Im Ghetto begannen sich kleinere Gruppen aus der zionistischen und kommunistischen Jugendbewegung zu organisieren, zunächst um das Überleben im Ghetto zu erleichtern und der allgemeinen Depression zu begegnen. Während die zionistischen Gruppen den bewaffneten Kampf zunächst ablehnten und sich eher um den kulturellen Bereich und um schulische Aktivitäten kümmerten, bereiteten kommunistische Gruppen mit Wissen und  Duldung von Mitgliedern des Ältestenrats und der Ghetto-Polizei den bewaffneten Widerstand im Untergrund vor.

Kulturelle Selbstbehauptung
Ähnlich wie im Ghetto von Vilnius trugen im Ghetto von Kaunas zahlreiche kulturelle  Aktivitäten zur Erleichterung des schweren Alltagslebens und zur Stärkung des Widerstands bei. Die vom Ältestenrat unterstützten und überwiegend von den zionistischen Gruppen betriebenen Einrichtungen und Institutionen des Kulturlebens umfassten ein Schul- und Bildungswesen, literarische Versammlungen, Konzerte, Vorträge und Zusammenkünfte.

Ghetto-Schule (USHMM)Das besondere Augenmerk der Verantwortlichen galt den Kindern und Jugendlichen, vor allem denen, die ihre Eltern verloren hatten. Fast alle Einrichtungen waren illegal und mussten im Geheimen betrieben werden. Der Schulbesuch für zwei Schulen mit ca. 200 Kindern war zunächst erlaubt, ab August 1942 verboten. Danach wurde der Unterricht in Privathäusern weitergeführt. Lediglich eine Fachschule für handwerkliche Berufe wurde von den Deutschen genehmigt. Sie entwickelte sich zum wichtigsten Kulturzentrum der Jugend. In ihr fand neben dem Fachunterricht auch allgemeiner Unterricht und religiöse Bildung statt. In Werkstätten wurde Zeichnen und Malen, Theater, Tanz und Gesang unterrichtet. In den Erinnerungen der damaligen Kinder und Jugendlichen – z.B. Fruma Kučinskienė-Vitkinaitė – boten diese Möglichkeiten eine Ablenkung ihres von Angst und Furcht geprägten Alltags. Es gab literarische Zirkel, Veranstaltungen zu wissenschaftlichen, sozialen und kulturellen Themen, Kunstausstellungen, Theater und Konzertaufführungen, eine Bibliothek und einen Chor.

Ghetto-Orchester (USHMM)Das Ghetto-Orchester unter der Leitung von Michael Hofmekler und Alexander StupelGhetto-Orchester mit Leiter Hofmekler (USHMM) gab zahlreiche Konzerte und Singspiele, die im Haus der Ghetto-Polizei (vormals Slobodka Yeshiva) aufgeführt wurden. Nach der "Intelligenz".Aktion wurden die Musike in Polizei-Uniformen gekleidet, um sie vor weiteren Aktionen zu schützen.

Zuständig für das Bildungswesen und die Kultureinrichtungen war der Leiter des Kulturamts und Mitglied des Ältestenrats, Chaim Nachman Shapiro. Shapiro schrieb ein philosophisches Werk über das Leben und den Untergang der Juden, das leider verloren gegangen ist. Er schrieb auch eine erschütternde „Pädagogische Anleitung für Kinder“, wie sie sich mit der Todesmöglichkeit aussöhnen und ihr ruhig begegnen sollten (Atamuk 2000).

J. Lifschitz 1943 (USHMM)Im Februar 1942 waren die Ghetto-Bewohner per Erlass des Einsatzstabes Reichsleiter Rosenberg (ERR) bei Todesstrafe aufgefordert worden, sämtliches geschriebene und gedruckte Material, alle Bücher, Zeitungen, Zeitschriften, Manuskripte und persönliche Aufzeichnungen abzugeben. Die Bücher aus dem Ghetto wurden im Gebäude des früheren jüdischen „Volkshauses“ in Kaunas gesammelt, von Fachleuten – u.a. für Hebräisch – aussortiert und anschließend nach Frankfurt/M. abtransportiert. Leider gab es in Kaunas keine Gelegenheit, zumindest einen Teil der Kulturwerte zu retten. Im Auftrag des Ältestenrats wurde ein Geheimarchiv angelegt, in dem das illegale Material, Tagebücher und Aufzeichnungen über das  Ghetto-Leben gesammelt wurde. Fast alles ist verloren gegangen. Unter den wenigen erhaltenen Dokumenten befinden sich z.B. das Tagebuch von Avraham Golub (Tory), die heimlich aufgenommenen Fotos von Hirsh Kadushin (George Kadish) und die beeindruckenden Zeichnungen von Esther Lurie und Jacob Lifschitz.E. Lurie 1944 (GFH) 

Auch im Ghetto von Kaunas gab es die Diskussion, ob kulturelle Aktivitäten legitim seien. Doch es gab eine breite Übereinstimmung, dass die vielfältige Kulturarbeit das Gedenken an die Toten nicht beeinträchtigte, sondern ein „Gegenmittel“ gegen Hunger, Angst und Schmerzen darstellte. Das Kulturleben und seine Institutionen stärkten den Widerstand.

Literatur / Medien
Atamuk, Solomon: Juden in Litauen. Ein geschichtlicher Überblick vom 14. bis 20. Jahrhundert, hrsg. von Erhard Roy Wiehn, Konstanz 2000, S. 181; Dieckmann 2011, Bd. 2, S. 1055-1105; Kučinskienė, Fruma V.: Aus dem Ghetto Kaunas gerettet, in: Bartusevičius u.a. (Hg.): Holocaust in Litauen, 2003, S. 218-229

http://www.yadvashem.org/yv/en/exhibitions/music/shavli_and_kovno.asp
http://holocaustmusic.ort.org/de/places/ghettos/kovno/
http://www.jewishvirtuallibrary.org/the-kovno-ghetto-orchestra
https://www.kickstarter.com/projects/477452349/music-from-kaunas-ghetto
http://ghetto.galim.org.il/eng/school/photo.html
http://jewishhistoryaustralia.net/TheHistoryOfNow/Kovno/ (Untergrundschule, Lehrer Shmuel Rosenthal)
https://www.ushmm.org/exhibition/kovno/main.htm (Online Exhibition)

Fotos
USHMM / Eliezer Zilberis, Photograph 70875 ("Children studying in a clandestine school in the Kovno Ghetto.")
USHMM / Robert W. Hofmekler, Photograph 30040 ("Performance of the Kovno ghetto orchestra.")
USHMM / George Kadish, Photograph 81071 ("Performance of the Kovno ghetto orchestra.")
GFH, Catalog No. 820, Esther Lurie ("Portrait of a Jewish woman inmate - she was once beautiful ... ")
USHMM, Hidden History of the Kovno Ghetto, Secret Archives ("Jacob Lifschitz, untitled scene of the Kovno ghetto in 1943.")