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Izieu

Region Rhône-Alpes, Departement Ain

Der Ort
Kleines Bauerndorf im Südosten des Departements über dem Rhone-Tal, 200 Einwohner/innen, mit verstreuten Höfen. Mit dem Auto von Lyon oder Bourg-en-Bresse über die A 43, sortie/Ausfahrt 10, dann D 592 →Belley bis Aoste, Schildern →Maison d'Izieu folgen; von Grenoble über die D 1075, in Les Abrets der D 592 und Schildern folgen.

Kinderheim 'Maison d'Izieu'
1942 kamen im damals italienisch besetzten Izieu jüdische Kinder in einem Heim unter. Die meisten Kinder und Jugendlichen waren mit ihren Eltern aus Deutschland, Österreich oder Osteuropa vor den Nazis geflüchtet, viele waren in Lagern interniert gewesen. Die Kinderhilfsorganisation OSE hatte viele aus den Lagern holen und in Heimen in der - damals unbesetzten – Südzone unterbringen können.
Nach dem deutschen Einmarsch in Südfrankreich im November 1942 wurde die Bedingungen schwieriger, die Kinder mussten anderswo in Sicherheit gebracht werden. Das Ehepaar Zlatin fand in Izieu in der – damals italienisch besetzten Zone – geeignete Räume und leitete mit Genehmigung des Unterpräfekten Pierre-Marcel Wiltzer das Heim. Zwischen Mai 1943 und April 1944  haben 105 Kinder einige Zeit in dem Heim mit Unterricht, Spielen, Wohnen etc. verbracht.

Gedenkstele, kurz vor Izieu Gebäude des Kinderheims, heute Gedenkstätte (© Maison d'Izieu) Gedenktafel am „Place des 44 enfants d'Izieu“ in Paris (© ArséniureDeGallium / Wikipedia)

Überfall von Wehrmacht und Gestapo am 6. April 1944
Als die Deutschen im September 1943 anstelle der Italiener die Region besetzten, begannen deutsche SS und Polizei mit der tödlichen Verfolgung der jüdischen Bevölkerung. Einige Wochen vor der Razzia hatten 61 Kinder das Heim verlassen, sie hatten ihre Eltern wieder gefunden oder wurden in anderen Häusern oder bei Familien untergebracht. Sabine Zlatin war gerade auf der Suche nach Ausweichmöglichkeiten, als Wehrmachts- und Gestapoangehörige das Haus überfielen. Am 6. April 1944 wurden auf Befehl von Klaus Barbie, dem Gestapochef von Lyon, alle 44 Kinder und sieben Betreuer/innen deportiert, sie wurden im KZ Auschwitz in der Gaskammer ermordet bzw. in Reval erschossen, nur eine Person hat die Deportation überlebt; ein Jugendlicher konnte fliehen.  

Barbie-Prozess in Lyon 1987

Die Deportation und anschließende Ermordung der Kinder von Izieu spielte eine herausragende Rolle beim Prozess gegen den ehemaligen Gestapo-Chef von Lyon, Klaus Barbie. Er lebte in Südamerika unter anderem Namen und nach langer Suche an Frankreich ausgeliefert worden. 1987 stand er in Lyon vor Gericht. Dort wurde ihm ein Telegramm vorgelegt, in dem er seinen Vorgesetzten von der Razzia am 6. April 1944 in Izieu berichtete. Damit konnte ihm in einem zentralen Punkt die Beteiligung an Menschheitsverbrechen nachgewiesen werden.

LYON NR. 5269  6.4.44 2010 UHR
AN DEN BDS – ABL. ROEM 4 B – PARIS
BETR: JUEDISCHES KINDERHEIM IN IZIEU–AIN
VORG(ANG): OHNE
IN DEN HEUTIGEN MORGENSTUNDEN WURDE DAS JUEDISCHE KINDERHEIM “COLONIE
ENFANT” IN IZIEU-AIN AUSGEHOBEN. INSGESAMT WURDEN 44 KINDER IM ALTER
VON 3 BIS 13 JAHREN FESTGENOMMEN. FERNER GELANG DIE FESTNAHME DES
GESAMTEN JUEDISCHEN PERSONALS. BESTEHEND AUS 10 KOEPFEN. DAVON 5
FRAUEN. BARGELD ODER SONSTIGE VERMOEGENSWERTE KONNTEN NICHT
SICHERGESTELLT WERDEN.
DER ABTRANSPORT NACH DRANCY ERFOLGT AM 7.4.44.
DER KDR. DER SIPO UND DES SD LYON ROEM 4 B  61 / 43
I. A. GEZ. BARBIE SS-OSTUF
(Abschrift des Barbie-Telegramms vom 6.4.1944)

Gedenken
Gedenkstätte
Die Gedenkstätte erinnert an die jüdischen Kinder und gedenkt der Menschheitsverbrechen und deren Ursachen: Maison d‘Izieu, Mémorial des enfants juifs exterminés, 70 Route de Lambraz, 01300 Izieu; GPS 45.6520131, 5.6412305.
Email: info@memorializieu.eu; Internet: http://www.memorializieu.eu
Die Idee zu der Gedenkstätte entstand nach dem Barbie-Prozess im Umkreis von Sabine Zlatin. Das Haus von Izieu wurde von Präsident Mitterrand eingeweiht. Im „Haus“ wird das Leben der Kinder anhand von Bildern und Briefen nachgezeichnet. In der „Scheune“ ist eine Dauerausstellung untergebracht: Geschichte, Herkunft und Weg der Kinder im Kontext der antijüdischen NS-Verfolgung und der Vichy-Kollaboration. Das Thema Verbrechen gegen die Menschheit wird u.a. anhand der wichtigsten Prozesse gegen Kriegs- und NS-Verbrecher (Nürnberg 1945/46; Barbie, Lyon 1987) sowie gegen französische Kollaborateure (z.B. Touvier, Papon) dargestellt. Die Gedenkstätte hat ein hoch entwickeltes Programm für Kinder und Schulklassen.

Gedenktafeln, Denkmal
Am Haus sowie in der unmittelbaren Umgebung gibt es weitere Erinnerungs- und Gedenkzeichen; vgl. Fotos und Texte in: http://www.memorializieu.eu/die-erinnerung-von-izieu/izieu-ort-des-gedenkens/ 

• Gedenktafeln am 'Haus'
Im April 1946 wurde die erste Gedenktafel angebracht, rechts am Haus. Sie nennt Namen und Alter aller Kinder und der Betreuer. Hier findet jährlich am 6. April die Gedenkzeremonie an die Razzia statt. Schüler/innen verlesen die Namen aller Kinder und Betreuer, Briefe von Kindern und stellen Ergebnisse von Klassenarbeiten vor.
« Am 6. April 1944, am Gründonnerstag, wurden 44 Kinder und ihre Betreuer im Haus von Izieu von den Deutschen verhaftet, und am 15. April 1944 deportiert. Einundvierzig Kinder und fünf ihrer Betreuer werden in den Gaskammern von Auschwitz ermordet. Der Leiter des Heimes und zwei Jungen werden in der Festung von Reval erschossen. » 

1990 wurde eine zweite Tafel angebracht – links vom Haupteingang. Sie erzählt die Geschichte des Heims und das Leben in der Kinderkolonie vor der Razzia:
„Unter dem Namen 'Kolonie von Flüchtlingskindern aus dem Hérault' haben Sabine Zlatin, Krankenschwester des Roten Kreuzes und Sozialhelferin im Departement Hérault, und Miron Zlatin, Agraringenieur, hier am 10. April 1943, das 'Maison d’Izieu' gegründet, um jüdischen Kindern Zuflucht zu bieten.»  

• La stèle nationale
Eine Stele im Garten des Memorials trägt folgende Inschrift:
„Hier hat die Gestapo 44 Kinder und 7 Erwachsene verhaftet und deportiert, aufgrund ihrer jüdischen Abstammung, Davon wurden 50 in Auschwitz und Reval ermordet. Die Republik in Ehrerbietung gegenüber den Opfern der rassistischen und antisemitischen Verfolgungen und der Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die unter der Mittäterschaft der Vichy-Regierung, der sogenannten 'Regierung des französischen Staates' (1940-1944), verübt worden sind. Lasst uns niemals vergessen.“ 
Vor dieser Stele findet die Zeremonie zum Gedenken an die rassistischen und antisemitischen Verfolgungen statt (1. Sonntag nach dem 16. Juli). Das Maison d'Izieu ist neben dem ehem.Vélodrome d'Hiver/Radrennbahn (vgl. Paris 15°) und dem Internierungslager Gurs (Pyrenäen) einer der nationalen Erinnerungsorte an die Opfer der rassistischen und antisemitischen Verfolgung des (Vichy-) 'Französischen Staates' und an die Gerechten unter den Völkern (vgl. Gedenktage in Frankreich).