Region Emilia-Romagna

Die Stadt
Ferrara – zwischen Bologna und Padua gelegen – ist die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz und hat ca. 135.000 Einwohner/innen (2011). Sie ist über die A 13 erreichbar. Die Stadt liegt etwas südlich des Po, der Nebenfluss Po di Volano fließt mitten durch die Stadt, eine Schnellstraße verbindet sie mit der Adria. Ferrara besitzt eine der ältesten Universitäten und wurde über Jahrhunderte von der Familie Este regiert. Heute ist sie vor allem als „Fahrradstadt“ bekannt. Für den Widerstand während der deutschen Okkupation erhielt die Stadt die „Medaglia d'argento al Valor Militare“.

Filmfoto Ferrara1944 (Foto: Ufficio stampa Comune di Ferrara)

Die Ereignisse
Ferrara war eine Hochburg des Faschismus, die Heimatstadt von Italo Balbo, der Nummer Zwei des Regimes und der wichtigste Gegenspieler Mussolinis. Die überwiegende Mehrheit der Oberschicht, zu der auch zahlreiche jüdische Familien zählten, waren Mitglieder der faschistischen Partei. Am Morgen des 15. November 1943 erschossen die Deutschen vor dem Kastell Este elf Zivilisten aus Rache für die Ermordung des faschistischen Politikers Igino Ghisellini und für Aktivitäten der GAP sowie der in der Stadt operierenden Brigaden „Bruno Rizzi“ und „Mario Babini“. Die Leichen wurden erst auf Intervention des Bischofs entfernt. Dieses Ereignis veranlasste die Faschisten zu ihrem Slogan „Ferrarizzare l'Italia“ (Italien zu „Ferrara“ machen). Es folgte die Verhaftung von weiteren 75 Gegnern, unter ihnen die sozialistische Widerstandsführerin Alda Costa, die am 30. April 1944 in der Gefangenschaft starb.
Am 17. November 1944 erschoss die SS unter dem Kommando von Obersturmbannführer Pustowka in der Nähe des „Café del Doro“ sieben der im Oktober 1944 gefangen genommenen und im Gefängnis gefolterten Mitglieder des politischen und militärischen Widerstands.

Die Juden Ferraras
Ferrara war seit dem Mittelalter ein Zentrum des italienischen Judentums, die Gemeinde hatte noch in den 1920er Jahren fast 1.000 Mitglieder. Die Rassegesetze von 1938 leiteten den Niedergang der Gemeinde ein, beginnend mit der teilweisen Zerstörung und Plünderung der Synagogen durch Mitglieder der faschistischen Partei Anfang der 1940er Jahre bis zur Deportation ihrer letzten Mitglieder im November 1943 in die deutschen Vernichtungslager. (Judenverfolgung in Italien)

Gedenken
An der Mauer des Kastells erinnert eine Gedenktafel an die elf Ermordeten in der „Nacht des Jahres 1943“, am „Café del Doro“ in der Via Padova eine weitere Tafel für die Opfer vom 17. November 1944.
 
Museo Ebraico mit GedenktafelnMuseo Ebraico di Ferrara
Das jüdische Museum ist in den Räumen der wieder hergestellten Synagoge in der Via Mazzini, die unmittelbar an der Längsfront der Kathedrale beginnt, untergebracht. Der Block der alten Synagoge zwischen der Via Mazzini, der Via Vignatagliata und der Via delle Scienze umfasst eigentlich vier Synagogen, von denen die deutsche und die der Familie Finzi besichtigt werden können. Die spanische Synagoge ist zerstört und die italienische noch in Benutzung. In den Räumen des Museums werden jüdische Kultgegenstände und Dokumente ausgestellt. An der Außenmauer links und rechts der Eingangstüre sind die Namen der über 90 aus Ferrara deportierten Juden aufgeführt.

Eingang zum jüdischen Friedhof

Adresse: Via Mazzini 95, Ferrara, Tel. 0532 210228, E-Mail: museoebraico@libero.it; www.comune.fe.it/museoebraico. Ein Führer zum Museum und zu den Synagogen ist im Museum erhältlich (Ferrara. Guide to the synagogues and museum, Venedig 2000).

Museo Nazionale dell'Ebraismo Italiano e della Shoa (MEIS)
Im Dezember 2011 wurde in Ferrara die erste Phase für das „Nationale Museum des italienischen Judentums und der Shoa“ (Museo Nazionale dell'Ebraismo Italiano e della Shoa) eröffnet. Es hat seinen Sitz im umgebauten ehemaligen Gefängnis Ferraras (Ferrara, Via Piangipane 79-83), www.meisweb.it

Jüdischer Friedhof
Am Ende der schmalen Via delle Vigne liegt der Jüdische Friedhof, ein großer Park mit vielen alten Bäumen. Die alten und neuen Grabstätten machen nur einen Teil des Friedhofs aus, große Teile sind nicht als Friedhof benutzt. Auffällig sind die häufig wiederkehrenden Namen auf den Marmorplatten: Tedesco (manchmal auch Deutsch), Finzi und Bassani. Der Rundgang führt auch an das fast alleine liegende Grab von Giorgio Bassani, der u.a. mit seinem Roman „Die Gärten der Finzi Contini“ dem jüdischen Leben in der Stadt ein Denkmal gesetzt hat.

Museo del Risorgimento e della Resistenza
Die Räume des Museums sind nach geschichtlichen Epochen von 1796 bis 1945 unterteilt, mit Dokumenten und Ausstellungsstücken aus dieser Zeit. Neben der Geschichte des Risorgimento, der „Wiederentstehung“ des italienischen Nationalstaates im 19. Jahrhundert, ist ein Raum der Geschichte des Faschismus und des Widerstands in der Stadt gewidmet. Das Museum wurde 1958 gegründet und ist noch einer traditionellen Ausstellungsweise verpflichtet, d.h. es ist überwiegend eine Leseausstellung. Auffällig ist, dass die Diskriminierung und Deportation der Juden aus Ferrara nicht erwähnt wird, vielmehr scheint die starke Position des Faschismus in Ferrara auch heute noch atmosphärisch eine Rolle zu spielen.

Eingang zum Museum  Adresse des Museums:
Corso Ercole 1 d'Este, 19; 44100 Ferrara; Tel. 0532/244922; E-Mail: biglietteriamrr@comune.fe.it;
museorisorgimentoresistenzaferrara.wordpress.com (Öffnungszeiten s. dort)

Literatur / Medien:
Bassani, Giorgio: Il romanzo di Ferrara, Verona 1998;  Film von Florestano Vancini: „La lunga notte del '43“; Bassani, Giorgio: Die Gärten der Finzi-Contini, Neuausgabe Berlin 2008; Schmidt, Eberhard, Hg: Giorgio Bassani, Erinnerungen des Herzens, München 1991; Touring Club Italiana (Hg.): Luoghi Ebreici in Emilia Romagna, Milano 2004; www.cronacacomune.it/index.phtml?id=14225 (Foto Ferrara 1944 aus dem Film von Florestano Vancini: "La lunga notte del '43") www.hagalil.com/archiv/2005/06/ferrara.htm; www.ober-italien.de/ferrara/juedisch.html

 

Grab Bassanis auf dem Jüdischen Friedhof

„Das Ferrara, über das ich geschrieben habe, ist ausschließlich das Ferrara aus der Zeit des Faschismus. Soweit ich mich erinnere, war die Stadt dem Regime treu ergeben, so daß die wenigen Nichtfaschisten eine Randgruppe bildeten, die mit den anderen, der Mehrheit, nicht in Berührung kam. Selbst die Ferrareser Juden, die in so großer Zahl in den nazistischen Gaskammern umkommen sollten, waren zum großen Teil Faschisten. Der bis Mitte der dreißiger Jahre amtierende Bürgermeister von Ferrara war Jude, zugleich aber ein enger Freund von Italo Balbo. Ja, leider. Die wahre Tragödie der Ferrareser Juden und eines sehr großen Teils der italienischen Juden überhaupt bestand darin, daß sie als Bürgertum sich zuerst mit dem Faschismus einließen und dann, ohne eigentlich zu wissen, warum, spurlos in den nazistischen Vernichtungslagern verschwanden. ...“  (aus: Georgio Bassani. Erinnungen des Herzens, hrsg. von Eberhard Schmidt, München 1991, S. 14)