Region Kreta - Regionalbezirk Chania

AlikianosDer Ort
Das südwestlich von Chania gelegene Dorf Alikianos gehört zur Gemeinde Moussoura. Der Ort wurde während der deutschen Besatzung Kretas 1941 zweimal Schauplatz von Massakern an der Zivilbevölkerung.
Von Chania fährt man zunächst auf der Ausfallstraße, dann auf der New Road Richtung Kissamos, von der an der Abzweigung Richtung Omalos (Samaria-Schlucht) abgebogen wird. Bei der Weiterfahrt nach Alikianos wird in Agia das Gefängnis passiert, das während der deutschen Besatzung Kretas von der Wehrmacht für politische Gefangene und Sitz eines Standgerichts genutzt wurde (15 km ab Chania).

Die Ereignisse
1. Massaker am 2. Juni 1941
Nachdem der vom 20. Mai bis 1. Juni 1941 durchgeführte deutsche Angriff auf Kreta (siehe: Luftlandeschlacht um Kreta, Operation Merkur) nur unter sehr großen Verlusten ,,erfolgreich“ abgeschlossen werden konnte, und sich die Annahme, dass die Bevölkerung die deutschen Truppen freundlich empfangen würde, zudem als Trugschluss erwies, wurden (nicht belegbare) Greuelgeschichten um von Kretern verübten Massakrierungen deutscher Soldaten verbreitet. Diese dienten dem Befehlshaber der deutschen Truppen General Kurt Student noch vor deren Untersuchung als Rechtfertigung für seinen auch nach damals geltendem Kriegsvölkerrecht verbrecherischen Befehl vom 31. Mai 1941, mit dem er brutale Vergeltungsmassnahmen an der Zivilbevölkerung anordnete:
Gedenkstätte für die Opfer des Massakers vom 2. Juni 1941,, [...] Als Vergeltungsmaßnahmen kommen in Frage: 1.) Erschiessungen 2.) Kontributionen 3.) Niederbrennen von Ortschaften 4.) Ausrottung der männlichen Bevölkerung ganzer Gebiete. [...] Es kommt nun darauf an, alle Massnahmen mit größter Beschleunigung durchzuführen, unter Beiseitelassung aller Formalien und unter bewusster Ausschaltung von besonderen Gerichten. Bei der ganzen Sachlage ist dies Sache der Truppe und nicht von ordentlichen Gerichten. Sie kommen für Bestien und Mörder nicht in Frage. [...]“ (Bundesarchiv-Militärarchiv, BA-MA, RH 28-5-4b, Bl. 412f.)

Auf Basis dieses Revanchebefehls trieb am 2. Juni 1941 ein Sonderkommando in Alikianos die Bevölkerung auf dem Kirchplatz zusammen und erschoss 42 Männer.
Im Bericht, den Nikos Kazantzakis, einer der bedeutendsten griechischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, für die griechische Regierung 1945 über Kriegsverbrechen der deutschen Besatzungsmacht auf Kreta verfasste, sind Einzelheiten über das Geschehen enthalten:
,,Am 2. Juni exekutierten sie auf dem Kirchhof 42 Männer, vor den Augen ihrer zum Zuschauen gezwungenen Frauen, als Sühnemaßnahme für die während des Angriffs getöteten Fallschirmjäger. Die Todgeweihten mußten eigenhändig ihre Gräber ausheben. Nachdem die Deutschen ihnen ihr Geld, ihre Ringe und Uhren abgenommen hatten, erschossen sie sie in Zehnergruppen und warfen ihnen jeweils - anstelle von Gnadenschüssen - noch eine Handgranate hinterher.Viele sind lebendig begraben worden. Augenzeugen berichten, daß sich die auf die Erschossenen geworfene Erde noch von den Todes-Zuckungen der so Begrabenen bewegte“ (zit. nach Rondholz, S. 84).

Gedenkstätte für die Opfer des Massakers vom 1. August 19412. Massaker am 1. August 1941
Im Rahmen eines ersten Sonderunternehmens wurden am 1. August 1941 (ein weiteres mit dem Namen Völkerbund folgte einen Monat später) während der Jagd auf gesuchte ,,Freischärler“ an der Brücke über den Bach Keritis bei Alikianos ca. 150 Menschen aus den umliegenden Dörfern Fournes, Skines, Koufos, Vatolakkos, Nea Roumata, Prases, Orthouni, Karanos, Meskla und aus Alikianos ermordet. Das Dorf Skines wurde vollständig zerstört, die dort lebenden Frauen und Kinder zwangsumgesiedelt.
Major Friedmann, Kommandeur des Gebirgsjäger-Regiments 100, fasste das Ergebnis zusammen:
„[...] Auf Befehl des Kdt. d. Fest. Kreta wird im Westteil der Insel eine Sonderaktion gegen Freischärler durchgeführt. Sie erfasst die Orte Alikianu, Skines, Furnes, Prasses, Meskla. [...] Der Leiter des Unternehmens ist Major Friedmann, Kdr. II/G.J.R. 100. Wegen Freischärlerei, Fledderei oder unerlaubten Waffenbesitzes wurden vom Standgericht abgeurteilt und erschossen: 146 männliche und 2 weibliche Personen. Bei Einschließung der Ortschaft Skines wird gegen die Truppe gefeuert. Als Vergeltungsmassnahme wird Skines niedergebrannt [...]” (Bundesarchiv-Militärarchiv, RH 28-1/ 6, Tätigkeitsbericht der 5. Geb. Div. vom 1.8.1941 - 15.3.1942).

Die Opfer aus AlikianosDass es sich bei der ganz überwiegenden Anzahl der Ermordeten um vollkommen unbeteiligte Zivilisten - und nicht um gesuchte ,,Freischärler“ - handelte, geht aus dem Abschlussbericht von General Andrae, Kommandant der ,,Festung Kreta“, zum Sonderunternehmen Völkerbund vom 3. Oktober 1941 hervor:
,,A. Gründe für die Durchführung des Sonderunternehmens „Völkerbund" [...]
2. Während das erste Sonderunternehmen notwendig wurde, um eine Anzahl durch die Ereignisse der Inseleroberung bekannter Dörfer wie Alikianu (1. 8. 41) am Fuße des Hochgebirges zu durchsuchen, richtete sich das zweite Sonderunternehmen gegen das wildzerrissene Hochgebirgsmassiv dicht wesentlich der ,,Weißen Berge", deren Mittelpunkt die Omalos-Hochebene bildet.
3. Die Standgerichtsurteile des ersten Sonderunternehmens hatten nur verhältnismäßig geringe Anzahl von Namen der auf den Fahndungslisten gesuchten Freischärler und der Freischärlerei Verdächtigen feststellen können. Von den 109 am 1. 8. 42 zum Tode Verurteilten befanden sich nur 21 von 252 durch die Fahndungslisten gesuchten Personen, die die Kriminalpolizei vorher als Freischärler ermittelt hatte. Alle übrigen waren entkommen. Die Folge davon war das zweite Sonderunternehmen, das den Decknamen ,,Völkerbund“ erhielt [...]“ (zit. nach Bundesarchiv, Dok. 47, S. 171).

Nach 1945:
Weder vor deutschen noch vor griechischen Gerichten musste sich Kurt Student für die von ihm befohlenen Kriegsverbrechen verantworten. Nach Kriegsende verhaftet, wurde er 1946 zwar von einem britischen Militärgericht in Lüneburg - ausschließlich wegen auf Kreta begangener Kriegsverbrechen an britischen Soldaten! - zu fünf Jahren Haft verurteilt, das Urteil aber wieder aufgehoben und Student bereits 1948 freigelassen. Ein Auslieferungsbegehren der griechischen Regierung wurde negativ beschieden; ein gegen ihn auf Betreiben des Griechischen Nationalen Kriegsverbrecherbüros (Office National Hellenique des Criminels de Guerre) eingeleitetes Ermittlungsverfahren wurde 1964 eingestellt.
Noch heute (Stand Ende 2015) ehrt ihn u.a. der Bund Deutscher Fallschirmjäger: Ihr Hilfswerk für Notfälle heißt Hilfswerk Generaloberst Student.
Die Namen der Opfer aus SkinesAlexander Andrae, verantwortlicher ,,Festungskommandant“ für das am 1. August 1941 durchgeführte Massaker, musste sich 1946 vor einem Athener Sondergericht verantworten. Im Gegensatz zu den beiden anderen Kommandanten Bräuer und Müller wurde er nicht zum Tode verurteilt, sondern erhielt lediglich eine lebenslange Haftstrafe und wurde bereits 1952 begnadigt.

In Bad Reichenhall findet im Rahmen von rechter Traditionspflege jedes Jahr um den 20. Mai herum an der Kretabrücke eine Gedenkfeier zu Ehren der beim Kampf um Kreta gefallenen Reichenhaller Gebirgsjäger statt. Dass die 5. Gebirgsdivision unter ihrem Kommandanten Generalmajor Julius Ringel diverse Massaker unter der Zivilbevölkerung der Insel beging, wird dabei nicht thematisiert.

Gedenken
Auf dem Kirchplatz von Alikianos befindet sich die Gedenkstätte für die Opfer des Massakers vom 2. Juni 1941.
Eine weitere Gedenkstätte steht an der Kreuzung, an der von der Durchgangsstraße nach Alikianos abgebogen wird. Hier wird der Opfer des Massakers vom 1. August 1941 aus Fournes, Skines, Alikianos, Koufos, Vatolakkos, Nea Roumata, Prases, Orthouni, Karanos und Meskla gedacht.

Literatur / Medien:
Bundesarchiv (Hg.): Europa unterm Hakenkreuz - Die Okkupationspolitik des deutschen Faschismus in Jugoslawien, Griechenland, Albanien, Italien und Ungarn, Berlin 1992; Rondholz, Eberhard: Die Schlacht auf Kreta und der Widerstandskampf unter der deutschen Besatzung von 1941 bis 1945, In: Raeck, Karina: Andartis - ein Monument für den Frieden, Berlin 1995, S. 77-93; Rondholz, Eberhard: Die Erde über den Gräbern bewegte sich noch, In: ZEIT-Online, 20. November 1987 (www.zeit.de/1987/48/die-erde-ueber-den-graebern-bewegte-sich-noch/komplettansicht); Xylander, Marlen von: Die deutsche Besatzungsherrschaft auf Kreta 1941-1945, Freiburg 1989; braunzonebw.blogsport.de/2011/08/23/pm-des-rabatz-buendnis-zum-ns-verbrechen-in-skines-in-griechenland-27-07-2011;