Region Vilnius

Der Ort
Die Stadt mit gegenwärtig ungefähr 6.500 Einwohnern gehört zum Verwaltungsbezirk Švenčionys und liegt ca. 40km nordwestlich von Vilnius am Fluss Žeimena an der Straße Nr.102 von Vilnius nach Švenčionys. In Pabradė zweigt die Straße Nr.173 nach Molėtai ab. Bis zur zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war Pabradė eine kleine Siedlung, erlebte aber mit dem Bau der Bahnstrecke Warschau – St. Petersburg 1862 einen Aufschwung. Bis zum deutschen Einmarsch im Juni 1941 lebten in Pabradė nahezu 1.000 Juden – ein Drittel der damaligen Bevölkerung.

Die Ereignisse
Gedenkstätte Pabradė Die überfallartig beginnende Verfolgung, Deportation und Ermordung der Juden Pabradės in den letzten Juni-Tagen und im Juli 1941 ist ein Beispiel der nach außen als „autonomes“ Verbrechen litauischer Täter ohne unmittelbare deutsche Beteiligung oder Anordnung erscheint. Solche Pogrome erfolgten in zahlreichen litauischen Städten und auf dem Land in jener Zeitspanne nach dem deutschen Einmarsch, in der die von deutscher Seite und von den nationalistischen litauischen Führungsgruppen geschürten antisowjetischen und antisemitischen Emotionen flächendeckend in Gewalttaten umschlugen (Kollaboration). Den Hintergrund hierfür bildete die „antisemitische Stigmatisierung der Juden als Bolschewisten und Feinde“ (Dieckmann 2011). Dies geschah noch vor der Ankunft deutscher Besatzer auch in Pabradė, wo in diesen Tagen kommunistische Funktionäre und über 60 jüdische Männer, Frauen und Kinder aus ihren Häusern geholt und ermordet wurden. Häuser und Geschäfte der Juden wurden geplündert und verwüstet, einzelne Juden und Gruppen willkürlich getötet. Im September 1941 wurden ungefähr 800 Juden der Stadt in ein Ghetto, das durch den Marktplatz der Stadt geteilt war, eingesperrt. Einigen wenigen gelang nach dem Bekanntwerden der Ermordung der Juden von Nemenčinė die Flucht, die große Mehrheit jedoch wurde nach Švenčionėliai – Kinder auf Pferdewagen, der Rest zu Fuß – verschleppt. Unterwegs aufgegriffenen Juden wurden direkt am Stadtrand ermordet. Täter waren Litauer, sog. Weißarmbinder, örtliche Polizisten und Schläger. Dem Bericht des Augenzeugen Samuelis Glinskis zufolge – er und seine Schwester überlebten als einzige ihrer Großfamilie mit ursprünglich 48 Mitgliedern – kamen erst nach einigen Tagen deutsche Truppen nach Pabradė.

Ein schon in der Vorkriegszeit in Pabrade bestehendes Straflager wurde ab Frühjahr 1942 unter der deutschen Besatzung, jedoch unter litauischer Leitung fortgeführt. Die Zahl der zu Gleisarbeiten eingesetzten Häftlinge, unter ihnen neben Juden auch Polen und Litauer, schwankte 1942/1943 zwischen 100 und 500. Eine Berliner Firma war mit der Schwellenverlegung an Geleisen beauftragt und erhielt von der deutschen Besatzungsverwaltung Zwangsarbeiter aus dem Lager Pabrade zugewiesen. Im Sommer 1943 befand sich im Sägewerk der Stadt für einige Wochen eine Arbeitslager, in dem jüdische Häftlinge eingesetzt waren.


Gedenkstein

Gedenken
In Pabradė selbst erinnert ein Gedenkstein in der Nähe des Militärübungsplatzes an die in der Stadt Ermordeten. In Švenčionėliai erinnert ein Monument an die dorthin verschleppten und getöteten Juden aus Pabradė. Beide Gedenksteine wurden auf Initiative und mit Mitteln früherer jüdischer Bewohner Pabradės errichtet.

Um zum Gedenkort für die ermordeten Juden der Stadt zu gelangen, fährt man, von Vilnius kommend, auf der Straße Nr.102 kurz vor dem Fluss Žeimena links in die Bajorėlių-Straße, nach ca. 200 Metern wieder links in die Malūno-Straße. Nach 160m folgt man leicht rechts dem Hauptweg (Malūno gatvė) und hält sich danach links den Hügel hinauf bis zum Waldrand. Dort steht ein großes Schild mit dem Lageplan eines Militärübungsgeländes. Beim Findling rechts nimmt man den kleinen Weg ca. 200m in den beginnenden Wald hinein. Nach dem zweiten Gebäude linker Hand zweigt links ein Weg ab. Dort befindet sich ein schwarzer Markstein (50m), der zum Gedenkort mit folgender Inschrift in Litauisch und Hebräisch weist: „In Erinnerung an die Juden von Pabradė, die 1941 an diesem Ort durch die Hand von Nazis und deren Helfern getötet wurden." 
GPS 54.99378639 25.76717139 / 54°59.6272'N 25°46.0303'E

Literatur/Medien
Bubnys, Arūnas: Fate of Jews in Švenčionys, Oshmyany und Svir Regions (1941–1943), in: The Ghettos of Oshmyany, Svir, Švenčionys Regions. Lists of prisoners 1942, VGJSM 2009, S. 97–98; Dieckmann 2011, Bd. 2, S. 913f., S. 1142-1144; Glinskis, Samuelis in: With a Needle in the Heart, Vilnius 2003, S. 106ff.; Holocaust Atlas 2011, S. 273; The Ghettos of Oshmyany, Svir, Švenčionys Regions. Lists of prisoners 1942, zusammengestellt von Guzenberg, Irina / Movsovic, Olga / Sedova Jevgenija, Vilna Gaon Jewish State Museum 2009, S. 151

de.wikipedia.org/wiki/Pabrad
http://www.holocaustatlas
http://www.yahadmap.org/#village/pabrad-vilnius-lithuania.861