Tina Anselmi wurde am 25. März 1927 in Castelfranco (Veneto) geboren. Sie wuchs in einer katholischen Familie auf und besuchte die Katholische Universität in Mailand, die sie im Fach Literaturwissenschaften abschloss. Mit 17 Jahren schloss sie sich dem Widerstand an und arbeitete als Stafette in der Brigade Cesare Battisti unter dem Kommando von Gino Sartor. Bereits 1944 trat sie der Democrazia Cristiana bei und arbeitete ihr Leben lang im Dienst dieser Partei. Sie war Vizepräsidentin der Europäischen Frauenunion und zuständig für die Jugendorganisation der Partei. 1976 wurde sie als erste Frau Ministerin für den Bereich Arbeit in der Regierung Andreotti und übernahm in zahlreichen Legislaturperioden das Ministerium für Gesundheitswesen. Sie war die bisher einzige weibliche Kandidatin, die für das Amt des Staatspräsidenten vorgeschlagen wurde. 1998 wurde sie mit dem Orden „Cavaliere di Gran Croce Ordine al Merito della Repubblica Italiana“ ausgezeichnet.

„Den Entschluss fasste ich, als man unsere Schulklasse an den Ort brachte, wo man einige Jungen als Vergeltungsmaßnahme erhängt hatte. Es waren halbe Kinder, die erst seit zwei Monaten im Gefängnis waren. Sie hatten an keinerlei Kriegshandlungen teilgenommen, aber als Repressalie wurde beschossen, 48 Menschen zu erhängen. Wir wurden gezwungen, uns die Erhängten genau anzusehen. Und als wir dann wieder in der Schule waren, fragten wir uns: 'Ist das nun gerecht oder nicht?' Mir wurde damals klar: Der Staat ist kein Wert an sich und darf es auch nicht sein.  .... Der Widerstand ging nicht aus dem Gefühl des Hasses hervor; er entstand als Entscheidung für die Freiheit. ... Die ersten Gruppen, die in die Berge gingen, waren noch keine wirklichen Kämpfer. Es waren Leute, die ihr Leben schützen wollten, weil niemand wusste, wie lange der Krieg noch dauern würde. Es waren viele Deserteure, die nicht an der Seite der Nationalsozialisten und der Faschisten kämpfen wollten. Schon damals spielten die Frauen eine entscheidende Rolle: sie versorgen diese ersten Zusammenschlüsse von Antifaschisten mit Lebensmitteln, Kleidung, Medikamenten und dann mit Waffen. Und man muss bedenken, dass sich diese ersten Gruppen aus etwa 500.000 jungen Männern zusammensetzten, die ohne die Flucht nur zwei Möglichkeiten gehabt hätten: Entweder für Mussolini kämpfen oder nach Deutschland deportiert zu werden. Daraus entwickelten sich die ersten regelrechten Partisanenformationen. Und die wären ohne die aktive Hilfe der Frauen nicht möglich gewesen.“

In dem Artikel von Esther Koppel zitiert Tina Anselmi einen Brief, den eine junge Mutter, die als Partisanin zum Tode verurteilt worden war, für ihren vierjährigen Sohn schrieb:

Wenn er groß ist, dann gebt ihm diesen Brief, denn er muss begreifen, dass ich auch ihm zuliebe beschlossen habe, Partisanin zu werden. Mein Kind darf nicht denken, dass es etwas Wichtigeres als ihn gegeben hätte. Nein! Als ich diese Entscheidung traf, da habe ich es für mein Land getan, aber auch für ihn: Weil ich will, dass er als freier Mensch aufwächst, weil ich will, dass er in einem Land lebt, in dem seine Würde respektiert wird. Deshalb bin ich Partisanin geworden.(aus: Esther Koppel, "Ich tat, was mein Gewissen mir auftrug". Frauen im italienischen Widerstand, FR 4. Januar 1997, Nr. 3 / S. ZB 5)

Tina Anselmi starb am 1. November 2016 in ihrem Heimatort Castelfranco (Veneto).

Literatur/ Medien:
Esther Koppel, "Ich tat, was mein Gewissen mir auftrug". Frauen im italienischen Widerstand, FR 4. Januar 1997, Nr. 3 / S. ZB 5; Tina Anselmi: Bella Ciao. La Resistenza raccontata ai ragazzi. Edizioni Biblioteca dell'Immagine 2004; www.enciclopediadelledonne.it/index.php?azione=pagina&id=14; it.wikipedia.org/wiki/Tina_Anselmi