Region Westgriechenland / Regionalbezirk Achaia

Gedenkstätte auf dem Kappi-HügelDer Ort
Kalavryta (auch: Kalavrita), im Kern eine Kleinstadt mit gegenwärtig ca. 2.000 Einwohner/innen, ist nach Eingemeindungen auf rund 11.000 Einwohner/innen angewachsen. Der Ort liegt - 30 Kilometer von der Nordküste der Halbinsel Peloponnes und ca. 75 Kilometer von Patras entfernt - in etwa 740 m Höhe, flankiert von Gebirgsmassiven. Hier hatten die Griechen im März 1821 den Aufstand gegen die Osmanenherrschaft begonnen, und im später von der Wehrmacht zerstörten nahen Kloster Agia Lavra soll Bischof Germanos von Patras die Fahne der Freiheitskämpfer gesegnet haben.
Kalavryta erhielt per Gesetz die Bezeichnung Märtyrerort Griechenlands.
Mit dem Pkw nimmt man aus Richtung Athen die Autobahn A8 in Richtung Patras. In Diakofto biegt man nach Kalavryta ab (190 km). In den Ort gelangt man auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln: Vom Flughafen Athen mit dem Proastiakos (Athens Suburban Railway) bis zur Endstation Kiato und von dort aus weiter mit dem Bus (Schienenersatzverkehr) in Richtung Patras bis Diakopto. Eine Ende des 19. Jahrhunderts erbaute Schmalspur/Zahnradbahn führt direkt nach Kalavryta.
Bei der Anfahrt nach Kalavryta wird der Abzweig zum Kloster Megaspiläon (auch: Mega Spileon) passiert.

Die Ereignisse
Skulptur an der GedenkstätteNach der Niederlage der deutsch-italienischen Armee in Nordafrika (Mai 1943) und der Landung der anglo-amerikanischen Truppen in Süditalien (Juli 1943) erwartete die deutsche Militärführung irrtümlich eine Landung der Alliierten an der westgriechischen Küste. Im September 1943 „übernahm“ die deutsche Besatzungsarmee die bisherige italienische Besatzungszone mit der Halbinsel Peloponnes, nachdem der italienische Faschistenführer Mussolini gestürzt war und Italien das Bündnis mit Nazideutschland verlassen hatte (Italienischer Kriegsaustritt). Vor diesem Hintergrund befahl die Wehrmachtsführung die „Befriedung des Hinterlandes und Vernichtung der Aufständischen und Banden aller Art“ (zit. nach Seckendorf), d.h. einen Vernichtungsfeldzug insbesondere gegen die im Westen der Peloponnes besonders erfolgreichen ELAS-Partisanen: Bei rücksichtslos durchgeführten Durchkämmungsaktionen fanden in deren Verlauf Hunderte Griechinnen und Griechen den Tod, Tausende wurden als Geiseln genommen. Mitte Oktober 1943 gelang dem griechischen Widerstand in der Nähe von Kalavryta die Gefangennahme eines Aufklärungstrupps der 117. Jägerdivision. Wegen nicht ausreichender Kräfte veranlassten die Deutschen nicht sofort „Sühnemaßnahmen“; aber am 25. November 1943 ordnete Generalmajor Karl von Le Suire, Kommandeur der 117. Jägerdivision, das „Unternehmen Kalavrita“ an. Als Ziele wurden definiert: .„a) Vernichtung der in den genannten Räumen befindlichen Banden. b) Durchsuchung der Ortschaften nach Kommunisten, Waffen, Propagandamaterial usw. c) Such- und Vergeltungsaktion für das am 18.10.43 in Gegend Roji aufgeriebene 5./Jg. Rgt. 749“ (zit. nach Manoschek/ Safran, S. 367). Als die deutschen Kampftruppen dem Versteck der gefangenen Deutschen immer näher rückten, ließ die ELAS-Führung - nachdem sich Verhandlungen über einen Gefangenenaustausch ergebnislos hingezogen hatten - am 7. Dezember 1943 über 70 Gefangene exekutieren.

Die Kirchturmuhr ist um 14.34 Uhr stehengebliebenNachdem die Leichen der erschossenen deutschen Gefangenen aufgefunden waren, gab von Le Suire - bekannt für seine antigriechische Einstellung (das „Sauvolk“ der „Nichtstuer, Schieber und Korrupteure“) - am 10. Dezember 1943 den Befehl: „Als Sühnemaßnahme für die gemordeten Angehörigen der 1. u. 5./Jg. Rgt. 749 sind die Orte Mazeika und Kalawrita dem Erdboden gleichzumachen“ (zit. nach Rondholz 1999, S. 249). Am 13. Dezember 1943 wurde der gesamten Bevölkerung Kalavrytas befohlen, sich in der Schule zu versammeln. Die Männer führten die Deutschen unter der Versicherung, es geschehe ihn nichts, auf einen Hügel am Rand der Stadt und mähte sie dann hinterhältig mit Maschinengewehren nieder. Diesem Massaker fielen ca. 500 Männer und Jungen vom 12. Lebensjahr an zum Opfer. Die Häuser Kalavrytas wurden in Brand gesteckt, Wertsachen und Lebensmittel, aufgefundenes Geld und das Vieh wurde abtransportiert. Zurück blieb einen verwüstete Stadt, blieben verzweifelte Frauen und Kinder; nur wenige Männer hatten, geschützt von Leichenbergen über ihnen, verwundet überlebt.
Über 20 der umliegenden Ortschaften wurden zerstört und darüber hinaus fast 200 weitere Menschen ermordet. Im Verlauf des „Unternehmens Kalavrita“ wurden nach Darstellung im erhalten gebliebenen Kriegstagebuch der 117. Jägerdivision 696 Angehörige der an den Kämpfen unbeteiligten Zivilbevölkerung umgebracht. 

Gedenken
Gedenkstätte
Etwas außerhalb der Stadt erinnert am Kappi-Hügel, auf dem das Massaker stattgefunden hat, eine Gedenkstätte an die Toten, deren Namen in große Betonwände eingelassen sind. Ein hohes weißes Kreuz auf dem Hügel selbst ist weithin im Tal sichtbar. Unterhalb des Kreuzes erinnern weiße Steinlettern an das Datum des Massakers; zeitweise auch die Inschriften „OXI ΠIA ΠOΛEMOI“ (Nie wieder Krieg) und „ΕΙΡΗΝΗ“ (Frieden). Am 13. Dezember jeden Jahres findet hier eine Gedenkfeier statt.

Museum des Holocaust von KalavrytaMuseum des Holocaust von Kalavryta
In der früheren Schule, in der am 13. Dezember 1943 Frauen, Kinder und Alte eingesperrt waren, befindet sich seit 2005 das „Museum des Holocaust von Kalavryta“, das mit Dokumenten, Fotografien und Literatur zum Hergang und der Geschichte des Verbrechens ausgestattet ist. Informationen auch in deutscher Sprache unter www.dmko.gr.
Im Garten des Museum befindet sich die Skulptur einer um ihren ermordeten Mann trauernden Frau mit ihren Kindern.

Kirchturmuhr
Die Turmuhr der Kirche Kalavrytas, die am 13. Dezember 1943 von der Brandstiftung durch die deutsche Soldadeska erfasst worden war, ist am Tag des Massakers stehen geblieben. Ihr Zeiger hält bis heute die Stunde des Kriegsverbrechens fest: 14.34 Uhr. Gedenktafeln (gr./engl.) erläutern die Hintergründe.

Friedhof
Der Friedhof Kalavrytas mit den Gräbern der Opfer befindet sich an der Straße von der Ortsmitte zur Gedenkstätte.

Kloster Mega Spileon
Als Neubau wiedererrichtet: Kloster Mega SpileonIm Rahmen ihres „Rachefeldzuges“ in der Region Kalavryta überfielen Angehörige der 117. Jägerdivision bereits am 8. Dezember 1943 das im 9. Jahrhundert – nach einer Legende noch Jahrhunderte früher - gegründete Kloster Mega Spileon (Schreibweise auch: Megaspiläon), einen seit Jahrhunderten in Griechenland berühmten und viel besuchten Wallfahrtsort. Die Deutschen zerstörten das Kloster und ermordeten Mönche, Novizen und Klosterpersonal im Alter zwischen vierzehn und achtundachtzig Jahren. Das Kloster wurde nach 1945 wieder aufgebaut. Eine Gedenktafel mit den Namen der Ermordeten und eine Abbildung des Gebäudes vor seiner Zerstörung erinnert an die Untaten vom 8. Dezember 1943.

Nach 1945
Im Nachkriegs-Deutschland blieben der Name und die Schreckensgeschichte Kalavrytas über Jahrzehnte so gut wie unbekannt. Ein langsame Änderung der öffentlichen Wahrnehmung begann mit der Ausstrahlung des Dokumentarfilms „Unternehmen Kalavrita“ (Autoren: Erhard Klöss und Eberhard Rondholz) durch den WDR (1982). Einen weiteren Schritt, das Kriegsverbrechen von Kalavryta „mit seiner umfassenden historischen Dimension“ (Droulia, S. 10) in das öffentliche Bewusstsein zu rücken, ist einem Internationalen Symposion zu verdanken, das 1993 in Athen aus Anlass des 50. Jahrestags das Massakers stattgefunden hat und dessen Ergebnisse einige Publizität auch in Deutschland erreichten. Bundespräsident Rau besuchte im Rahmen einer offiziellen Griechenlandreise im Jahr 2000 Kalavryta. Eine Entschädigung für Verbrechen an der Zivilbevölkerung verweigert der deutsche Staat bis heute.

Strafverfolgung nach 1945
Im Museum von KalavrytaIm siebten der insgesamt 12 Nachfolgeverfahren der Nürnberger Prozesse (auch: Fall 7, Geiselmord-Prozess und Prozess Generäle in Südosteuropa) wurden im Februar 1948 vier deutsche Generäle, u.a. Hellmuth Felmy als kommandierender Befehlshaber, für in Griechenland begangene Besatzungsverbrechen zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Dabei kam den Massenmorden von Kalavryta, Distomo und Klissoura ein besonderer Stellenwert zu: Sie wurden vom Gericht als kaltblütiger Massenmord gewertet. (Die verurteilten Kriegsverbrecher wurden allerdings bereits Anfang der 1950er-Jahre im Rahmen der McCloy-Amnestie begnadigt.)

Vor deutschen Gerichten musste sich keiner der Beteiligten an den Kriegsverbrechen gegen die Bevölkerung von Kalavryta und der weiteren Dörfer in der Umgebung verantworten: Von Le Suire war 1955 in sowjetischer Gefangenschaft gestorben, und alle Ermittlungsverfahren gegen weitere Täter wurden eingestellt, da - so beispielsweise die Begründung der Staatsanwaltschaft Bochum - „das Massaker von der deutschen Justiz als vom Kriegsrecht gedeckt und damit als nicht strafbar eingestuft wurde“ (Rondholz 1999, S. 252).

Literatur / Medien:
Droulia, Loukia / Fleischer, Hagen (Hg.): Von Lidice bis Kalavryta - Widerstand und Besatzungsterror, Studien zur Repressalienpraxis im Zweiten Weltkrieg, Berlin 1999; Droumpouki, Anna Maria: Das posthum gespaltene Gedächtnis von Kalavryta. Die öffentliche Geschichtswahrnehmung des Massakers in der Nachkriegszeit, in: Kambas, Chryssoula / Mitsou, Marilisa (Hg.): Die Okkupation Griechenlands im Zweiten Weltkrieg. Griechische und deutsche Erinnerungskultur, Köln 2015, S. 143-154; Fleischer, Hagen: Deutsche „Ordnung“ in Griechenland, in: Droulia u. ders. (Hg.): a.a.O., S. 151-223; Manoschek, Walter / Safrian, Hans: 717./117. ID - Eine Infanterie-Division auf dem Balkan, in: Heer, Hannes / Naumann, Klaus (Hg.): Vernichtungskrieg - Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944, S. 157-190; Meyer, Frank Hermann: Von Wien nach Kalavryta. Die blutige Spur der 117. Jägerdivision durch Serbien und Griechenland, Mannheim/Möhnesee 2002; Rondholz, Eberhard: Rechtsfindung oder Täterschutz? Die deutsche Justiz und die „Bewältigung“ des Besatzungsterrors in Griechenland, in: Droulia, Loukia / Fleischer, Hagen (Hg.), a.a.O. S. 225-291; Rondholz, Eberhard: Kalavryta 1943, in: Ueberschär, Gerd R. (Hg.): Orte des Grauens. Verbrechen im Zweiten Weltkrieg, Darmstadt 2003, S. 60 ff.; „Unternehmen Kalavryta“. Eine „Vergeltungsaktion“ der deutschen Wehrmacht, Dokumentarfilm von Erhard Klöss und Eberhard Rondholz, Westdeutscher Rundfunk 1982; Seckendorf, Martin: Unternehmen „Kalawrita“, in: junge welt, 13. Dezember 2013 (www.bv-opfer-ns-militaerjustiz.de/uploads/Dateien/Presseberichte/JW20131213.pdf); de.wikipedia.org/wiki/Kalavryta; de.wikipedia.org/wiki/Megaspiläon; de.wikipedia.org/wiki/Bahnstrecke_Diakopto-Kalavryta