Bezirk Klaipėda

Der Ort
Darbėnai, eine Kleinstadt mit 1.600 Einwohnern (2001), liegt 13km nördlich von Kretinga und ungefähr 45km nördlich von Klaipėda. Man erreicht die Stadt, die am Flüsschen Darba liegt, von Klaipėda aus auf der Straße Nr. 168 über Kretinga und von dort weiter auf der Straße Nr. 218.

Die Ereignisse
Die Deutschen besetzten nach schwerem Artilleriebeschuss die Stadt noch am Tag des Überfalls auf die Sowjetunion (22. Juni 1941). Viele Juden waren vor dem Beschuss in Nachbarorte geflüchtet, wurden bei ihrer Rückkehr von litauischen „Weißarmbindern“ mit Misshandlungen und Schlägen empfangen und danach zu erniedrigenden Arbeiten gezwungen. Am 28. Juni brach am Marktplatz Feuer aus, ein Gerücht beschuldigte die jüdischen Bewohner der Brandstiftung, worauf sich alle Juden auf dem Marktplatz versammeln mussten. Deutsche und Litauer brachen in das Haus des Rabbiners ein, ergriffen ihn und rissen ihm den Bart aus, dann schlugen sie ihn zu tot. Anschließend trieben litauische „Weißarmbinder“ ungefähr 600 Juden – Männer, Frauen und Kinder – zu Fuß nach Kretinga. Männer wurden anstelle von Pferden vor einen Wagen gespannt, auf dem die Alten transportiert wurden, während sie von der litauischen Begleitmannschaft erbarmungslos mit Peitschen angetrieben wurden. Kaum angekommen in Kretinga, wurde die ganze Marschkolonne wieder zurück nach Darbėnai beordert, wo sie über Nacht am Stadtrand im Freien kampieren musste.

Gedenkstein für die ermordeten Männer

Am 29. Juni 1941 trafen sechs deutsche Offiziere – ob SS- oder Wehrmachtsangehörige, ist unklar – in Darbėnai ein und separierten die Männer von den Frauen und Kindern, die in die Synagoge eingesperrt wurden. 150 der Männer vom 16. Lebensjahr an wurden zusammen mit vier sowjetischen Kriegsgefangenen außerhalb der Stadt bei einer Mühle an der Straße Darbėnai/Lazdininkai ermordet und in einer Grube – einigen von ihnen noch lebend – verscharrt. Die Frauen wurden in der grauenvoll überfüllten Synagoge eingesperrt, einige Tage später ältere Frauen und Kinder ermordet.

Anfang September lebten in der Synagoge noch ca. 400 Frauen und Kinder. Von diesen wurden zunächst hundert Frauen mit kleinen Kindern vom lokalen Polizeichef aussortiert und im Wald ca. 1km außerhalb von Darbėnai von „Weißarmbindern“ auf brutal Weise erschlagen und erschossen.

Eine Woche nach dieser Mordtat wurden die übrig gebliebenen Frauen und Kinder auf ähnlich brutale Art getötet. Während bei der Exekution der Männer noch deutsche Soldaten beteiligt waren, wurden die Frauen und Kinder von litauischen „Weißarmbindern“ unter Befehl der Polizeichefs von Darbėnai und Kretinga ermordet. Wenige Tage später wurde eine letzte Gruppe von Frauen mit Kindern umgebracht. Einige junge Jüdinnen überlebten dank der Hilfe von Litauern, die menschlich handelten, indem sie sie versteckten und bis zur Befreiung 1944 schützten.

Eine im April 1945 eingesetzte sowjetische Untersuchungskommission für den Bezirk Kretinga kam zu dem Ergebnis, dass während der deutschen Besatzung in Darbėnai 596 Menschen, nahezu ausschließlich jüdische Männer, Frauen und Kinder, ermordet worden sind.

Gedenken

Gedenkstätte I
Den Gedenkort für die am 29. Juni 1941 ermordeten Männer erreicht man von Kretinga aus auf der Straße Nr. 218, indem man nach dem Ortseingangsschild Darbėnai links in die Verbindungsstraße einbiegt und bis zur Palangos-Straße fährt, in die man nach links einbiegt. Dort steht nach ca. 80 Metern auf der linken Seite der etwas von Bäumen verdeckte Gedenkstein mit zwei Inschriften: „An diesem Platz wurden 1941 140 Juden ermordet“ (in Jiddisch und Litauisch); in Litauisch: „Und die Menschen, die starben, verstanden nicht, dass ihre Unschuld ihre Schuld war (J. Marcinkevičius). In Erinnerung an 144 Opfer des faschistischen Terrors 1941”.
GPS 56.01778806 21.24329139 / 56°1.0673'N 21°14.5975'E

Gedenkstätte II
Für die im September 1941 ermordeten Frauen und Kinder von Darbėnai gibt es zwei Gedenkorte:

Gedenkstein für die einhundert Frauen und Kinder (Atlas)Zum dem Gedenkort für die Anfang September ermordeten einhundert Frauen und Kinder gelangt man, wenn man in Darbėnai auf der Straße 218 nach dem Ortseingang rechts in die Kašučių-Straße einbiegt. Nach dem Ortsende nimmt man den zweiten Waldweg links, ein Hinweisschild (Žydų Genocido Vieta 0,5km) weist den Weg in den Wald. Nach einigen hundert Metern sieht man einen schwarzen Markstein (200m). Nach weiteren ca. 250m weist ein zweiter Markstein (30m) zu dem Gedenkstein. Er trägt folgende Inschrift: „An diesem Ort wurden 1941 100 Juden getötet“ (in Jiddisch und Litauisch).
GPS 56.0156083333 21.2803 / 56°0.9365′N 21°16.818′E

Gedenkstein für die dreihundert ermordeten Frauen und Kinder (Atlas)Zum zweiten Gedenkort für die eine Woche später ermordeten dreihundert Frauen und Kinder gelangt man, wenn man in Darbėnai rechts auf die Straße Nr. 2323 in Richtung Vaineikiai einbiegt. Nach ca. 1,5km folgt man einem braunen Hinweisschild (Žydų Genocido Vieta 0,3km) rechts in den Wald. Nach hundert Metern sieht man einen schwarzen Markstein (200m), dem man bis zu einem zweiten Markstein (50m) folgt. Der Gedenkstein trägt folgende Inschrift (in Jiddisch): „An diesem Ort ermordeten 1941 Hitlers Schergen und ihre lokalen Helfer 300 Juden – Frauen und Kinder“.
GPS 56.017207 21.277322 / 56°1.03242′N 21°16.63932′E


Eine von der Lippischen Landeskirche organisierte Gruppe mit über 30 Mitgliedern organisierte im Sommer 2014 eine Reise nach Darbėnai, um gemeinsam mit den litauischen Bewohnern die dortigen Grabstätten zu säubern. Dazu Cornelia Wentz, Pfarrerin der Kirchengemeinde und Organisatorin: „Wir können als heutige Deutsche diese Wunden nicht heilen, nicht wieder gut machen, was an Gräueln einst geschah, aber wir können die Erinnerung an jüdisches Leben wachhalten, Gräber sichtbar erhalten, damit sie uns zu Frieden und Toleranz mahnen“ (reformiert-info.de 2014).


Literatur / Medien
Bubnys, Arūnas: Holocaust in Lithuanian Province in 1941, o.J. S. 1-75 (hier S. 39-40) (http://www.docscopic.info/ENG); Dieckmann 2011, Bd. 1, S. 389, S. 670; Holocaust Atlas 2011, S. 85-86; Kwiet, Konrad: Rehearsing for Murder: The Beginning of the Final Solution in Lithuania in June 1941 (abrufbar unter http://holocaustinthebaltics./Konrad-Kwiet.pdf)

http://www.holocaustatlas.lt/EN/#a_atlas/search//page//item/156/ (Gedenkort I)
http://www.holocaustatlas.lt/EN/#a_atlas/search//page//item/222/ (Gedenkort II/1)
http://www.holocaustatlas.lt/EN/#a_atlas/search//page//item/157/(Gedenkort II/2)

https://www.youtube.com/watch?v=137L1YEwuAI (Gedenkort II/1)
http://www.jewishgen.org/yizkor/pinkas_lita/lit_00209.html (Dov Levin: "Darbėnai" – Pinkas ha-Kehillot Lita / Encyclopedia of Jewish Communities in Lithuania, Jerusalem 1996)
http://yahadmap.org (Interview mit der Zeitzeugin Ona Macienė u.a.)
http://www.reformiert-info.de/13466-0-8-2.html ("Lipper pflegen jüdischen Friedhof in Litauen. Gräber halten Erinnerung an jüdisches Leben in Darbenai vor dem 2. Weltkrieg wach"; Zitat Cornelia Wentz 2014)

Fotos
Gedenkorte II/1 und II/2: Lithuanian Holocaust Atlas, Items 157 u. 222 ("Mass Murder of the Jewish Women and Children of Darbėnai.")