Die blitzartige Besetzung Litauens am 22. Juni 1941 rief bei den Juden des Landes widersprüchliche Reaktionen hervor: was sollten sie tun, was hatten sie zu befürchten? An Widerstand dachte kaum jemand, weil niemand eine Vorstellung von dem Plan zur Vernichtung der gesamten jüdischen Bevölkerung hatte. Erst nach den von Litauern in den ersten Tagen nach dem deutschen Einmarsch exekutierten Pogromen, die von der SS-Einsatzgruppe A bewusst gefördert worden waren, und nach den ersten Monaten des deutschen Terrors wurde vor allem jungen jüdischen Männern und Frauen klar, dass Gettoisierung und Massenmorde die systematische Vernichtung aller Juden zum Ziel hatte. Der Gedanke eines notwendigen Widerstands nahm Gestalt an, als es kaum mehr reale Handlungsmöglichkeiten dafür gab – zu brutal war die Übermacht der Deutschen und ihrer litauischen Kollaborateure. Juden hatten keinerlei Erfahrung im bewaffneten Kampf, Juden hatten keine Waffen, sie waren plötzlich in Ghettos isoliert oder starben bereits in Massakern. Aus diesem Schockerlebnis entwickelte sich – meist auf Initiative von jungen Intellektuellen und Akademikern – ein langsam wachsendes Netzwerk kultureller Selbstbehauptung, als eine Art Widerstand ohne Waffen. Dies konnte nur in den großen – etwa drei Jahre bis zu ihrer Auflösung existierenden – Ghettos in Vilnius und Kaunas gelingen.

Bewaffneter Widerstand
Bewundernswert bleibt, dass in allen litauischen Ghettos trotz tödlichem Terror Widerstandsgruppen entstanden. Die bekanntesten Beispiele sind die FPO (Fareynikte Partizaner Organizatsie) im Ghetto von Vilnius und die AKO (Allgemeyne Kampf-Organizatsie) im Ghetto von Kaunas. Selbst nach den Deportationen des Jahres 1943/44 in die Arbeitslager von Estland und Lettland bildeten Widerstandskämpfer unter schwierigsten Bedingungen neue Widerstandszellen. Von Ausnahmen abgesehen, konnte der jüdische Widerstand wegen des in der litauischen Bevölkerung verbreiteten Antisemitismus mit wenig Hilfe „von außen“ rechnen (Retterinnen /Retter). Auch die im Süden Litauens aktive polnische Widerstandsorganisation (Polnische Heimatarmee) bot wegen ihres intern verbreiteten Antisemitismus keine Unterstützung, ganz zu schweigen von Hilfe aus den Reihen der deutschen Besatzung: im Sinne aktiver Unterstützung des jüdischen Widerstands ist nur das Verhalten des Feldwebels Anton Schmid bekannt, der von Vilnius aus Kurierdienste und Waffentransporte für den jüdischen Widerstand unterstützte und deswegen hingerichtet wurde.

Jüdische Partisanen aus Vilnius (Mitte stehend Abba Kovner (Yad Vashem)Zusammenarbeit mit sowjetischen Partisanen
Der Widerstand in den Ghettos war der Übermacht der deutschen Besatzung nicht gewachsen. Er orientierte sich ab Mitte 1943 zunehmend auf Flucht aus den Ghettos zu den sowjetischen Partisanen, die vor allem in den Wäldern von Narocz und Kazenai (Ostlitauen) und Rudniki (Südostlitauen) organisiert waren und von dort aus immer erfolgreicher die Transport- und Versorgungslinien der Deutschen angriffen. Es entsprach sowjetischer Politik, Juden als Partisanen aufzunehmen und mit Waffen auszustatten. Zum Teil eigens ausgebildet, wie die Fallschirmspringerin Gesia Glezer, wurden junge litauische Jüdinnen und Juden in die Ghettos geschleust, um den Widerstand zu koordinieren, Flucht in die Wälder zu organisieren und Partisanenbasen aufzubauen. Innerhalb der litauisch-sowjetischen Partisaneneinheiten bildeten sich 1943 immer stärkere jüdische Formationen, die zu einem Zufluchtsort auch für jüdische Familien wurden, die aus Ghettos und Lagern entkommen waren.

Plakat von Kaczerginski (YIVO) Partizaner geyen - Auftruf zum WiderstandDie FPO-Führung im Ghetto von Vilnius war zunächst auf Kampf innerhalb des Ghettos eingestellt, nahm aber nach dem Tod Witenbergs und dem vergeblichen Aufruf zu einem Aufstand im Ghetto im Juni 1943 Kontakt mit den sowjetischen Partisanen auf. Bald verließ die erste FPO-Gruppe unter Josef Glazman das Ghetto und erreichte nach schweren Verlusten die Narocz Wälder. Ihr folgten weitere Gruppen, die in die Brigade von Fiodor Markov aufgenommen wurden. Markov, früher Lehrer für polnische Literatur an der jüdischen Schule von Švenčionys, war schon im August 1941 von der weißrussischen KP beauftragt worden, in den Narocz Wäldern Partisaneneinheiten aufzubauen und später Kontakte zum jüdischen Widerstand aufzunehmen. Er bildete im August 1943 die erste jüdische Einheit („Rache“), die rasch auf 250 Mitglieder anwuchs.

Nach der Entscheidung des zentralen Moskauer Partisanenkommandos im Oktober 1943, die jüdischen Einheiten und ihre Familienlager aufzulösen, sollten sich die Partisaneneinheiten nach dem Territorialprinzip und nicht nach ‚Nationalität‘ zusammensetzen. Deshalb wurden die jüdischen Einheiten entwaffnet und die Familienlager aufgelöst. Ein kleiner Teil von ihnen wurde anderen sowjetischen Einheiten zugeteilt, die Mehrheit der Mitglieder jedoch war unbewaffnet und den Deutschen und feindlichen Litauern hilflos ausgesetzt, sie verhungerten oder wurden – wie die Gruppe um Josef Glazman – beim Versuch, sich in die Rudniki Wälder durchzuschlagen, aufgerieben.

Alexander Bgen: Jüdische Partisanen (Vad Vashem)Seit der Liquidierung des Ghettos von Vilnius im September 1943 hatten sich bis Ende des Jahres vier große jüdische Einheiten unter Führung von FPO-Kämpfern gebildet. Auch eine große Zahl von Mitgliedern der „Zweiten Kampfgruppe“ (Sheinbaum) hatte die Rudniki Wälder erreicht. In diesem Zeitraum war es vor allem Partisaninnen gelungen, Juden aus Verstecken im zerstörten Ghetto und aus den Lagern Kailis und HKP in die Wälder zu bringen. Befanden sich Anfang Oktober noch ungefähr 250 Juden im Wald, stieg die Zahl der Geflüchteten rasch auf über 400 an. Sie waren in vier Brigaden aufgeteilt: „Rächer“ (unter dem Kommando von Abba Kovner), „Für den Sieg“ (unter Shmuel Kaplinski), „Tod dem Faschismus“ (unter Jakob Prenner) und „Kampf“ (unter Aron Aharonovich). Bald erreichten auch Untergrund-Kämpfer aus Kaunas die Rudniki Wälder, nachdem Versuche gescheitert waren, in den Augustowo-Wäldern bei Kaunas eine Partisanenbasis aufzubauen. Henrikas Zimanas, seit Oktober 1943 Kommandant der Partisanen in Südlitauen, organisierte die jüdischen Einheiten in den Brigaden Vilna, Kovno und Trakai. In diesen Einheiten war der Anteil an Frauen besonders hoch, die bei Sabotageaktionen und Kämpfen gleichberechtigt eingesetzt wurden. Außerdem fanden Familien sowie unbewaffnete Juden Schutz. Die Nicht-Kämpfenden wurden für interne Arbeiten eingesetzt: Kochdienst, Wäscherei, Waffenreparatur, hygienische Vorkehrungen, Krankenstation usw. Frauen leisteten Kurierdienste, pflegten die Kontakte zu anderen Partisanen, organisierten Fluchtwege, brachten Medikamente und Waffen aus der Stadt u.v.m.

Ehemaliger Partisanen-Unterstand RudnikiAb Januar 1944 wurde die Reorganisation der Partisanenorganisation nach dem Territorialprinzip auch in den Rudniki Wäldern durchgesetzt. Gegen den Widerstand der jüdischen Anführer wurden nun jüdische und sowjetische Einheiten zusammengelegt. Bis zur Befreiung Südlitauens im Juli 1944 waren in den Rudniki Wäldern ca. 2.000 Partisanen aktiv – sowjetische, weißrussische und jüdische – nichtkämpfende Flüchtlinge eingeschlossen. Die Gesamtzahl der in die Waldgebiete Narocz, Kazenai und Rudniki geflüchteten Juden wird auf 1.800 geschätzt, von denen über 1.500 überlebten (Dieckmann, S. 1458).

Zum bewaffneten jüdischen Widerstand muss auch gerechnet werden, dass mehrere hundert litauische Juden, die beim deutschen Einmarsch in die Sowjetunion hatten fliehen können, in der 16. litauischen Schützendivision innerhalb der Roten Armee kämpften und an der Befreiung Litauens beteiligt waren. Ihnen ist ein eigener Erinnerungsraum des Jüdischen Museums in Vilnius gewidmet. 

 

Das 1943 von Hirsh Glik im Ghetto von Vilnius geschriebene Lied, das zur Hymne der jüdischen Partisanen wurde:

"Zog Nit Keynmol
Sage nie, du gehst den allerletzten Weg,
wenn Gewitter auch das Blau vom Himmel fegt.
Die ersehnte Stunde kommt, sie ist schon nah,
dröhnen werden unsre Schritte, wir sind da!

Vom grünen Palmenland bis weit zum Land voll Schnee
kommen wir mit unsrer Pein, mit unserm Weh.
Und wohin ein Tropfen fiel von unserm Blut,
sprießen für uns neue Kräfte, neuer Mut.

Der Tag wird golden, wenn erst Morgensonne scheint,
und die schwarze Nacht verschwindet mit dem Feind.
Und zögert auch die Sonne noch am Horizont,
ist unser Lied dafür Gewißheit, daß sie kommt.

Das Lied, wir schrieben es mit Blut und
nicht mit Blei, das ist kein Lied von einem Vogel froh und frei.
Es hat ein Volk gestanden zwischen Rauch und Brand,
das Lied gesungen, mit den Waffen in der Hand.

Drum sage nie, du gehst den allerletzten Weg,
wenn Gewitter auch das Blau vom Himmel fegt.
Die ersehnte Stunde kommt, sie ist schon nah,
dröhnen werden unsre Schritte, wir sind da!

Nach 1944/45
Die Überlebenden des jüdischen Widerstandes waren – gemeinsam mit den sowjetischen Partisaneneinheiten und der Roten Armee – an der Befreiung Litauens beteiligt. Einige von ihnen wie Rachel Margolis und Fania Brancovskaja blieben in Litauen, andere wie Abba Kovner, Vita Kempner und Rozka Korczak haben an der Organisation der Flucht der Ghetto- und KZ-Überlebenden von Ost- nach Westeuropa, nach Palästina und in andere Länder maßgeblich mitgewirkt. In wissenschaftlichen und autobiographischen Publikationen haben ehemalige jüdische Partisanen entscheidend zur Darstellung des bewaffneten Widerstands in Litauen beigetragen. Das Moreshet Zentrum für Holocauststudien und -forschung und die Organisation „Partisans Underground Fighters and Ghetto Rebels in Israel“ haben Dokumente, Fotografien und Zeitzeugenberichte gesammelt, die in Ausstellungen und Bildungsangeboten das Erbe des jüdischen Widerstandes bewahren und zugänglich halten.

 

Literatur / Medien
Arad, Yitzhak: Ghetto in Flames. The Struggle and Destruction of the Jews in Vilna in the Holocaust, New York 1982; Atamuk, Solomon: Juden in Litauen. Ein geschichtlicher Überblick vom 14. bis 20. Jahrhundert, hrsg. von Erhard Roy Wiehn, Konstanz 2000, S. 180-198;; Bogen, Alexander: The Onset of the Partisan Units in the Forest of Naroch, Tel Aviv 1991 (abrufbar unter: http://kehilalinks.jewishgen.org/Svencionys/naroch_partisans.html); Dieckmann 2011, Bd. 2, S. 1428–1456, S. 1457–1470; Faitelson, Alex: The Truth and Nothing But the Truth: Jewish Resistance in Lithuania, Jerusalem 2006; Levin, Dov: Ehre war das führende Prinzip: Die Beteiligung der litauischn Juden im Zweiten Weltkrieg, in: http://www.hagalil.com/archiv/2008/05/levin.htm; Lustiger, Arno: Zum Kampf auf Leben und Tod! Vom Widerstand der Juden 1933–1945, Köln 1994, S. 261–311; Margolis, Rachel: Als Partisanen in Wilna. Erinnerungen an den jüdischen Widerstand in Litauen, Frankfurt/M. 2008; Porat, Dina: The Fall of a Sparrow. The Life and Times of Abba Kovner, Stanford 2010, S, 150–173; Schröder, Burkhard: Litauen und die jüdischen Partisanen vom 14.09.2008, abrufbar unter http://www.heise.de/tp/artikel/28/28708/1.html; Strobel; Ingrid: "Sag nie, du gehst den letzten Weg." Frauen im bewaffneten Widerstand gegen Faschismus und deutsche Besatzung, Frankfurt/M. 1989, S. 233–246

http://www.jewishvirtuallibrary.org/operations-diary-of-a-jewish-partisan-unit-in-rudniki-forest
http://www.yadvashem.org/yv/en/exhibitions/vilna/during/partisans_narocz_forest.asp
http://www.holocaustlegacylithuania.com/partisan-fort-rudnicki.html
"Liza ruft!" Dokumentarfilm von Christian Carlsen & Philipp Jansen, 2015 http://www.lizaruft.com/
http://www.jewishgen.org/yizkor/pinkas_poland/pol8_00060.html (Foto Jüdische Widerstandskämpfer)
http://www.yadvashem.org/yv/en/exhibitions/bogen/gallery.asp
https://www.anarchismus.at/kulturbewegung/liedtexte/5982-partisanenlied-sag-nie-zog-nit-keynmol (Partisanenhymne Text) 
http://www.partisansofvilna.org/music.html (Partisanenhymne jiddisch)
http://www.doomedsoldiers.com/last-Battle-of-V-Wilno-Brigade-pt-1.html (Bericht der ehemaligen Partisanin Janina Wasilojc)
http://www.yivoencyclopedia.org/article.aspx/Armed_Resistance (Plakat  Kaczerginski) 
https://www.ushmm.org/m/pdfs/20000831-resistance-bklt.pdf 
https://www.ushmm.org/m/pdfs/20100920-jewish-resistance-bibliography.pdf