Schriftgröße A A A

Marseille

Region Provence-Alpes-Cote d'Azur, Departement Bouches-du-Rhône

Der Ort
Großer Hafen am Mittelmeer, mit 850.000 Einwohner/innen die zweitgrößte Stadt Frankreichs, Hauptstadt der Region PACA und des Departements Bouches-du-Rhône, Europäische Kulturhauptstadt 2013. Autobahnen A 7 und A 51; TGV-Bahnhof.

Die Ereignisse
Marseille war Anlaufpunkt für unzählige Flüchtlinge; zahlreiche Fluchthilfeorganisationen waren tätig, ebenso Nachrichtendienste, illegale Zeitungen wurden verbreitet; ab 1943 verstärkten die Widerstandsgruppen ihre Aktionen.
Im Januar 1943 wurden bei einer Razzia tausende Einwohner vorübergehend evakuiert oder deportiert; das Viertel am alten Hafen wurde auf deutschen Befehl gesprengt. Marseille wurde im August 1944 von der Résistance und freifranzösischen Truppen befreit.

Hotel Bompard, heutiger Zustand

Drehscheibe für Verfolgte und Flüchtlinge

Seit 1933 kamen tausende von Flüchtlingen (Gegner der faschistischen Regime in Deutschland und Italien, Juden) aus Deutschland, Italien, Österreich, Polen, Tschechien sowie Holland, Belgien usw. nach Marseille. Die Hafenstadt war erster Anlaufpunkt, Zuflucht und Durchgangsstation auf dem von vielen erhofften Weg nach Übersee. Die Bedingungen verschlechterten sich insbesondere nach der deutschen Invasion in Frankreich und unter Vichy, das Ausländer und Juden stärker kontrollierte, teilweise internierte. In Marseille wurden sie in mehreren Gebäuden zwangsweise untergebracht, u.a. dem Hotel Bompard, 2, rue des Flots Bleus. Hilfs- und Fluchthilfeorganisationen versuchten, ihre prekäre Situation zu verbessern und/oder ihnen zu sicherer Unterkunft, zur Ausreise bzw. Flucht über das Mittelmeer oder die Pyrenäen zu verhelfen (z.B. OSE, Varian Fry, Lisa Fittko). Der mexikanische Generalkonsul Gilberto Bosques stellte zehntausenden Juden, Antifaschisten, spanischen Republikanern und Interbrigadisten Visa aus  z.T. ohne offizielle Genehmigung  und ermöglichte einem Teil von ihnen die Flucht nach Mexiko, u.a. Anna Seghers und Egon Erwin Kisch.
Zu Gedenkorten mit dem Schwerpunkt Flucht und Exil führen Spaziergänge, die in einem eBook beschrieben und bebildert sind: eBook „Exil-Parcours – In 10 Etappen auf den Spuren des Exils in Marseille“ (französisch und deutsch; Hg. Sabine Günther), Marseille 2013: http://www.exilplan.com/exilplan/EXILPARCOURS_ebook.html.


Widerstand
Widerstandsgruppen wie Combat waren seit 1941 mit ihren illegalen Zeitungen präsent. Henri Frenay rekrutierte ab Dezember 1940 unter Armeeangehörigen für seine Bewegung; die Sozialistische und die Kommunistische Partei wurden wieder aktiv. Spontane Protestaktionen fanden z.B. am 14. Juli 1942 statt, ebenso große Hausfrauendemonstrationen wegen des Nahrungsmangels. Mit der deutschen Besatzung ab November 1942 begannen bewaffnete Aktionen (Sabotage, Attentate). Viele Résistance-Führer wurden 1942/43 von der Gestapo verhaftet; einer ihrer Folterkeller war in der Rue Paradis Nr. 425.
Nach einem Lohnstreik im März 1944 erfasste der sog. „Brotstreik“ („500 Gramm Brot jeden Tag“) im Mai die größten Industriebranchen und mobilisierte mehrere 10.000 Frauen in Demonstrationen. Die Bewegung wurde nach dem verheerenden US-Bombardement am 27. Mai 1944 (fast 2.000 Tote) abgebrochen. Nach der Landung in der Normandie strömten zahllose Männer in die Maquis – FTP, KPF und Gewerkschaft riefen zum Verbleib in der Stadt auf – auch mit Blick auf den vorzubereitenden Volksaufstand. Nach der Landung in der Provence war die Résistance trotz schwerer Verluste aktiv an der Befreiung beteiligt.


Friedhof St.-Pierre: Denkmal der Deportierten Gedenktafel an die Gestapo-Opfer, Rue Paradis Nr. 425 Totendenkmal Gedenktafel am Totendenkmal Gedenktafel für ORA-Angriff

Gedenken
Viele Tafeln erinnern an Widerstandshandeln und Repression; auf dem Friedhof Saint-Pierre, 380, rue Saint-Pierre, steht das Monument des Déportés. Die Tafel am ehemaligen Gestapo-Gebäude, 425, rue Paradis, erinnert an die Misshandlungen hunderter Widerstandskämpfer/innen sowie die Inhaftierung und Deportation zahlreicher Juden. Am Fuß des Totendenkmals, 220 La Canebière, erinnern zahlreiche Tafeln an Widerstandshandeln und Repression. Eine kleine Tafel erinnert an den Angriff von ORA-Kämpfern im August 1944 auf ein großes Gebäude, das zu einer „deutschen Festung“ ausgebaut worden sei (heute Finanzamt; 3 Place Sadi-Carnot). Nach der Schließung des Maison Diamantée existiert ein virtuelles Museum des Widerstandes, s. hier ; virtuelle Ausstellung: s. hier

Massenrazzia, Judendeportation, Sprengung des Hafenviertels 
Das nördlich des alten Hafens gelegene Viertel galt der deutschen Wehrmacht als Hochburg Krimineller, Schieber, Widerständiger und somit als Sicherheitsrisiko. Himmler ordnete Anfang Januar 1943 die Zerstörung der Gebäude und die Deportation der Bevölkerung an. Sicherheitsinteressen der Wehrmacht, Immobilienspekulation und die Jagd auf Juden und Widerständler waren im Spiel. Wehrmacht, SS und Vichy-Polizei arbeiteten zusammen, SS-Führer Oberg und Vichy-Polizeichef Bousquet waren zeitweise vor Ort. 

Am 22. und 23. Januar 1943 führten große französische Polizeikräfte eine Massenrazzia in Marseille durch, 40.000 Menschen wurden überprüft, 6000 zeitweilig festgenommen und u.a. im Gefängnis Les Baumettes inhaftiert. 1.642 von ihnen wurden ins Internierungslager Compiègne transportiert, die meisten wenig später in das KZ Sachsenhausen deportiert. 780 Juden wurden am 23. und 25. März 1943 in die Vernichtungslager Sobibor und Auschwitz deportiert, keiner überlebte.
Gleichzeitig riegelten SS-Polizeieinheiten das Hafenviertel ab. Fast 30.000 Einwohner/innen wurden mit Hilfe der französischen Polizei vorübergehend nach Fréjus bei Nizza gebracht. Im Februar sprengten Wehrmachtssoldaten das ganze Stadtviertel, 1.500 Gebäude wurden zerstört und das Viertel dem Erdboden gleichgemacht. Ab 1948 begann der Wiederaufbau.

Mémorial, Bodenplatte Mémorial de la Déportation Gedenktafel am Opernplatz Gedenktafel am Gefängnis Les Baumettes Gedenktafel-Inschrift Mémorial des Camps de la Mort (2012)

Gedenken
Am Place du 23 Janvier 1943 / Place Bargemon mahnt das Mémorial de la Déportation, de l'Internement et de la Résistance, „unsere Verschollenen, Internierten, Deportierten, in den Nazi-Lagern Umgekomenen, Opfer der tragischen Evakuierung des alten Hafenviertels“ nie zu vergessen (Bodenplatte). Eine Gedenktafel am Opernplatz erinnert an die Deportation im Januar 1943 und die Ermordung der Mitglieder von 250 jüdischen Familien „aus dem einzigen Grund, dass sie als Juden geboren wurden.“ Schwerpunkt des Mémorial des Camps de la Mort (Gedenkstätte der Todeslager), Quai de la Tourette, Marseille 2°, ist die Judenverfolgung und -deportation. Die Gedenkstätte ist seit 2012 bis auf weiteres geschlossen. Zwei Tafeln am Gefängnis Les Baumettes, 239 Chemin du Morgiou, gedenken der Widerstandskämpfer, die in der Vichy- und Besatzungszeit hier eingekerkert waren.

Befreiung
Nach der Landung in der Normandie gingen viele junge Männer in die Maquis (z.B. der Alpenregion). FTP, KPF und Gewerkschaften riefen zum Verbleib in der Stadt auf. Nach der Landung in der Provence näherten sich rasch freifranzösische Truppen. Am 18. August 1944 riefen das regionale Befreiungskomitee und die Gewerkschaften zum Generalstreik auf, am 21. August wurde das Rathaus besetzt. Am selben Tag zerstörten die Deutschen viele Hafeneinrichtungen und Schiffe. Angesichts der starken deutschen Verbände in Marseille schickte die Résistance einen Hilferuf an die vor den Toren Marseilles liegenden freifranzösischen Truppen, die dann – früher als geplant – in Marseille einrückten. Nach verlustreichen Kämpfen kapitulierten die Deutschen unter General Schaeffer am 28. August. Marseille war befreit.

 

Kathedrale Notre Dame de la Garde Danksagung in der Kathedrale; © H. Oberhofer Panzer „Jeanne d'Arc“

Gedenken
Das Gelände um die Kathedrale 'Notre Dame de la Garde' hoch über der Stadt war heftig umkämpft. Einschussspuren sind noch heute zu sehen. Mit einer Tafel in der Kathedrale danken die Gläubigen der Schutzpatronin Marseilles für ihre Rettung und Befreiung. Jährlich findet am 28. August eine Gedenkveranstaltung statt, vor dem Panzer „Jeanne d'Arc“ (der erste Panzer während der Befreiung in Marseille), 4 Place du Colonel Edon, Marseille 7°, unweit der Kathedrale Notre Dame de la Garde. Viele Tafeln gedenken der während der Befreiung getöteten Résistants und Soldaten.

Literatur/Medien
Meyer, Ahlrich: Die deutsche Besatzung in Frankreich 1940–1944. Widerstandsbekämpfung und Judenverfolgung, Darmstadt 2000, bes. S. 114ff.
Varian Fry, Varian/Elfe, Wolfgang D./Hans, Jan (Hg.): Auslieferung auf Verlangen. Die Rettung deutscher Emigranten in Marseille 1940/41, Frankfurt 2009 (FiTB)
Dictionnaire historique de la Résistance, Paris 2006, S. 294f., 725f.
ANACR/ONAC 13: La Résistance (Ausstellung), Marseille 2009
Le Patriote Résistant N° 842 (2010), S. 12ff.
http://desincroc.free.fr/chrono3/chrop031.html
http://fr.wikipedia.org/wiki/Bataille_de_Marseille
www.paca.pref.gouv.fr/L-Etat-et-les-citoyens/Defense-et-anciens-combattants/La-Memoire-combattante 
http://de.wikipedia.org/wiki/Gilberto_Bosques
www.adk.de/de/aktuell/pressemitteilungen/download_2012/adk_Pressedossier_Mexiko.pdf
http://desinroc.free.fr/chrono3/resistance.html 
http://fr.wikipedia.org/wiki/Marseille#La_Seconde_Guerre_mondiale
http://fr.wikipedia.org/wiki/Rafle_de_Marseille
http://www.exilplan.com/exilplan/EXILPARCOURS_ebook.html