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Utena Stadt

Bezirk Utena

Der Ort
Utena, Hauptstadt des gleichnamigen Bezirks, liegt im Nordosten Litauens an der Hauptroute zwischen Kaunas und Daugavpils (Lettland). 2018 zählt die Stadt rund 26.000 Einwohner. Sie ist ein wichtiges Bildungszentrum mit Schulen, Hochschule, einer Einrichtung für Sonderpädagogik, gleichzeitig auch Industriezentrum der Region mit Firmen der Textil- und Lebensmittelbranche. Man erreicht Utena von Vilnius aus auf der A14 (98km) oder von Kaunas in Richtung Daugavpils auf der A6 (135km).

Die Ereignisse

Von der jüdische bestimmten Stadt bis zum deutschen Einmarsch
Utena bildete bis 1941 eine der ältesten jüdischen Gemeinden Litauens, ihr jiddischer Name lautet Utyan. Ihre Siedlungsgeschichte reicht bis ins 16. Jahrhundert zurück. Im 19. Jahrhundert waren fast 80% der etwas mehr als 3.000 Einwohner Utenas Juden. Zwischen den beiden Weltkriegen emigrierten viele von ihnen aufgrund politischer und wirtschaftlicher Diskriminierung vornehmlich nach Südafrika und in die USA. Bis zur sowjetischen Annexion 1940 und zur deutschen Okkupation 1941 machte Juden immerhin noch etwa die Hälfte der inzwischen 10.000 Einwohner zählenden Stadt aus. Sie spielten eine wichtige Rolle in der wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung der Stadt. Es gab vier Synagogen, eine Reihe jüdischer Schulen, eine öffentliche jüdische Bibliothek, jüdische Wohlfahrtseinrichtungen, eine jüdische Volksbank, jüdische Parteien und Gruppierungen, zwei jüdische Sportvereine. Nach der sowjetischen Annexion Litauens im Juni 1940 beteiligten sich wenige Juden als aktive Unterstützer des Regimes, das kurz vor dem deutschen Einmarsch im Juni 1941 zahlreiche nichtjüdische und dutzende jüdische Familien nach Russland deportieren ließ.

Vom Frühjahr 1941 an bildeten sich antisowjetische und antisemitische Untergrundgruppen im Bezirk Utena, die sich mit den sowjetischen Deportationen im Juni verstärkt formierten. Im Juli 1941, wenige Wochen nach dem deutschen Einmarsch, waren im Bezirk über 480 Litauer mit deutscher Erlaubnis als bewaffnete „Partisanen“ registriert, die bis 1940 zumeist der paramilitärischen litauischen Schützenunion angehört hatten.
Vom Tag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion an (22. Juni 1941) wurde in Utena Jagd auf „Juden und Tschekisten“ gemacht. Am 24. Juni 1941 besetzte eine Einheit von 40 Aufständischen die Stadt und übernahm das örtliche Kommando. Die vom sowjetischen Geheimdienst Inhaftierten kamen frei, stattdessen wurden Juden sowie vermutete Unterstützer des Sowjetregimes in die Gefängnisse gesperrt.

Deutschen Truppen erreichten Utena erst am 25. Juni 1941. Alle Straßen von Kaunas Richtung Nordosten waren verstopft mit den sich zurückziehenden Soldaten der Roten Armee und mit Flüchtlingen aus dem bereits von der deutschen Wehrmacht überrannten Westen des Landes. Erst nach heftigen Kämpfen zwischen Wehrmachts- und sowjetischen Einheiten und nach schwerem Bombardement des von vielen Juden bewohnten Zentrums konnte die Stadt eingenommen werden. Unmittelbar danach wurde eine litauische Militärkommandantur installiert und eine Einheit von etwa 80 litauischen Aufständischen unter dem Kommando von Alfonsas Patalauskas wurde zur Hilfspolizei der Stadt gemacht.
Schikane, Plünderung, Verhaftung und Mord an den Juden wurden nun systematisiert. Ihre Häuser wurden markiert, deren Einrichtung auf diese Weise zu leichter Beute für Litauer und deutsche Soldaten wurde. Juden mussten den gelben Stern tragen, durften die Bürgersteige nicht mehr betreten, wurden zum Minen- und Bombenräumdienst und zu erniedrigenden Arbeiten gezwungen. Rabbiner wurde öffentlich misshandelt und verspottet, Thora und heilige Bücher wurden verbrannt, die geplünderten, bald verwüsteten Synagogen dienten als Gefängnisse für einheimische Juden, für jüdische Flüchtlinge und für Kommunisten.

Litauischer Hilfspolizist in Utena beim Verauktionieren jüdischen Eigentums von den kurz zuvor Ermordeten (USHMM)

Die Vernichtung
Am 14. Juli 1941 wurden in der Stadt Plakate – unterzeichnet vom litauischen Bürgermeister, Dr. Stepanavicius, und dem litauischen Stadtkommandanten – mit dem Befehl angebracht, Juden hätten Utena bis 12 Uhr zu verlassen. Zeitungen der Stadt veröffentlichten am gleichen Tag die Schlagzeile: „Utena ist judenrein.“ Die der Stadt verwiesenen Juden wurden mit ihren Habseligkeiten von Weißarmbindern in ein Lager im Wald bei Šilinė (2km südlich von Utena) geschafft, wo danach ca. 2.000 Juden über zwei Wochen ohne ausreichende Versorgung gefangen blieben, ausgeplündert, Wind und Wetter sowie den litauischen Wachleuten schutzlos ausgeliefert. Die Arbeitsfähigen wurden tagsüber zu Zwangsarbeiten abgeführt, täglich wurden Gruppen von Juden von Weißarmbindern wegführt und im Wald erschossen.

Die ersten Massenmorde fanden am 31. Juli und am 7. August 1941 im Rašė-Wald statt, ca. 3km nördlich von Utena. Das SS-Rollkommando Hamann war aus Kaunas angerückt und exekutierte an beiden Tagen insgesamt 718 Männer und 103 Frauen, außerdem 4 Kommunisten. Täter waren Angehörige des Rollkommandos Hamann, unterstützt von litauischen Hilfspolizisten unter Alfonsas Patalauskas. Ein Überlebender des Massakers, Zadok Bleiman, berichtete später, ein Litauer mit einer Maske vor dem Gesicht habe mit einer Peitsche vor einer Grube gestanden und jeden geschlagen, der an ihm vorbeikam; aus Angst vor den Hieben seien die Opfer in die Grube gesprungen, dort habe ein Deutscher mit einer Maschinenpistole gestanden und die Opfer niedergeschossen.

Exhumierung eines Massengrabes 1944 (USHMM)Die Synagoge in der Ežero-Straße in Utena wurde vorübergehend zum Ghetto umfunktioniert, es wurde am 29. August 1941 zusammen mit dem Šilinė-Lager liquidiert: alle an diesem Tag noch lebenden Juden aus Utena und die in das Wald-Lager und das Ghetto geschafften Juden aus zahlreichen umliegenden Orten wurden an diesem Tag im Rašė-Wald ermordet – nicht nur, wie zuvor, erwachsenen Männer und Frauen, sondern auch Kinder, Säuglinge und alte Menschen. Der Jäger-Bericht listet für den 29. August 3.782 ermordete Juden aus Utena und Molėtai auf: 582 Männer, 1.731 Frauen und 1.469 Kinder. Mörder waren erneut Angehörige des Rollkommandos Hamann, lokale Kollaborateure unter Alfonsas Patalauskas, verstärkt von litauischen Polizeikräften anderer Distrikte. Der Mordplatz im Rašė-Wald wurde zum Vernichtungsort mit der höchsten Opferzahl im Bezirk Utena, nach neueren Erkenntnissen liegt die Zahl der damals Getöteten bei 4.600.


Nach der Befreiung Litauens durch die Rote Armee im Sommer 1944 kehrten Juden, die sich 1941 in die Sowjetunion hatten retten können, nach Utena zurück. Eine erhebliche Anzahl von ihnen hatte in der „Litauischen Division“ der Roten Armee bei der Rückeroberung Litauens gekämpft. Die Bemühungen der Rückkehrer, die litauischen Täter zur Verantwortung zu ziehen, führten u.a. für neun Angeklagte zum Todesurteil durch das Oberste Gericht der Sowjetrepublik Litauen.
Die Mehrheit der jüdischen Überlebenden aus Utena wanderte im Laufe der Jahre nach Israel aus. Im Jahr 1970 lebten noch 28 Juden in der Stadt, 1989 waren es noch 9 – von einer im Juni 1941 noch 5.000 Mitglieder zählenden jüdischen Gemeinde.

Gedenken
Im Rašė-Wald ließen Überlebende 1946 ein Monument zu Erinnerung an die Ermordeten errichten, zu dem Denkmal kam 1988 eine Skulptur des Bildhauers Valentinas Simonelis hinzu, Anfang der 90er Jahre ein Denkmal in Form eines dreistöckigen Turms. 
Die Gedenkstätte befindet sich an der Peripherie von Utena. Vom Stadtzentrum aus fährt man die Užpalių-Straße (Straße Nr. 4901) ca. 1,7km entlang und biegt an einer Gabelung (die Pferderennbahn liegt rechts, links voraus das neue Stadion) nach links ein; man folgt der Užpalių-Straße (jetzt 4910) weitere ca. 700m und richtet sich beim Hinweisschild (Žydų Genocido Aukų Kapai 150m) nach rechts zum Wald. Der Weg führt zur Gedenkstätte. Auf einer Tafel ist als Inschrift (in Jiddisch und Litauisch) zu lesen: „An diesem Platz ermordeten Hitlers Vollstrecker und deren lokalen Kollaborateure 8.000 Juden: Männer, Frauen, Kinder.“ (Hinweis: Die aus dem Jahr 1946 stammende Inschrift nennt eine Opferzahl, die auf die Schätzung einer sowjetischen Untersuchungskommission aus dem Jahr 1944 zurückgeht.)
55.52004472 25.60075972 / 55°31:2027'N 25°36.0456'E

Eingang zum Gedenkort im Rašė-Wald  Skulptur ‚Schmerz‘ von Valentinas Simonelis Denkmal und Massengräber Massengräber im Rašė-Wald (Atlas)

Literatur / Medien
Bubnys, Arūnas: Holocaust in Lithuanian Province in 1941, Working Paper 2003, S. 62-63 (http://www.docscopic.pdf); Diekmann 2011, Bd. 1, S. 419-420; Dieckmann, Christoph: Holocaust in the Lithuanian Provinces. Case Studies of Jurbarkas and Utena, in: Kosmala, Beate / Verbeeck, Georgi (Hg.): Facing the Catastrophe. Jews and Non-Jews in Europe during World War II, Oxford u. New York 2011, S. 73-96; Holocaust Atlas 2011, S. 254-255; Jäger-Bericht, Bl. 2 und 3, in: Wette, Wolfram: Karl Jäger. Mörder der litauischen Juden, Frankfurt/M. 2011, o. S. Anhang; Oshry, Efraim: The Annihilation of Lithuanian Jewry, New York 1995 (beinhaltet Teile der Zeugenaussage des Überlebenden Zadok Bleiman, S. 268-271). 

http://www.holocaustatlas.Utena/item/128/
https://kehilalinks.jewishgen.org/utena/utena1.html (Rosin/Levin: Utena/Utyan)
http://www.iajgs.org/cemetery/lithuania/utena.html (International Jewish Cemetery Project)
https://www.youtube.com/watch?v=VP7U4e7-8uw (Videoaufnahme des Gedenkortes)


Fotos
Litauischer Hilfspolizist beim Verauktionieren jüdischen Eigentums: USHMM, Photograph Number: 25736, Saulius Berzinis (“A member of the Lithuanian auxillary police, who has just returned from taking part in the mass execution of the local Jewish population in the Rase Forest, auctions off their personal property in the central market of Utena”).
Exhumierung eines Massengrabes bei Utena: USHMM, Photograph Number: 26951, Lia Chait (“Lithuanians and a Soviet officer stand among the remains of twenty Jewish atrocity victims, who were exhumed from a mass grave in the woods near Utena”).
Massengräber im Rašė-Wald: Lithuanian Holocaust Atlas, Archive of KPC ("Mass Murder of the Jews from Utena and Surrounding Areas in the Rašė Forest").