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Paneriai / Ponary

Bezirk Vilnius

Gedenkstätte Paneriai

Der Ort
Paneriai (litauisch) / Ponary (polnisch) / Ponar (jiddisch) ist eine kleine Ortschaft, ca. 10km südwestlich von Vilnius. Die genaue Bezeichnung lautet Aukstieji Paneriai – nicht zu verwechseln mit dem wenige Kilometer entfernt liegenden Zemieji Paneriai. Der Ort ist ein wichtiger Bahnknoten- und Güterumschlagplatz. Hier kreuzen sich Bahnlinien Richtung Westen, Süden und Osten. Man erreicht den Ort entweder per Bahn (Vorortzug von Vilnius Richtung Trakai, oder Zug Richtung Kaunas) bis zur Haltestelle Paneriai, überquert die Fußgängerbrücke und läuft rechts die Agrastų-Straße bis zum ca. 1km entfernten Gedenkort. Oder mit dem Pkw Richtung Flughafen; ca. 1km vor dem Flughafen biegt man rechts auf die Straße Nr. 202 / Eišiškių plentas und folgt dem Straßenschild „Paneriai 4km" und einem Hinweisschild (Panerių Memorialas). GPS 54.62748806 25.16204806 / 54°37.6493'N 25°9.7229'E

Gedenktafel am Eingang

Die Gedenkstätte
Nicht die Ortschaft Paneriai selbst, sondern das an deren Rand liegende Wäldchen ist zum Gedenkort für ein ganzes Gelände der Massenvernichtung geworden. Dort hatte die Sowjetadministration 1940/41 Gruben für ein (nach dem deutschen Einmarsch nicht fertig gestelltes) Öltank-Lager ausheben lassen. Dieses Gelände nutzten die deutsche Besatzungsmacht und deren litauische Kollaborateure drei Jahre lang für Massenexekutionen: 100.000 Männer, Frauen, Jugendliche und Kinder wurden dort zwischen Juli 1941 und Juli 1944 ermordet – ungefähr 70.000 Juden, 20.000 Polen, 10.000 sowjetische Kriegsgefangene sowie eine unbekannte Zahl von Roma und nichtjüdischen Litauern. Die vorgefundenen Gruben dienten als Massengräber.


Die Mahnmale
• Das Denkmal für die zwischen Juli 1941 und Juli 1944 ermordeten ca. 70.000 Juden wurde 1991 errichtet. Vorher gab es kein eigenständiges Erinnerungsmal für die jüdischen Opfer, die vom sowjetischen Regime nach 1944 pauschal zu den zivilen Opfern des deutschen Überfalls gezählt worden waren. An diesem Ort findet seit mehreren Jahren am 23. September, dem Tag der Liquidierung des Ghettos von Vilnius, die staatliche Gedenkfeier zu Ehren der litauischen Holocaust-Opfer statt. Die Inschrift auf dem Denkmal lautet: „Zur ewigen Erinnerung an 70.000 Juden von Vilnius und der Region, die hier von den Nazi-Schlächtern und ihren Kollaborateuren ermordet und verbrannt worden sind.“

• Das in den Jahren 1948 errichtete Mahnmal zu Ehren der ungefähr 10.000 Kriegsgefangenen befindet sich ca. 100m entfernt vom Holocaust-Mahnmal.

• An die in Paneriai ermordeten Polen, häufig Angehörige der polnischen Oberschicht in Vilnius (unter ihnen auch Priester), erinnert ein etwa 50m rechts vom Eingangsparkplatz entfernter Gedenkort.

• An Litauer, die sich der Eingliederung in die SS widersetzt haben und die deshalb erschossen worden sind, erinnert seit 1993 ein etwa 50m links vom Eingangsparkplatz liegendes Grabmal.

Mahnmal Rückseite Mahnmal für die jüdischen Opfer Denkmal für die sowjetischen Kriegsgefangenen Denkmal für die ermordeten Polen Denkmal für die getöteten Litauer

Die Ereignisse

Die Mordwelle von Juli bis Dezember 1941
Aufnahmen eines Wehrmachtsoldaten (BArch)Ponary 1941 eine der Erschießungsgruben (BArch)Die drei Jahre lang anhaltenden Massenmorde begannen am 3. Juli mit dem Eintreffen des SS-Einsatzkommandos 9 unter SS-Obersturmbannführer Alfred Filbert in Vilnius. Bereits in den Tagen zuvor hatten litauische „Aufständische“ in Vilnius Juden und Kommunisten willkürlich festgenommen und an den Gruben in Paneriai exekutiert. Die Mörder des Einsatzkommandos 9, denen Ende Juli 1941 jene des Einsatzkommandos 3 unter dessen Chef Karl Jäger folgten, machten aus den Massenmorden blutige Routine:
Das Gelände im Wäldchen und alle Zugänge waren mit Posten abgesichert, die Gruben wurden abgestützt und mit Laufgräben versehen. Die in Fußmärschen und auf Lastwagen herangeschafften Opfer, die zuvor ihre Oberkleidung ablegen mussten, wurden in Gruppen in die Gruben getrieben und erschossen. Das Kommando lag bei den SS-Angehörigen, geschossen wurde von litauischen Hilfstruppen. Im Juli 1941 wurden fast ausschließlich Männer, ab August 1941 auch Frauen, Jugendliche und Kinder umgebracht. Berichte der SS (Jäger-Bericht), Beobachtungen und Aussagen von Zeit- und Augenzeugen (u.a. Sakowicz, Schur, SutzkeverKaczerginski) ergeben, dass in Paneriai allein bis zum Jahresende 1941 aus Vilnius ungefähr 24.000 Juden, eine große Zahl von Polen und vermutlich auch sowjetische Kriegsgefangene exekutiert wurden.

Zwar lassen sich im Verlauf dieser sechs Monate konkrete „Anlässe“ für einzelne Mordaktionen erkennen: ein vorgetäuschter Anschlag auf deutsche Soldaten in Vilnius Ende August, „Räumung“ des für das Ghetto vorgesehenen Stadtbezirks Anfang September, „Selektionen“ bei der Ghetto-Errichtung im September sowie bei der Liquidierung des sog. kleinen Ghettos Anfang Oktober, Durchkämmung des Ghettos nach Häftlingen ohne Arbeitsscheine, Großaktionen bis Dezember – alle „Aktionen“ erfassten jeweils hunderte und tausende Opfer. Das grundlegende Ziel jedoch war immer und gleich bleibend: die Vernichtung der litauischen Juden insgesamt, dazu die „Ausschaltung“ von Polen und sowjetischen Kriegsgefangenen als Gegner der deutschen Besatzung. Mit dem Jahresende 1941 endeten vorübergehend die Massenmordaktionen, weil vor allem die Wehrmacht und die deutsche Zivilverwaltung jetzt darauf bestanden, die arbeitsfähigen Juden zur Zwangsarbeit in Bau- und Versorgungsbetrieben (u.a. Holz, Torf, Straßenbau, kriegswichtige Produktionen und Reparaturbetriebe) einzusetzen. Der geplante Blitzkrieg war gescheitert, Kriegs- und Besatzungswirtschaft verlangten nach Arbeitskräften.


Die Morde bis zur Auflösung des Ghettos im September 1943
Die vorübergehende „Beruhigung“ im Jahr 1942, die dem Arbeitseinsatz von möglichst vielen „Arbeitsjuden“ geschuldet war, bedeutete keineswegs ein Ende des Mordens. Augenzeugenberichte und erhalten gebliebene Aufzeichnungen berichten von fortgesetzten Tötungsaktionen kleinerer Gruppen von Opfern, z.B. bei Durchsuchungen aufgegriffene oder zu Zwangsarbeit nicht einsetzbare ältere und kranke Juden. Einen blutigen Höhepunkt der Massaker brachte die vom Gebietskommissar Wulff, zuständig für die Region Vilnius, eingeleitete Großaktion im April 1943. Tausende Juden aus den Ghettos und Arbeitslagern der Region wurden in Deportationszügen nach Paneriai gebracht und vom dortigen Bahnhof zur Exekution in die Gruben getrieben – insgesamt ungefähr 5.000 Frauen, Kinder, Männer und Jugendliche.

Grube mit Fluchttunnel

Im Verlauf der Liquidierung des Ghettos von Vilnius schließlich im August/September 1943 wurden hunderte Ghettohäftlinge vor der Abfahrt der Transporte nach Estland „aussortiert“ und, ebenso wie hunderte von Juden, die zu fliehen versucht hatten, nach Paneriai geschafft und dort erschossen.

Morde bis zur Befreiung im Juli 1944 
Ein über Monate sich hinziehender Schrecken war die „Aktion 1005“, in deren Verlauf ab Dezember 1943 achtzig Juden unter drakonischen Sicherheitsmaßnahmen, jeweils zu zweit aneinander gekettet und streng bewacht, zehntausende von Leichen aus den Erschießungsgruben wieder ausgraben, auf Holzstapeln aufschichten und verbrennen mussten. SS-Chef Himmler hatte für alle Massenmordplätze „im Osten“ diese Aktion angeordnet, um die begangenen Verbrechen vor der heranrückenden Roten Armee zu vertuschen – ein wahnwitzig-sinnloses Unterfangen. Aus dem in Paneriai eingesetzten Kommando, dem Mitte April 1944 der zum Teil mit bloßen Händen gegrabene Durchbruch eines Tunnels gelungen war, schafften elf Zwangsarbeiter die Flucht zu den in den Wäldern der Umgebung operierenden jüdischen Partisanen. Ihre Aussage war 1946 u.a. Gegenstand des Nürnberger Prozesses gegen die NS-Hauptkriegsverbrecher. Die genaue Lage des Fluchttunnels wurde 2016 entdeckt. 

 

 

Massengrab für ermordete Kinder

Gedenkstein für HKP- und Kailis-Opfer

Die so genannte „Kinderaktion“ im März 1944 galt gezielt jenen Kindern, die in den nach der Ghetto-Auflösung verbliebenen Zwangsarbeiterlagern HKP und Kailis mit ihren Familien oder ihren Beschützern noch lebten. Hunderte Kinder wurden – oftmals zusammen mit ihren Müttern, die sich nicht von ihnen trennen konnten – nach ihrer Festnahme durch die Greifkommandos auf Lastwagen geworfen und in Paneriai getötet. Nur wenige überlebten unentdeckt, unter ihnen der später international bekannt gewordene Maler Samuel Bak. Ein Gedenkstein auf dem jüdischen Friedhof (Jüdische Friedhöfe) erinnert an die ermordeten Kinder.  

  

Das Ende der deutsch-faschistischen Besatzung in Vilnius war mit der Ermordung der in den Lagern der Kailis-Fabrik und des HKP verbliebenen Arbeiter und ihrer Familienangehörigen verbunden. Am 2. und 3. Juli 1944 durchkämmten SS und litauische Hilfstruppen die Gebäude, konnten zahlreiche Verstecke aufbrechen und ermordeten die bis dahin noch Überlebenden teils an Ort und Stelle, teils in Paneriai – ein grausames und blutiges Schlusskapitel der Massenmorde vor den Toren von Vilnius. Wenige hundert Juden blieben in ihren Verstecken unentdeckt oder überlebten die Flucht – darunter ungefähr 250 Arbeiter mit Familienangehörigen im HKP-Lager dank der Warnung des Lagerleiters Major Karl Plagge.

 

23. September: Natioaler Gedenktag  anlässlich der Liquidierung des Ghettos von Vilnius (Fotos 2008) 

Nach der Befreiung
Am 18. Juli 1944 begann die sowjetische Kommission zur Erforschung der Massenmorde in Paneriai ihre Ermittlungen. Es dauerte eineinhalb Jahrzehnte, bis wenige verantwortliche SS-Offiziere vor ein deutsches Gericht kamen und verurteilt wurden. Als Deutsche, die für Verbrechen in Paneriai zur Verantwortung gezogen wurden, waren das lediglich Martin Weiß, August Hering und Alfred Filbert (Gerichtsprozesse)

Lageplan am  Museum PaneriaiIm 1960 eröffneten Museum werden persönliche Gegenstände der Opfer, Dokumente und Fotografien gezeigt. 

Adresse
Paneriai Memorial Museum
Agrastų g. 17
02243 Paneriai
Tel.: +370 699 90 384
http://www.jmuseum.lt
E-Mail:jewishmuseum@jmuseum.lt

Öffnungszeiten: Die Denkmäler sind jederzeit zugänglich.
Das Museum ist geöffnet Dienstag bis Sonntag 9.00 bis 17.00 Uhr oder nach telefonischer Voranmeldung. Von Oktober bis April nur nach telefonischer Anmeldung.

Literatur / Medien
Eckert, Christina: Die Mordstätte Paneriai (Ponary) bei Vilnius. In: Bartusevičius u.a.: Holocaust in Litauen, 2003, S. 132-142; Enzyklopädie des Holocaust, hsg. von Jäckel / Longerich / Schoeps, 1995, Bd. 2, S. 1155ff.; Holocaust Atlas 2011, S. 292ff.; ‘Wenn die Rache über uns kommt, geht es uns bös,’ in: Klee, Ernst / Dreßen, Willi / Rieß, Volker (Hg.): "Schöne Zeiten" – Judenmord aus der Sicht der Täter und Gaffer, Frankfurt/M. 1988, S. 44-51; [Sakowicz, Kazimierz] Die geheimen Notizen des K. Sakowicz: Dokumente zur Judenvernichtung in Ponary 1941–1943, hrsg. von Rachel Margolis und Jim Tobias, Frankfurt/M. 2005, S. 11ff., S. 21ff.; Sutzkever, Abraham: Wilner Ghetto 1941–1944, Zürich 2009, S. 32ff., 213ff.; Ullrich, Volker: Protokoll der Hölle, in: Zeit online, 29.04.2004 (unter: http://www.zeit.de)

http://www.holocaustatlas
https://www.memorialmuseums.org/denkmaeler
http://www.gedenkstaetten-uebersicht.de
http://www.deathcamps.org/occupation/ponary.html
http://www.juden-in-europa.de/baltikum/vilna/ponar.htm
https://www.ushmm.org (Steven Spielberg Film and Video Archive, Claude Lanzmann Shoah Collection, Interview with Motke Zaidel and Itzak Dugin)
https://www.youtube.com/watch?v=5D_qom1YIyA (Überlebender Motke Zaidel)
http://www.smithsonianmag.com/history/holocaust-great-escape-180962120/ (Fluchttunnel)
http://www.hagalil.com/klezmer/nizza/texte/ponar.htm (Hymne von Ponar von Shmerke Kaczerginski)

Fotos: Privat / Ponary 1941 BArch, B 162, Bild 85, Bild 86 (Bundesarchiv Ludwigsburg)