Region Vilnius

Der Ort
Gedenkort Nemenčinė Der heute rund 5.000 Einwohner zählende Ort ist Zentrum eines Amtsbezirks in der Region Vilnius. Er liegt an der Straße Nr. 102 zwischen Vilnius und Švenčionys, ca. 20km nordöstlich von Vilnius. Von der Abfahrt nach Nemenčinė fährt man über eine Brücke in das Städtchen, das jenseits des Flusse Neris liegt. Um 1940 hatte die Stadt 2.000 Einwohner, hiervon ungefähr 700 Juden.

Die Ereignisse
Im September 1941 stand – wie in den anderen Städten und Gemeinden der Region (Vilnius Land) – die Vernichtung der Juden in Nemenčinė auf dem Programm des Gebietskommissariats unter dessen Chef Horst Wulff. Am 20. September 1941 wurden auf Anordnung des örtlichen Polizeichefs Tekorius die jüdischen Bewohner der Stadt unter Beteiligung vieler litauisch-polnischer Nachbarn in die Synagoge eingesperrt und ausgeraubt. Unter der Führung von drei Deutschen, zu denen der SS-Offizier Martin Weiß, Chef des Sonderkommandos Vilnius, gehörte, wurden die 600 Gefangenen auf die Straße Richtung Vilnius getrieben – beiderseits von Angehörigen einer litauischen Hilfstruppe und lokalen Helfern flankiert – und mussten nach wenigen Kilometern rechts in den Wald abbiegen. Als sie die dort vorbereiteten Gruben sahen, versuchten sie zu fliehen, doch wurden die meisten bei diesem Versuch erschossen. Nur etwa Hundert entkamen, nur wenige von diesen schafften es, sich bis zur Befreiung 1944 in Wäldern und bei hilfsbereiten Bauern zu verstecken. Wenige konnten sich auf weißrussisches Gebiet retten, viele gingen unter den unmenschlichen Lebensbedingungen der Flucht zugrunde. Laut Jäger-Bericht wurden in Nemenčinė 403 Juden ermordet: 128 Männer, 186 Frauen und 99 Kinder – aufgrund von Zeugenaussagen verzeichnete 1945 eine außerordentliche Kommission 458 Juden und 112 jüdische Kinder als Opfer.
Neben den lokalen Kollaborateuren gab es in Nemenčinė und Umgebung auch hilfsbereite Retter. Zu ihnen gehörten die Bauernfamilien Gasperowicz und Paskowski, die Vater und Sohn Gdud geholfen haben zu überleben.


Gedenken
Gedenktafel am heutigen KinoAuf der Straße Nr. 102 von Vilnius in Richtung Švenčionys fährt man nach dem Ortsausgang von Miškonys, am Straßenschild 'Nemenčinė 5km' vorbei, dann biegt man nach weiteren ca. 4km links in einen Waldweg ein (ca. 100m vorher gibt es rechts einen Tankstellenhinweis 1km). Auf dem Waldweg erreicht man in ca. 800m den Gedenkstein auf der rechten Seite mit folgender Inschrift in Jiddisch und Litauisch:
„Hier ermordeten am 20. September 1941 Hitlers Schergen und ihre Helfer 403 Juden.“ (GPS 54.83171000 25.43575139 / 54°49.9026'N 25°26.1451'E)

In Nemenčinė erinnert am Platz der früheren Synagoge, auf dem später ein Kino errichtet wurde, eine kleine Gedenktafel an die zerstörte Synagoge.

Literatur / Medien
Dieckmann 2011, Bd. 2, S. 896–898; Good, Michael: Die Suche. Karl Plagge, der Wehrmachtsoffizier, der Juden rettete, Weinheim u.a. 2006; Holocaust Atlas 2011, S. 302; Levinson, Joseph (Hg.): The Shoah (Holocaust) in Lithuania, VGJSM 2006, S. 121ff. (Aussage von Antanas Paukste, an der Ermordung beteiligter Weißarmbinder, 1946)
http://www.holocaustatlas
http://www.searchformajorplagge.com (Erinnerungen von Bill Good)
http://www.jewishgen.org/Yizkor/svencionys/sve1949.html