Einführung
Kreta ist die größte griechische Insel und die fünftgrößte Insel im Mittelmeer, ist eine der 13 Regionen Griechenlands und hat insgesamt 625.000 Einwohner/innen (Stand 2012); Verwaltungs- und Wirtschaftszentrum ist Iraklio, die größte Stadt der Insel. Die Region gliedert sich in die vier Regionalbezirke Chania, Iraklio, Rethymno und Lasithi.
Kreta, das mit der Minoischen Kultur die erste Hochkultur auf europäischem Boden aufwies, wurde in der Neuzeit Ziel der Eroberung u.a. durch Byzanz, die Republik Venedig und das Osmanische Reich. Zahlreiche Aufstände der Bevölkerung im 19. Jahrhundert gegen die osmanische Oberhoheit wurden blutig niedergeschlagen. 1898 erzwang die Intervention Frankreichs, Russlands und Großbritanniens eine weitgehende Autonomie Kretas. Kretische Aktivisten für einen Anschluss der Insel an Griechenland um Eleftherios Venizelos (ab 1910 mehrmaliger griechischer Premierminister) proklamierten bereits 1905 erstmals einseitig den Anschluss an Griechenland; durch den Vertrag von London wurde Kreta schließlich 1913 Teil des griechischen Staates.

Gedenkstätte beim Kloster PreveliDie Eroberung Kretas durch deutsche Luftlandetruppen
Nachdem die deutsche Wehrmacht in Griechenland eingefallen und Athen am 27. April 1941 gefallen war, wurde Kreta zwischen dem 20. Mai und dem 1. Juni 1941 im Rahmen der Luftlandeschlacht „Operation Merkur“ durch Fallschirm- und Gebirgsjäger gegen vorwiegend dort seit November 1940 stationierte Commonwealth-Truppen erobert (Die 5. Kretische Division, und damit nahezu alle Kreter im kriegsfähigen Alter, befand sich noch auf dem Festland). Mit dem „unversenkbaren Flugzeugträger“ Kreta sollten strategische Vorteile für die Kriegsführung im östlichen Mittelmeer gewonnen und das Risiko britischer Unternehmungen gegen die von Deutschland genutzten rumänischen Ölfelder gemindert werden, die für den geplanten und kurz bevorstehenden Angriff auf die Sowjetunion von kriegswichtiger Bedeutung waren. Die Dechiffrierung des deutsches Funkverkehrs, realitätsferne Analysen der Abwehr und der erbitterte Widerstand der kretischen Bevölkerung, die der jahrhundertealten Tradition treu blieb, sich gegen fremde Eindringlinge zur Wehr zu setzen, führten zu außergewöhnlich hohen Verlusten der „Operation Merkur“. Die Verbreitung von später nicht belegbaren Greuelgeschichten um von Kretern verübte Massakrierungen deutscher Soldaten dienten dem Befehlshaber der deutschen Truppen, Fliegergeneral Kurt Student, und General Julius Ringel, kommandierender General der 5. Gebirgs-Division, noch während der Kampfhandlungen zur Anordnung von auch nach damals geltendem Kriegsvölkerrecht verbrecherischen Befehlen, die brutale Vergeltungsmassnahmen mit Massakern an der Zivilbevölkerung (u.a. in Alikianos, Kondomari und Sternes) und die Zerstörung ganzer Dörfer als „Sühnemaßnahmen“ nach sich zogen: „Unter Beiseitelassung aller Formalien“ sollte „mit äußerster Härte“ vorgegangen werden, da „Mörder und Bestien“ keine ordentlichen Gerichte verdienten, so General Student in seinem Befehl vom 31. Mai 1941.

Willkürliche Erschießung von Zivilisten in Kondomari, Foto: BundesarchivDie deutsche Besatzung Kretas
Nach der Eroberung der Insel wurde der größere Teil Kretas Teil der deutschen Besatzungszonen und dem „Befehlshaber Südgriechenland“ unterstellt. Truppen des „Achsen-Partners“ Italien, die Infanterie-Division Siena unter General Angelico Carta, besetzten bis zum Kriegsaustritt der Italiener im September 1943 den Osten Kretas, der in etwa dem heutigen Regionalbezirk Lasithi entspricht. Nachdem in Chania der Sitz des deutschen Befehlshabers auf Kreta (Kommandant der „Festung Kreta“) etabliert war, versuchten die deutschen Besatzer mit zwei Sonderunternehmen im August und September 1941 „auf den Fahndungslisten gesuchte Freischärler und der Freischärlerei Verdächtige“ zu ergreifen. Dieser ersten Terrorwelle auf Kreta fielen zwischen Juni und September 1941 zwischen 1.135 (Beevor, S. 242) und über 2.000 Menschen zum Opfer (Bundesarchiv, S. 66 nach griechischen Quellen).
Die exzessiven Verbrechen trieben Hunderte von Kretern „in die Berge“. Geleistete Fluchthilfe für alliierte Soldaten, von denen ein großer Teil von der Südküste der Insel nach Ägypten ausgeschifft werden konnte, wurde von den Besatzern mit der Zerstörung von ganzen Dörfern, darunter Kandanos, ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung geahndet.
Auf Kreta bestand - anders als auf dem griechischen Festland - seit den ersten Besatzungstagen eine prinzipielle Arbeitsverpflichtung. Die Menschen wurden vorwiegend zum Ausbau der Insel zur „Festung“, zum Straßenbau und zum Bau des Fluplatzes von Tymbaki zwangsverpflichtet. Kontributionen in Geld und Nahrungsmitteln trotz Hungersnot waren darüber hinaus zu leisten. Die Besatzungsherrschaft der zeitweise über 50.000 Mann starken deutschen Truppen war von Zwangsumsiedlungen der Bevölkerung ganzer Landstriche, die wegen „Bandengefahr“ zu Sperrzonen erklärt wurden, und der Inhaftierung von unschuldigen Frauen und Männern, u.a. im Geiselhaftlager Agia südlich von Chania, die nach Anschlägen von Partisanen als „Sühne“ hingerichtet werden konnten, gekennzeichnet:
„Geisellisten sind für alle mit Truppen belegten Ortschaften und deren Nachbarorte aufzustellen. [...] Als Geiseln sind insbesondere vorzusehen Personen, gegebenenfalls auch weiblichen Geschlechts, die eine deutschfeindliche Haltung bekundet haben oder erwarten lassen. [...] Als Geiseln sind im allgemeinen 1 Prozent der Ortseinwohner, jedoch nicht weniger als 5 und nicht mehr als 150 je Ortschaft vorzusehen“ (Aus der Anordnung General Müllers, damals Kommandeur der 22. Infanterie-Division, vom 13. Dezember 1942, zit. nach Bundesarchiv, S. 219).
Neben dem allgegenwärtigen Besatzungsterror begründeten verbrecherische Befehle Massenexekutionen und Massaker an Männern, Frauen, Kindern und Greisen wie etwa in Viannos (Xylander nennt auf Ebene von Bürgermeisterberichten insgesamt 3.474 exekutierte Kreter, das Athener Sondergericht 1946 insgesamt 9.000 getötete Zivilisten, Rondholz 1995, S. 84). Im Juni 1944 erfolgte die Deportation der kretischen Jüdinnen und Juden (siehe: Chania und Judenverfolgung in Griechenland).

Gedenkstätte für die Opfer des Massakers von ViannosWiderstand
Am Widerstand gegen die deutsche Besetzung Kretas beteiligten sich Kreter jeden Alters und beiderlei Geschlechts sowie verschiedenster sozialer Gruppen, zunächst u.a. mit der Fluchthilfe für alliierte Soldaten. Bereits am 15. Juni 1941 wurde mit der AEAK (Anotati Epitropi Agonos Kritis, Oberstes Kampfkomitee für Kreta) eine erste kretische Widerstandsorganisation (Andartiko) gegründet. Teile dieser Gruppierung gingen in der Anfang Oktober 1942 gegründeten EOK (Ethniki Organosi Kritis) auf. Starken Einfluss auf deren Gründung hatten Agenten des SOE (Special Operations Executive, britische nachrichtendienstliche Spezialeinheit); Kreta war das erste Gebiet in Südosteuropa, in dem SOE-Offiziere aktiv wurden. Als konservatives Gegengewicht zur kretischen ELAS, deren Einfluss dadurch eingeschränkt werden konnte, bestand die Aufgabe der auch von der in Kairo residierenden griechischen Exilregierung anerkannten EOK vor allem darin, den alliierten Kampf und die britischen Ziele mit allen Mitteln zu unterstützen. In der Folge herrschte auf Kreta ein weitgehendes Gleichgewicht zwischen der Befreiungsfront ELAS und den Gruppen der EOK. Zu den spektakulärsten Widerstandsaktionen auf Kreta zählten die Sprengung von ca. 20 deutschen Flugzeugen auf dem Flughafen von Iraklio im Rahmen des britischen Unternehmens Albumen Mitte Juni 1942 und die Entführung General Kreipes im Frühsommer 1944.

Rückzug auf die „Kernfestung“ (September 1944), Kapitulation (Mai 1945) und Abzug letzter deutscher Truppen (Juli 1945)
Um den Abzug des Großteils der deutschen Besatzungstruppen zu sichern, erließ General Müller Mitte August 1944 die Anordnung zur Durchführung erneuter Gewaltmaßnahmen. Im Rahmen des Unternehmens Abschiedsfest-Sommernachtstraum wurde eine Vielzahl von Dörfern (u.a. Anogia, Gerakari, Ano Meros, Vryses und Magarikari) zerstört. Anfang September wurden Großrazzien in den Städten (Codename Rattenfänger) durchgeführt. ,,Bis zum 7. September 1944 wurden nach deutschen Angaben „rund 500 Banditen und Banditenhelfer“ erschossen und an die 1000 Personen festgenommen. Britische Beobachter schätzten hingegen die Zahl der Getöteten doppelt so hoch ein“ (Xylander 1989, S. 127).
Der Norden des heutigen Regionalbezirks Chania war der am längsten von deutschen Truppen besetzte Teil Griechenlands. In das als „Kernfestung“ (auch: „Fester Platz“) bezeichnete Gebiet um Chania, Maleme und die Souda-Bucht hatten sich nach dem Abzug der Mehrheit der Deutschen im September 1944 die verbleibenden Truppen (ca. 12.000 Soldaten mit knapp 5.000 italienischen Kriegsgefangenen) zurückgezogen. Auch nach ihrer Kapitulation am 9. Mai 1945 in Knossos (Regionalbezirk Iraklio) blieben sie wegen Transportengpässen auf der Insel und erhielten von den britischen Verantwortlichen, die sie in bestimmten Bereichen zur „Aufrechterhaltung der Ordnung“ einsetzten, die Waffen zurück: „Damit soll angesichts noch intakter Andartenverbände von ELAS und EOK auf der Insel die Sicherheit der Ex-Okkupanten vor griechischen Übergriffen garantiert werden; aber auch der Gedanke an die Vereitelung eines sonst möglichen Putschversuchs der EAM dürfte eine Rolle gespielt haben. Da jedenfalls der Abtransport von Kreta in die nordafrikanischen Gefangenenlager in Schüben stattfindet und sich bis Juli hinausdehnt, sind die Soldaten der „Kernfestung“ mit erheblichen Abstand die letzten organisierten Waffenträger der Großdeutschen Wehrmacht“ (Fleischer, S. 534).

... die Namen der Opfer in Stein gemeißeltNach 1945
Verfahren wegen Kriegs- und Besatzungsverbrechen in Kreta vor griechischen Gerichten
Als verantwortlich an den Massenexekutionen und der totalen Zerstörung von ca. 40 Ortschaften hatten sich 1946 die während der Besatzungszeit als „Festungskommandanten“ tätigen Generäle Andrae, Bräuer und Müller als Kriegsverbrecher vor einem Athener Sondergericht zu verantworten. General Andrae wurde zu viermal lebenslänglich und zehn Jahren Zusatzstrafe verurteilt, er wurde 1952 begnadigt. Die Generale Bräuer und Müller wurden am 9. Dezember 1946 zum Tode verurteilt. Sie wurden am 20. Mai 1947, dem sechsten Jahrestag des Beginns der Invasion auf Kreta, in Chaidari bei Athen hingerichtet.

Verfahren wegen Kriegs- und Besatzungsverbrechen in Kreta vor deutschen Gerichten
Von den vielen (für das gesamte Land zählte Nessou in seiner Dissertation über die deutsche Besatzungspolitik in Griechenland 239 Fälle) von deutschen Staatsanwaltschaften geführten Ermittlungsverfahren gegen unmittelbar an den Kriegs- und Besatzungsverbrechen auf Kreta beteiligten Deutschen führte lediglich eines zur Eröffnung eines Hauptverfahrens: Es endete 1951 mit einem Freispruch vor dem Landgericht Augsburg. Die dem Angeklagten Hauptmann Sand zur Last gelegte Erschießung von 6 Zivilisten aus Mariana nahe Chania am 13. November 1944 einen Tag nach ihrer Gefangennahme (!) wertete das Gericht als „völkerrechtliche Notwehr, mindestens jedoch aus dem Gesichtspunkt völkerrechtlichen Notstandes“, wenn „verdächtige Personen, die sich im Vorfeld der deutschen Hauptkampflinie aufhielten und nicht sofort als harmlos zu erkennen waren, ohne Standgerichtsurteil auf Befehl von Offizieren erschossen wurden“ (zit. nach Rüter, S. 666).
Alle anderen vorwiegend in den 1960er-Jahren geführten Ermittlungsverfahren wurden - zum Teil mit ähnlich haarsträubenden Begründungen - eingestellt, auch jene gegen die Generäle Student und Ringel.

Gedenkorte
Gedenkorte im Regionalbezirk Chania:
Alikianos, Chania, Floria, Galatas, Kakopetros, Kandanos, Kondomari, Koustogerako, Malathiros, Paleochora, Souda-Bucht, Sougia, Sternes, Tavronitis

Gedenkorte im Regionalbezirk Iraklio:
Amiras / Viannos, Archanes, Arkalochori, Grigoria, Iraklio, Kamares, Knossos, Magarikari, Skourvoula, Sokaras, Vorizia

Gedenkorte im Regionalbezirk Rethymnon:
Anogia, Gerakari / Vryses / Ano Meros, Kloster Preveli, Kria Vrisi

Literatur / Medien:
Beevor, Antony: Crete: The Battle and the Resistance, New York 2014; Bundesarchiv (Hg.): Europa unterm Hakenkreuz - Die Okkupationspolitik des deutschen Faschismus in Jugoslawien, Griechenland, Albanien, Italien und Ungarn (1941 - 1945), Dokumentenauswahl und Einleitung von Martin Seckendorf unter Mitarbeit von Günter Keber, Jutta Komorowski, Horst Muder, Herbert Stöcking und Karl Übel, Berlin 1992; Fleischer, Hagen: Schwert und Olive. Besatzungsalltag in der "Festung Kreta", 1941-1945. Eine Dokumentation. In: Benning, Willi (Hg.): Festschrift für Klaus Betzen, Athen 1995; Gilbert, Harald: Das besetzte Kreta 1941-1945, Ruhpolding 2014; Nessou, Anestis: Griechenland 1941-1944, Deutsche Besatzungspolitik und Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung - eine Beurteilung nach dem Völkerrecht, Göttingen 2009; Psychoudakis, George: The Cretan Runner, London 1978 (Erstauflage 1955); Raeck, Karina: Andartis - Monument für den Frieden, Berlin 1995; Richter, Heinz: Operation Merkur - Die Eroberung der Insel Kreta im Mai 1941, Ruhpolding 2011; Rondholz, Eberhard: Die Schlacht auf Kreta und der Widerstandskampf unter der deutschen Besatzung von 1941 bis 1945, In: Raeck, Karina: Andartis - ein Monument für den Frieden, Berlin 1995, S. 77-93; Rüter, Christiaan F.: Justiz und NS-Verbrechen, Bd.VIII, Amsterdam 1972, S. 661-668; Society of Cretan Historical Studies (Hg.): From Mercury to Ariadne, Crete 1941-1945, Iraklio 2010; Xylander, Marlen von: Die deutsche Besatzungsherrschaft auf Kreta 1941-1945, Freiburg 1989; Xylander, Marlen von: Die deutsche Besatzungsherrschaft und der Widerstand auf Kreta 1941-1945, In: Raeck, Karina: Andartis - ein Monument für den Frieden, Berlin 1995, S. 94-191; www.zeit.de/1987/48/die-erde-ueber-den-graebern-bewegte-sich-noch/komplettansicht (Rondholz, Eberhard: Die Erde über den Gräbern bewegte sich noch, in: ZEIT vom 20. November 1987);