-Panzer-Grenadierdivision „Reichsführer SS“ unter dem Kommando des SS-Majors Walter Reder. Die Einheit hatte zuvor im Bereich der Apuanischen Alpen gewütet (Sant’ Anna di Stazzema, San Terenzo Monti,Vinca) und hatte den Auftrag, das Gebiet von Partisanen zu „säubern“. Da es den Partisanen immer wieder gelang, sich rechtzeitig zurück zu ziehen, kam es kaum zu unmittelbaren Kampfauseinandersetzungen, wenngleich der Partisanenanführer Musolesi  in einem der Gefechte am 29. September fiel. Die Vergeltung für den Widerstand um Marzabotto und für die geringe Wirksamkeit ihres Angriffs richtete die SS-Formation schließlich in bestialischer Weise gegen die Zivilbevölkerung. Zwischen dem 29. September und dem 5. Oktober 1944 fielen dem Blutbad in Marzabotto und den 15 Ortschaften zwischen dem Reno- und dem Setta-Tal, zwischen Monte Sole, Monte Salvaro und Monte Termini, 770 Menschen auf grauenvolle Weise zum Opfer, darunter 216 Kinder unter 12 Jahren, 142 Personen über 60 Jahre, 316 Frauen und fünf Priester. Der Pfarrer der Teilgemeinde Cavriglia wurde während eines Gottesdienstes mit den Besuchern in der Kirche eingeschlossen, anschließend wurden die Versammelten mit Handgranaten getötet, die Kirche wurde vollständig zerstört.Gedenktafel auf dem Friedhof von Casaglia (Foto: wikipedia)
Die Nazi-Truppen brannten die Häuser der Siedlungen nieder und töteten die Tiere, ungefähr 500 Männer deportieren sie zur Zwangsarbeit. Nur zwei sechs und acht Jahre alte Kinder haben das Massaker in Marzabotto überlebt; heute zählt der Ort wieder ca. 6.750 Einwohner/innen. 
Das Verhältnis zwischen der Zahl von neun bei den Gefechten mit den Partisanen auf deutscher Seite Gefallenen zu der fast hundertfachen Opferzahl auf Seiten der italienischen Zivilbevölkerung verlieh nach den Worten des Militärhistorikers Gerhard Schreiber „dem wahren Charakter deutscher Besatzungsherrschaft ... beispielhaften Ausdruck“. Das Verbrechen um Marzabotto nimmt in der langen Liste deutscher Kriegsverbrechen in Italien einen erschreckenden und herausrangenden Platz ein.

Gedenken
Vor dem Rathaus von Marzabotto vermittelt eine große Gedenktafel die wesentlichen Informationen zum Hergang der Ereignisse. Daneben erinnern Steinskulpturen an die Opfer. In der wenige Meter entfernten Kirche befindet sich das Sacrario ai Caduti (Heiligtum der Opfer), in dem der mit Namen und Alter genannten Ermordeten gedacht wird. Vor dem Sacrario wird auf vergleichbare Orte nazistischer Besatzungsverbrechen in Europa hingewiesen, u.a. auf Lidice (Tschechien), Auschwitz (Polen), Oradour (Frankreich), Kalavryta (Griechenland), Guernica (Spanien).

Gedenktafeln vor dem Sacrario Tafel mit Zahl der Opfer im Sacrario Namen der Opfer

Parco Storico di Monte Sole
Die Hügel des Monte Sole oberhalb von Marzabotto, dessen Weiler 1944 von den SS-Truppen niedergebrannt und gesprengt wurden, sind zu einem weitläufigen Gedenkpark umgestaltet. Von Marzabotto aus auf der strada statale (SS 64) nach Süden in Richtung Porretta führt in der Ortschaft Pian de Venola eine ausgeschilderte Abzweigung links zum Parco Storico. Im Zentrum des Parks liegt eine Jugendherberge, von der aus Schulklassen und andere Jugendgruppen über Wanderwege und Fahrstraßen zu den Ruinen der ausgelöschten Ortschaften und den dort angebrachten Informationstafeln aufbrechen können.

Parco Storico Monte Sole Gedenkstätte San Martino Monte Sole Gedenkstätte auf dem Monte Sole

Nach 1945
Der Kommandeur der 16. SS-Division, General Max Simon, wurde 1947 von einem britischen Militärgericht in Padua u.a. wegen der Kriegsverbrechen in Marzabotto zum Tod verurteilt, danach wurde die Strafe auf „lebenslänglich“ herabgestuft. Simon wurde 1954 begnadigt und freigelassen. Der Befehlshaber vor Ort, der aus Österreich stammende SS-Major Walter Reder, wurde 1951 zu lebenslanger Haft verurteilt und verbüßte hiervon 33 Jahre bis zu seiner Freilassung (1985). Erst 1969 begannen in Deutschland Ermittlungen gegen deutsche Beteiligte an den Verbrechen von Marzabotto. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart stellte jedoch die Ermittlungen 1993 ein, ohne Anklage erhoben zu haben. 2007 verurteilte ein italienisches Militärgericht zehn ehemalige Angehörige der SS-Truppe in Abwesenheit wegen der Mordtaten um Marzabotto zu lebenslanger Haft und zur Zahlung von Entschädigung. Auch zwei an den Verbrechen in Marzabotto beteiligte italienische Kollaborateure – Lorenzo Minardi und Giovanni Quadri – wurden von einem Gericht in Brescia zum Tode, bzw. zu 30 Jahren Haft verurteilt, nach einer Amnestie jedoch entlassen.

Im Frühjahr 2002 besuchte der damalige Bundespräsident Johannes Rau mit dem italienischen Staatspräsidenten Ciampi Marzabotto und den Gedenkpark auf dem Monte Sole. Er war das erste deutsche Staatsoberhaupt, das sich ausdrücklich an die Opfer von Kriegsverbrechen in Italien wandte und dabei „Trauer und Scham“ zum Ausdruck brachte.

Im Informationsbüro „Parco storico di Monte Sole“ (www.parcostoricomontesole.it), Via Poretta 4 (Hauptstraße) sind Karten und Informationsmaterial (u.a. für den Schulunterricht) erhältlich. Kontakt über Gian Luca Luccarini, Presidente dell'Associazione Familiari delle Vittime degli eccidi nazifascisti di Grizzana-Marzabotto-Monzuno 1943–1944, Telefon: 0338-6551466; e-mail: info@eccidiomarzabotto.com

Literatur / Medien:
Gerhard Schreiber: Deutsche Kriegsverbrechen in Italien – Täter, Opfer, Strafverfolgung. München 1996,  S. 193 ff.; Kohl (Himmel), S. 148 ff.; Silingardi, Claudio: Alle Spalle della Linea Gotica. Storie Luoghi Musei di Guerra e Resistenza in Emilia-Romagna, Modena 2009, S. 109 ff.; Carlo Gentile: Marzabotto. in: Gerd R. Ueberschär (Hrsg.), Orte des Grauens. Verbrechen im Zweiten Weltkrieg. Darmstadt 2003, S. 136–146; ders.: Walter Reder – ein politischer Soldat  im „Bandenkampf“, in: Klaus-Michael Mallmann, Gerhard Paul (Hg.), Karrieren der Gewalt. Nationalsozialistische Täterbiographien, Darmstadt 2004, S. 188–195.; Friedrich Andrae: Auch gegen Frauen und Kinder. Der Krieg der deutschen Wehrmacht gegen die Zivilbevölkerung in Italien 1943–1945. München- Zürich 1995, S. 220 f.; Kammerer, P., Krippendorff, E.: Reisebuch Italien. Von Südtirol bis zur Toskana – der Norden. Hamburg, überarbeitete Neuausgabe 1998; S. 228;  Christiane Kohl: Der Himmel war strahlend blau. Vom Wüten der Wehrmacht in Italien. Wien 2004, S. 148 ff.; La resistenza. Beiträge zu Faschismus, deutscher Besatzung und dem Widerstand in Italien (3); Verein zur Förderung alternativer Medien e.V. Erlangen (Hg) 2006, S. 54 f.; Seckendorf in: Junge Welt, 26.09.2009; Nanneti, Anna Rosa: I bambini del '44. La vita doppo gli eccidi - Marzabotto 2008, (Associazione dei Familiari delle Vittime dgli eccidi nazifascisti dei Communi di Marzabotto, Grizzana, Monzuno e territori limitrofi), o.O., o.J.; http://www.anfim.it/wai/marzabotto.htm
http://www.gedenkdienst.at/index.php?id=531
http://www.storiaxxisecolo.it/DOSSIER/Dossier1b.htm 
http://de.wikipedia.org/wiki/Massaker_von_Marzabotto
http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Eccidio_monte_sole6.jpg&filetimestamp=20070528101648;
www.spiegel.de/spiegel/print/d-46409231.html; www.train1944.com