Region Kreta / Regionalbezirk Chania

Chania - Venezianischer HafenDie Stadt
Die Hafenstadt Chania, Hauptort des gleichnamigen Regionalbezirks, ist mit 108.642 Einwohner/innen (53.910 Einwohner/innen in der eigentlichen Kernstadt, Stand 2011), die zweitgrößte Stadt der griechischen Insel Kreta und war bis 1971 - damit auch während der deutschen Besatzung der Insel - Hauptstadt der Insel (nun Iraklio).
Chania liegt an der Schnellstraße E 75 (New Road), die entlang der kretischen Nordküste verläuft. Der auf der Akrotiri-Halbinsel an der Souda-Bucht liegende internationale Flughafen von Chania Ioannis Daskalogiannis, benannt nach einem kretischen Widerstandskämpfer gegen die osmanische Herrschaft im 18. Jahrhundert, wird von vielen europäischen Charter- und Linienfluggesellschaften angeflogen.

Ereignisse
Nach dem Einfall der deutschen Truppen in Griechenland war Chania Ende April 1941 kurzfristig Sitz des aus Athen geflohenen Königs Georg II. und der griechischen Exilregierung unter Emmanouil Tsouderos.
Mit dem deutschen Angriff auf den nahe Chania gelegenen Flughafen von Maleme, in dessen Nähe sich heute der deutsche Soldatenfriedhof befindet, begann am Morgen des 20. Mai 1941 die Luftlandeschlacht um Kreta, die bis zum 1. Juni 1941 nur unter sehr großen Verlusten „erfolgreich“ abgeschlossen werden konnte.
Die Villa Andromeda, eine neoklassizistische Villa im ehemaligen Diplomatenviertel Chalepa, die zwischen 1897 und 1912 schon als deutsches Konsulat gedient hatte, wurde Sitz des Kommandanten der „Festung Kreta”; das ehemalige Wohnhaus von Eleftherios Venizelos (mehrmaliger, aus der Nähe von Chania stammender griechischer Premierminister) wurde zum Wohnsitz des Kommandanten.

Villa AndromedaEine erste Widerstandsgruppe gründeten in Chania örtliche Honoratioren um Andreas Papadakis, Ioannis Paizis, Andreas Polentas, Titos Georgiadis and Ioannis Ioannidis am 14. Juni 1941 mit der AEAK (Anotati Epitropi Agonos Kritis, Oberstes Kampfkomitee für Kreta). Starke Spannungen mit den britischen SOE-Agenten (Special Operations Executive, britische nachrichtendienstliche Spezialeinheit) und ein nicht realisierbarer Vormachtsanspruch der AEAK im kretischen Widerstand führten nach wenigen Monaten zur Auflösung der Organisation. Papadakis verließ Kreta, andere Mitglieder der AEAK schlossen sich der im Herbst 1942 unter maßgeblicher Beteiligung der Briten gegründeten EOK (Ethniki Organosis Kritis, Nationale Organisation Kretas) an. Weitaus stärker verankert in Chania war die vom hochgeachteten Venizelisten General Emmanuel Mandakas nach der deutschen Besetzung aufgebaute kretische ELAS, die von den Briten unabhängig agierte und eine schlagkräftige Partisanenorganisation aufbaute, ihren Einfluss aber nie auf die gesamte Insel ausdehnen konnte.
Chania war die am längsten von deutschen Truppen besetzte Stadt Griechenlands. In das als „Kernfestung“ (auch: „Fester Platz“) bezeichnete Gebiet um Chania, Maleme und die Souda-Bucht hatten sich nach dem Abzug der Mehrheit der Deutschen im September 1944 die verbleibenden Truppen (ca. 12.000 Soldaten mit knapp 5.000 italienischen Kriegsgefangenen) zurückgezogen. Auch nach ihrer Kapitulation am 9. Mai 1945 in Knossos (Regionalbezirk Iraklio) und darüber hinaus blieben deutsche Truppen wegen Transportengpässen in Chania und erhielten von den britischen Verantwortlichen, die sie in bestimmten Bereichen zur „Aufrechterhaltung der Ordnung“ einsetzten, teilweise sogar die Waffen zurück.

Einnerung an die Deportierten (Foto: Etz Hayyim Synagoge)Deportation der Juden aus Chania
Zum Zeitpunkt des deutschen Angriffs auf Kreta gab es im Ort noch zwei Synagogen; die Jüdische Gemeinde umfasste ca. 300 Mitglieder, von denen die meisten im jüdischen Viertel um die Kondylaki Straße herum in der Altstadt nahe des venezianischen Hafens lebten. Die Beth Schalom Synagoge wurde durch Bombardements im Mai 1941 zerstört; die aus dem 16. Jahrhundert stammende Etz Hayyim Synagoge konnte weiter genutzt werden. Die Repressalien gegen die kretischen Juden begannen mit einem Zwang zur Registrierung und einem Schächtverbot, es folgte die Kennzeichnung jüdischer Geschäfte („Jüdisches Geschäft, für Deutsche verboten! “, August 1941). 1943 begannen die Vorbereitungen zur „Endlösung der Judenfrage“ (siehe Judenverfolgung in Griechenland), antijüdische Propaganda wurde verstärkt und eine erneute Zählung der Gemeinde, der nun auch einige Familien aus Iraklio und Rethymnon angehörten, verlangt. Am Morgen des 29. Mai 1944 umstellten deutsche Wehrmachtseinheiten das jüdische Viertel und führten die überfallartigen Verhaftungen durch. Fast 300 Männer, Frauen und Kinder wurden zunächst in das Zuchthaus in Agia gebracht, das seit Beginn der deutschen Besatzung als Polizeihaft- und Geisellager diente. Die jüdischen Wohnungen und auch die Synagoge wurden geplündert, Kultgegenstände zerstört. Nach zweiwöchiger Haft wurden die Gefangenen nach Iraklio gebracht, von wo aus sie am 9. Juni 1944 auf dem Frachtschiff Tanais zunächst nach Athen und von dort weiter in deutsche Vernichtungslager deportiert werden sollten. Auf der Überfahrt wurde das Schiff - wohl von einem britischen U-Boot - am 10. Juni 1941 torpediert und sank.

Gedenken
Weder in der Villa Andromeda (heute ein Hotel), in dem sich der Dienstsitz des Festungskommandanten befand, noch an dessen Wohnsitz (heute ist dort die Venizelos-Stiftung untergebracht), erinnert noch etwas an die Verwendung der Gebäude unter der deutschen Besatzung. Lediglich in der zwischen 1911 und 1913 nach dem Marseiller Vorbild errichteten Markthalle von Chania sind auf einem großen Informationsständer, auf dem die Geschichte der Halle nachgezeichnet wird, auch Fotos der von den Deutschen zu Lagerzwecken requirierten Halle ausgestellt.

Etz Hayyim Synagoge
Mit finanzieller Hilfe ausländischer Sponsoren konnte die Etz Hayyim Synagoge restauriert werden. 1999 wurde sie neu geweiht. Da es keine eigenständige jüdische Gemeinde auf Kreta mehr gibt, hat eine engagierte Gruppe von Einzelpersonen die Aufgabe übernommen, die Erinnerung und die jüdische Kultur weiterhin zu pflegen und zu fördern. Die Synagoge ist darüber hinaus der zentrale Ort der Erinnerung an die (nach aktuellem Forschungsstand) 263 kretischen Jüdinnen und Juden, die im Jahre 1944 umgekommen sind. An sie erinnert eine Messingtafel in der Synagoge.
Im Januar 2010 wurden zwei verheerende Brandanschläge auf die Synagoge verübt. Nebengebäude, das Treppenhaus, Computer und vor allem die wertvolle Bibliothek sowie die Archivalien der Gemeinde wurden zerstört. Die Täter dieses antisemitisch begründeten Anschlags wurden kurz darauf verhaftet, Schäden dank Spenden behoben.
Etz Hayyim Synagoge, Parodos Kondylaki Str., 73110 Chania, Tel: +30 28210 86286, Mail: info@etz-hayyim-hania.org; www.etz-hayyim-hania.org.
Öffnungszeiten: Für Besucher ist die Synagoge von Montag bis Donnerstag von 10.00-18.00 Uhr (während der Wintermonate von November bis April bis 17.00 Uhr) und Freitags von 10.00-15.00 Uhr geöffnet.

Maritime Museum of CreteEinrichtungen
Mehrere kleine Säle im 1. Stockwerk des am Westende des venezianischen Hafens in der Festung Firka untergebrachten Nautischen Museums Chanias sind der Schlacht um Kreta und der deutschen Besatzung gewidmet.
Maritime Museum of Crete, Chania, Tel: +30 2821 091875, Mail: mar-mus@otenet.gr, www.mar-mus-crete.gr; Öffnungszeiten: Täglich 9.00-17.00 Uhr (von Mai bis Oktober Sonntags 10.00-18.00 Uhr); Eintritt 3 Euro.

Literatur / Medien:
Xylander, Marlen von: Die deutsche Besatzungsherrschaft auf Kreta 1941-1945, Freiburg 1989; de.wikipedia.org/wiki/Chania#Deutsche_Besatzungszeit; www.etz-hayyim-hania.org/the-jews-of-crete/the-history-of-the-jews-of-crete; en.wikipedia.org/wiki/National_Organization_of_Crete;