Region Emilia-Romagna / Provinz Reggio Emilia

Der Ort
Gattatico ist erreichbar über die A1 zwischen Reggio Emilia und Parma, Ausfahrt Casello Terre di Canossa-Campegine – dann folgt man dem Wegweiser Museo Cervi.

Die Familie Cervi Ende der 1930er Jahre (Foto: Museo Cervi)Die Ereignisse 
Das Bauerngut der Familie Cervi war bereits seit der Machtübernahme der Faschisten ein Ort des Widerstands. Nach dem 8. September 1943 gründeten die sieben Söhne* von Alcide und Genoeffa Cervi zusammen mit Mitgliedern der Familie Sarzi die erste Partisaneneinheit in der Region, zu der auch sowjetische Kriegsgefangene gehörten. Das Haus der Cervis wurde zum Treffpunkt der Resistenza und zum Versteck für Verfolgte, Deserteure und geflohene Kriegsgefangene aus dem Lager Fossoli. Zeitweise lebten dort über Monate bis zu 80 Personen. Am 25. November 1943 umstellte eine Einheit der faschistischen Nationalgarde das Haus, nahm die Widerstandsgruppe nach einem Feuergefecht gefangen und brachte sie in das Gefängnis „dei Servi“ in Reggio Emilia. Auf Befehl des dortigen Polizeichefs Enzo Savorgnan wurden die sieben Brüder Cervi und Quarto Camurri am 28. Dezember 1943 erschossen. Andere Mitglieder der Gruppe, wie Don Pasquino Borghi, wurden später ebenfalls gefangen genommen und ermordet. Alcide Cervi flüchtete nach einem Bombenangriff aus dem Gefängnis und kehrte als einziger erwachsener Mann auf das Bauerngut zu den Frauen und den 11 Enkelkindern zurück. Trotz der Katastrophe blieb das Haus weiterhin ein Treffpunkt der Partisanen, bis es im Oktober 1944 von einer faschistischen Einheit in Brand gesteckt wurde. Genoeffa starb im November 1944 an gebrochenem Herzen.

Gedenken

Das Museum Cervi heute Museum Cervi
Im ehemaligen Bauernhof sind das Museum Cervi, das Istituto „Alcide Cervi“ und das Archiv „Emilio Sereni“ untergebracht. Die Museumsräume dokumentieren die Geschichte der Landarbeiter- und Bauernbewegung und die Geschichte der Familie Cervi mit Fotos, Dokumenten, Gegenständen und Filmen. Das Istituto „Alcide Cervi“ dient vor allem der Erforschung der Agrargeschichte, des Antifaschismus und des Widerstands auf dem Land. Seit mehr als 30 Jahren widmet sich dieses Institut der Erinnerungsarbeit an die Familie Cervi. Der Name von Alcide, auch „Papá Cervi“ genannt, ist als aktiv gebliebener Antifaschist in die kollektive Erinnerung des gesamten Landes eingegangen. Auch seine Enkeltochter Maria Cervi stellte sich bis ins hohe Alter als Zeitzeugin besonders für die Arbeit mit Jugendlichen zur Verfügung. Nach dem Krieg wurden die Brüder Cervi mit der „Medaglia d'argento al valor militare“ ausgezeichnet, zahlreiche Straßen und Schulen wurden nach ihnen benannt.

Denkmal im Garten des Museums

Adresse: Museo Cervi, Istituto „Alcide Cervi“, Biblioteca Archivio „Emilio Sereni“
Via Fratelli Cervi 9, 42043 Gattatico (Reggio Emilia), Tel 0522 678356; E-Mail: istituto@fratellicervi.itmuseo@fratellicervi.it; biblioteca-archivio@emiliosereni.it; www.fratellicervi.it (Öffnungszeiten s. dort) (2 historische Fotos mit Genehmigung des Museums)


Das ehemalige Bauernhaus der Familie Cervi (Foto: Museo Cervi)Vorgeschichte:
Die Familie Cervi war eine der typischen „Mezzadria“-Bauernfamilien der Emilia- Romagna, die ursprünglich aus der Gemeinde Rubiera stammte. 1934 bezog sie ein Bauernhaus in Campi Rossi di Gattatico und baute dort einen landwirtschaftlichen Betrieb auf. Alcide und Genoeffa Cervi hatten sieben Söhne* und zwei Töchter, die zwischen 1901 und 1921 geboren wurden. Nach dem ersten Weltkrieg trat Alicide Cervi der 1919 gegründeten Partito Popolare bei, übernahm sozialistisches Gedankengut, wie viele Bauern der Emilia Romagna nach dem Ersten Weltkrieg, die sich in zahlreichen Kämpfen gegen die schlechten Lebens- und Arbeitsbedingungen der Bauern wehrten und sich für Kooperativen und eine Modernisierung der Landwirtschaft einsetzten. Die Söhne organisierten sich früh in der katholischen Jugendbewegung. Die Cervis waren Gegner der Faschisten seit deren Machtübernahme 1922, 1929 erhielt Aldo eine zweijährige Gefängnisstrafe und kam dort mit antifaschistischen Intellektuellen und kommunistischem Gedankengut in Kontakt. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs verstärkte sich der Widerstand der Cervis – vor allem gegen die harten Zwangsabgaben, mehrmals wurden Familienmitglieder verhaftet.

 

*Die sieben Söhne Cervi: Gelindo (1901), Antenore (1906), Aldo (1909), Ferdinando (1911), Agostino (1916), Ovidio (1918), Ettore (1921)


Literatur / Medien:
Times of Choice, Stories of 4 Places. Project by Assemblea Legislativa della Regione Emilia-Romagna and  Anne-Frank-Haus, Amsterdam o.J., S. 12 ff. (http://www.proformamemoria.it/guidamostra_tempi_di_scelta.pdf); Cervi, Alcide: I miei sette figli, hrsg. Renato Nicolai, Einaudi, Torino 2010; Istituto Alcide Cervi, Luogo di memoria e di ricerca per la storia della Resistenza e della cultura contadina, Gattatico 2008; Silingardi, Claudio: Alle Spalle della Linea Gotica. Storie Luoghi Musei di Guerra e Resistenza in Emilia-Romagna, Modena 2009; S, 155 ff.; http://www.resistenza.de/index.php/widerstand/zeitzeugnisse/107-anlaufstelle-fr-die-vielen-flchtlinge; http://digilander.libero.it/lacorsainfinita/guerra2/schede/cervi.htm; http://www.antiwarsongs.org/canzone.php?lang=it&id=73