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Vercors

Region Rhône-Alpes, Departements Drôme und Isère

Der Ort
Gebirgsstock, über 2000 m hoch, nach vielen Seiten schroff abfallend, schwer zugänglich. Der Vercors liegt südlich von Grenoble (Zufahrt über D 531), östlich von Romans-sur-Isère (Zufahrt über N 532/D 76, D 531, D 518) und Valence (Zufahrt über D 68/D 76/Tunnel des Grands Goulets), nördlich von Die (Zufahrt über D 76/Col de Rousset). Der größte Teil gehört zum Departement Drôme, eine kleiner Teil im Norden (um Malleval und Villard-de-Lans) zum Departement Isère.

Schroffe Bergabstürze im östlichen Vercors; Quelle: Wikipedia Passstraße Combe Laval bei Saint-Jean-en-Royans; Quelle: Wikipedia Blick von Romans auf das nordwestliche Vercors-Massiv

Die Ereignisse
Rückzugsgebiet für Flüchtlinge
Nach Kriegsbeginn nahm das Vercors zahlreiche Flüchtlinge aus Mitteleuropa und Franzosen/innen aus der besetzten Nordzone auf, vor allem in Villard-de-Lans, das als Erholungs- und Touristenort über eine entsprechende Infrastruktur verfügte. Hier öffneten mehrere Privatschulen, z.B. im Hôtel du Parc das Lycée polonais (polnische höhere Schule).
Gilles Vergnon folgend werden mehrere Phasen der Entwicklung des „Vercors résistant“ („Vercors im Widerstand“) unterschieden (vgl. Gilles Vergnon: Résistance dans le Vercors, Grenoble 2012).

Stele Maquis d'Ambel Aimé Pupin, Grenoble; © Musée de la Résistance et de la Déportation de l'Isère Becken von Vassieux-en-Vercors

Erste Phase des „Vercors résistant“ (1941 - 1943)
Entscheidende Impulse für die spätere Entwicklung des Maquis gingen von linksstehenden Personen in Grenoble aus, die sich ab 1941 in Diskussionszirkeln und Widerstandsbewegungen wie Franc-Tireur zusammengefunden und Kontakte ins nördliche Vercors geknüpft hatten (z.B. Léon Martin, Aimé Pupin, Eugène Chavant, Victor Lhuillier, Eugène Samuel (Villard-de-Lans), Benjamin Malossane (Saint-Jean-en-Royans). Parallel dazu schrieb der Grenobler Pierre Dalloz Mitte 1941 einen Text zur Bedeutung des Vercors für die Résistance, den er ein Jahr später zusammen mit Jean Prévost zum 'Plan Montagnards' weiterentwickelte. Er sah vor, die „natürliche Festung“ Vercors militärisch für die Résistance zu nutzen, Orte für Fallschirmabwürfe von Waffen und Waffendepots zu finden sowie – im Fall einer alliierten Landung in Frankreich - eine Landepiste für Flugzeuge herzurichten; dafür wurde das Becken von Vassieux-en-Vercors ausgesucht. Die dort abzusetzenden Soldaten sollten durch Angriffe auf die Verkehrswege die Bewegungen der deutschen Truppen (zur Normandie bzw. ihren Rückzug) erschweren. Der Plan wurde von de Gaulle und Führern der inneren Résistance (Jean Moulin und General Délestraint) gebilligt.

Ab 1942/43 entstanden auf verlassenen Höfen, u.a. in der Nähe von Ambel und Autrans, erste Maquis, die zunächst reine Zufluchts- und Unterkunftsstätten für STO-Verweigerer waren. Die Umsetzung des Plans Montagnards verzögerte sich. Die Italiener verhafteten im Mai 1943 fast die gesamte Führungsmannschaft des 'Vercors résistant', siebzehn von ihnen wurden in Italien interniert (vgl. Näheres bei Villard-de-Lans). Durch die Verhaftung bzw. den Tod von Délestraint und Moulin im Mai 1943 wurde zudem der direkte Draht nach London gekappt.

Malleval-en-Vercors oberhalb des sehr engen Tals; Quelle: Wikipedia Maquisards besorgen Lebensmittel; Quelle: ladromemontagne.fr Gedenktafel an getötete Résistants, Saint-Julien-en-Vercors

Zweite Phase (1943 – Juni 1944)
Die neue Führungsstruktur (militärischer Chef: Le Ray, später F. Huet; ziviler Chef: Eugène Chavant ‚Clément‘) führte zu einer deutlich stärkeren militärischen Ausrichtung der Maquis und der Befehlsstrukturen. Die ab dem Sommer 1943 entstehenden Maquis hatten zwischen 300 und 400 Männern. Sie wurden militärisch unterwiesen und verbrachten einen großen Teil ihrer Zeit mit der Beschaffung von Nahrung und Brennmaterial. Sie nutzten das Vercors-Massiv als Ausbildungs- und Rückzugsgebiet, nur gelegentlich attackierten sie deutsche Konvois im Rhonetal.
Die These von der uneinnehmbaren „Festung Vercors“ wurde durch das jeweils kurzzeitige Eindringen von Wehrmachtseinheiten Anfang 1944 einer herben Prüfung ausgesetzt. Am 19. Januar kamen sie bis ins zentral gelegene La-Chapelle-en-Vercors (Näheres siehe dort). Am 29. Januar vernichteten deutsche Soldaten das Maquis in Malleval (24 Maquisards wurden getötet, viele deportiert, das Dorf angezündet – Näheres vgl. Malleval-en-Vercors); beim Überfall auf das regionale Hauptquartier der  Armée Secrète bei Saint-Julien-en-Vercors am 18. März wurden sechs Maquisards und drei Einwohner getötet. Die frz. Milice terrorisierte ab 16. April bei der – vergeblichen – Suche nach Maquisards eine Woche die Einwohner/innen von Vassieux-en-Vercors.

Pas de l'Aiguille; Quelle: Wikipedia Denkmal in Bourg-de-Péage an Aufbruch hunderter Jugendlicher zum Vercors

Dritte Phase (Juni – Juli 1944): Vercors-Republik und deutscher Angriff
Nach der alliierten Landung in der Normandie am 6. Juni 1944 überschlugen sich die Ereignisse. Zunächst stiegen entsprechend der Planung Résistancegruppen auf das Plateau. Am 9. Juni wurden die Zugänge zum Vercors versperrt und bewacht (später sollte sich herausstellen, dass die Sperren  für die geübten Gebirgsjäger und Flugzeuge kein großes Hindernis darstellten und insbesondere die als uneinnehmbar geltenden 'pas'/enge Übergänge unzureichend gesichert waren; vgl. Pas de l'Aguille, Valchevrière). Unvorhergesehen strömten tausende junger Männer, darunter viele STO-Verweigerer aus den Talgemeinden und angrenzenden Gebieten in das Vercors (vgl. Bourg-de-Péage, Romans-sur-Isère, Villard-de-Lans). Der Präfekt wähnte das Vercors als „passé à la dissidence“, d.h. von Vichy abgefallenes, befreites Gebiet. Ausbildung und Ernährung der vielen Menschen stellte die Maquis-Organisation vor große Probleme, überforderte sie teilweise. Bis Juli wurden viermal Waffen per Fallschirm abgeworfen. Die Deutschen griffen am 13. und (erfolgreich) am 15. Juni Saint-Nizier-du-Moucherotte bei Villard-de-Lans an (s. dort). 

'Hier beginnt das Land der Freiheit'; Quelle: Mémorial de la Résistance du Vercors Aufruf zur Wiedergründung der République Française; Quelle: Musée de la Résistance, Vassieux-en-Vercors Eugène Chavant, Zivilchef der Frz. Republik des Vercors; © Musée de la Résistance et de la Déportation de l'Isère

Die 'französische Republik' im Vercors
Wie in anderen Gemeinden in Zentral- und Südfrankreich, die vorübergehend von der Résistance befreit und kontrolliert wurden, wurde am 3. Juli 1944 in Saint-Martin-en-Vercors die République Française ausgerufen und symbolisch wiederhergestellt. Das Gebiet sagte sich von Vichy los, es wurde eine neue militärische und zivile Verwaltung eingesetzt: Militärkommandanten waren Marcel Descour und F. Huet, 'Präfekt' wurde der Vorsitzende des Befreiungskomitees 'Clément' (= Eugène Chavant), Nebenstellen gab es u.a. in La-Chapelle-en-Vercors. Ernährung, Sicherheit und Presse waren wichtige Angelegenheiten. Mit dem deutschen Angriff im Juli endete die Republik. 

Überreste eines deutschen Lastenseglers, Vassieux-en-Vercors Ruinendorf Valchevrière Skulptur „Den Märtyrern des Vercors“, Vassieux-en-Vercors

Deutscher Sturmangriff und Kämpfe
Am  8. Juli 1944 fiel die Entscheidung der Wehrmacht, die Maquis des Vercors anzugreifen und zu vernichten ('Operation Bettina'). Vichy und die Deutschen sahen die Aktivitäten als Bedrohung für ihre Sicherheit an. Beteiligt waren etwa 10000 Soldaten (Gebirgsjäger, Fallschirmjäger, Artillerie, Flugzeuge, Lastensegler). Sie unterstanden dem Befehl von General Karl Pflaum; vor Ort war auch der SD-Chef von Lyon, Werner Knab. Am 21. Juli wurden die Angriffe auf Valchevrière bei Villard-de-Lans, La-Chapelle-en-Vercors und auf Vassieux-en-Vercors zentriert. Nach heftiger Gegenwehr wurden die Angriffe am 23. Juli wiederholt. Nach drei Tagen war der Widerstand blutig gebrochen. Huet gab den Befehl an die Maquisards, sich zu zerstreuen; das Maquis des Vercors war damit faktisch aufgelöst.

Pendus de la Mure - Zwei Erhängte; © AD Drôme, cliché P. Rio, 309 J 128 Grotte de la Luire Nationalfriedhof Saint-Nizier-du-Moucherotte

Repression und Massaker
Wehrmachtsgeneral Karl Pflaum gab am 27. Juli 1944 den Befehl aus, das Vercors zu durchkämmen, die von der Résistance benutzten Häuser und Dörfer niederzubrennen, Vieh mitzunehmen, die Männer unter 30 Jahren gefangen zu nehmen („verbrannte Erde“). Vassieux wurde zu 97 %, La Chapelle zu 95 %  zerstört; Saint-Martin-en-Vercors, die Hauptstadt der Republik, blieb unversehrt. Die deutschen Truppen begingen zahlreiche Übergriffe auf die Zivilbevölkerung, Grausamkeiten an gefangenen Widerstandskämpfern und Massaker an Dorfbewohnern und Maquisards.  Nach den in den Kämpfen umgekommenen über 200 Maquisards  wurden in der Repression wahrscheinlich die doppelte Zahl von Maquisards und Zivilisten umgebracht, in vielen Publikationen wird die Zahl der Opfer mit 750 angegeben. Das Massaker von Vassieux (72 tote Einwohner/innen) wurde in der französischen Anklage vor dem Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg als eines der vier schwersten deutschen Kriegsverbrechen in Frankreich bezeichnet.
Die Verluste auf deutscher Seite betrugen 65 Tote, 18 Vermisste und 133 verwundete Soldaten. Die Deutschen zogen definitiv am 12. August 1944 ab.

 

Wegen der Ereignisse und des Gedenkens an die Résistance und die zivilen Opfer vgl. im Einzelnen die Artikel zu den Orten Ambel, Grotte de la Luire, La Chapelle-en-Vercors, Malleval-en-Vercors, Pas de l'Aiguille, Saint-Jean-en-Royans, Saint-Julien-en-Vercors, Saint-Martin-en-Vercors, Saint-Nazaire-en-Royans, Saint-Nizier-du-Moucherotte, Sassenage, Valchevrière, Vassieux-en-Vercors, Villard-de-Lans. Sie werden im Anschluss als Unterorte zu Vercors beschrieben.

Gedenkorte im Vercors „Hof der Erschossenen“, La-Chapelle-en-Vercors Gedenkstätte des Widerstands im Vercors, Vassieux-en-Vercors

Gedenken
Im Vercors gibt es zahlreiche Gedenkorte, Gedenkstätten, Denkmäler, Stelen, Gedenktafeln. 
Nationalfriedhöfe (Nécropole nationale) für Résistance-Opfer und Zivilisten befinden sich in Vassieux-en-Vercors (etwas außerhalb des Ortes, am Abzweig der D 76 zum Mémorial der la Résistance, Col de la Chau) und in Saint-Nizier-du-Moucherotte (Anfang der Route de Charvet).
Die Gedenkstätte des Widerstands im Vercors liegt am Col de la Chau oberhalb von Vassieux-en-Vercors (von Romans: N 532/D 76):  info@memorial-vercors.fr; internet: www.memorial-vercors.fr; http://www.cheminsdememoire.gouv.fr/de/das-denkmal-fur-die-resistance-im-vercors (dt.); geöffnet: Mai + Juni: in der Woche 12 – 18 h, am Wochenende und Feiertagen: 10 – 18 h; Juli – September täglich 10 – 18 h; Audioguide in deutsch.
Das Widerstandsmuseum des Vercors befindet sich ebenfalls in Vassieux-en-Vercors: Musée de la Résistance, Rue Fourna (Nähe Kirche); email: musee-resistance-vassieux@ladrome.fr ; internet: http://www.ladrome.fr/nos-actions/culture/musee-de-la-resistance/le-musee; offen: nachmittags, außer Montag und Dienstag.
Die Wege der Freiheit (Chemins de la Liberté en Vercors) verbinden die Gedenkstätte des Widerstands und das Widerstandsmuseum mit acht historischen (Gedenk-)Orten des Plateaus. Erkennungszeichen: eine Eibe, am Fuß die Inschrift: Site nationale historique de la Résistance en Vercors; vgl. http://memorial-vercors.fr/fr_FR/le-memorial-2824/le-site-2890.html  

 

Literatur/Medien
Dictionnaire historique de la Résistance, Paris 2006, S. 766ff., 1021f.
Lieb, Peter: Konventioneller Krieg oder NS-Weltanschauungskrieg? Kriegführung und Partisanenbekämpfung in Frankreich 1943/44, München 2007, S. 339ff.
Vergnon, Gilles: Résistance dans le Vercors. Histoire et lieux de Mémoire, Grenoble 2012
ONAC Isère-Drôme: Vercors. Lieux de mémoire de la seconde guerre mondiale, Valence 2000
Petit Futé. Guide des lieux de mémoire, Paris 2005, S. 338ff.; Ausgabe 2012/2013, S. 226f.
http://fr.wikipedia.org/wiki/Maquis_du_Vercors
http://www.memorial-vercors.fr/pdf/depliAdult08-DL.pdf (dt.)
http://www.vercors-net.com/dossiers/histoire/resistance.html
http://www.memorial-vercors.fr/memoire.html