Einführung

Das Aostatal, das Tal der Dora Baltea im äußersten Nordwesten Italiens, gehörte während der 20 Monate andauernden deutschen Besatzung Norditaliens noch zur Region Piemont (bis 1946). Es war – zusammen mit dem Canavese, der Gegend um Ivrea – mit Beginn des Jahres 1927 von der Provinz Turin losgelöst und zur eigenen Provinz erklärt worden.

Viele in der Provinzhauptstadt Aosta stationierte, aber auch aus anderen Landesteilen in die Heimat zurückkehrende Soldaten schlossen sich nach dem Kriegsaustritt Italiens am 8. September 1943 dem Widerstand in der Hoffnung an, auf diese Weise der Gefangennahme und Deportation durch die Deutschen zu entgehen (Militärinternierte). Die Ausbildungsakademie der italienischen Gebirgsjäger (Scuola militare di alpinismo) schloss ganz. Von besonderem Interesse war das Aostatal für die Deutschen wegen der im flachen Haupttal angesiedelten wichtigen Industrieanlagen der Eisen- und Stahlproduktion, die die im Val di Cogne geförderten Erze verarbeiteten, und wegen der Rüstungsbetriebe mit dem Schwerpunkt Raketen- und Torpedobau. Geostrategische Bedeutung kam dem Tal mit seinen 16 engen hochalpinen Seitentälern, eingerahmt von Matterhorn und Monte Rosa im Norden, Mont Blanc im Westen und Gran Paradiso im Süden, wegen seiner Grenzlage zur Schweiz und nach Frankreich zu. Diese topografischen Bedingungen boten der valdostanischen Resistenza nach der Besetzung des Aostatals am 14. September 1943 Rückzugs- und Fluchtmöglichkeiten und machten es zu einem wichtigen Scharnier bei der Fluchthilfe, der Nachschubversorgung und dem Informationsaustausch zwischen dem Nationalen Befreiungskomitee (CLN in Turin und CLNAI in Mailand) und den Alliierten, vor allem zur Gesandtschaft des amerikanischen Geheimdienst OSS (Office of Strategic Services) in der Schweiz.

Die Besonderheit des antifaschistischen Widerstands im Aostatal bestand von Beginn an in der zusätzlichen Forderung nach regionaler Autonomie der überwiegend französisch- und frankoprovenzalischsprachigen, von strikter Italienisierung betroffenen Bevölkerung. Ihre Protagonisten, u.a. der Jurist Émile Chanoux (der am 18. Mai 1944 verhaftet und zu Tode gefoltert wurde) und der Historiker Federico Chabod, legten am 19. Dezember 1943 gemeinsam mit Vertretern der evangelischen Waldensertäler in der Carta di Chivasso ihre Ziele fest.
Als im Sommer und Herbst 1944 fast alle Seitentäler des Aostatals von den Partisanen besetzt waren – lediglich das Haupttal, La Thuile und Courmayeur blieben unter deutscher Kontrolle – wurde der Sitz des bewaffneten Widerstands der gesamten Provinz Aostatal in die Partisanenrepublik „Repubblica di Cogne” verlegt. Obwohl die valdostanische Resistenza an sich den Weisungen der Regionalvertretung des CLN im Piemont unterstand, wurde nach Verhandlungen im September 1944 ein eigenes Befreiungskomitee – der CLN Valdostano – aufgestellt, womit eine Art Vorgriff auf die zukünftige Autonomie des Aostatals seitens des CLN vollzogen wurde.

Gedenkstein für die Opfer des Aostatals in Saint PierreAm 26. April 1945 verließen die Deutschen Aosta, am 28. April auch die letzten RSI-Truppen. Am 4. Mai 1945 erreichten die Alliierten Aosta. Nach deren Abzug Ende 1945 wurde am 10. Januar 1946 der frühere Widerstandskämpfer Federico Chabod erster Präsident der Region. 1948 wurde ein Sonderstatut verabschiedet, das den Valdostanern autonome Rechte gewährte und Italienisch und Französisch als offizielle Amtssprachen gleichstellte.

Informationen: Centro di documentazione e Museo della Resistenza Brigata Lys, Chef-lieu 27-28, 11020 Perloz, Tel. 0125.807974, E-Mail: info@comune.perloz.ao.it, www.comune.perloz.ao.it/ComSchedaTem.asp?Id=36842  

Museo della Resistenza – Bibioteca Comunale “Abbé Henry”, Loc. Capoluogo 6/a, 11010 Valpelline, Tel. 0039.0165.73.437, E-Mail: biblioteca@comune.valpelline.ao.it; www.bibliotecaabbehenry.vda.it

Adresse: Istituto Storico della Resistenza e della Società Contemporanea in Valle d’Aosta / Institut d’histoire de la Résistance et de la Société contemporaine en Vallée d’Aoste, Rue Xavier de Maistre, 24, 11100 Aoste, Tel. 0165 40846, E-Mail: esvalleehis@libero.it, www.resvallee.it

Literatur / Medien:
Presa, Silvana: Le Fasi della Resistenza in Valle d'Aosta 1943-1945, Aosta, 2009; Omezzoli, Tullio: Tra fascismo e Resistenza, Aosta 2012; Bauer, Roland: Sprachsoziologische Studien zur Mehrsprachigkeit im Aostatal, Tübingen 1999, S. 5-140 (“Allgemein historischer Abriss”); www.storiavda.it/novecento.html; www.resvallee.it/chanoux/bio.html; www.provincia.torino.gov.it/organi/consiglio/comitato_resistenza/pdf/carta_chivasso.pdf

 

Gedenkorte in der Region Aostatal:

Aosta 
Colle del Piccolo San Bernardo 
Conca di By 
Nus 
Perloz 
Saint Pierre 
Saint Vincent Amay  
Terre Noir
T
rois-Villes
Val di Cogne 
Valpelline 
Valsavarenche 
Villeneuve