Woidwodschaft Großpolen/Wojew. Wielkopolska

1939 wurde Poznań/Posen zur Hauptstadt des ins Deutsche Reich „eingegliederten” „Reichsgaus Wartheland” erklärt, vgl. Annektierte „Eingegliederte Gebiete”. Posen war Sitz für zahlreiche Wehrmachts-, Partei- und SS-Dienststellen.

Dienstsitz von Reichsstatthalter Greiser; Quelle: wikipedia

Oberste staatliche Instanz als „Reichsstatthalter” des Warthegaus wurde Arthur Greiser, davor Quasi-Regierungschef der Freien Stadt Danzig, SS-Brigadeführer. Er residierte im mehrfach umgebauten ‘Residenzschloss’ (heute: Zamek Cesarski w Poznaniu). Er wollte den Warthegau zum Vorzeigegau des (Groß-)Deutschen Reichs ausbauen, d.h. möglichst bald ‘polen- und judenfrei’ machen. Schon in den beiden ersten Jahren wurden tausende Polen, bes. der Intelligenz, umgebracht (z.B. im Fort VII oder umliegenden Wäldern), mehrere hunderttausend in das Generalgouvernement „umgesiedelt”, tausende als Zwangsarbeiter*innen nach Deutschland geschickt. Als „Ersatz” holte Greiser Volksdeutsche aus dem Baltikum und anderen Ländern auf die Höfe vertriebener Polen (vgl. „Umsiedlung”). Er trieb – im engen Kontakt mit SS-Größen (u.a. Himmler, Herbert Lange) - den Bau und die Eröffnung des ersten deutschen Vernichtungslagers für Juden in Kulmhof (Chelmno nad Nerem) im Dezember 1941 voran.

SS-Zentrale im 'Soldatenheim' (2010)Gedenktafel an Gestapo-Zentrale

Höherer SS-und Polizeiführer (HHSPF) im Warthegau war Wilhelm Koppe. Die Spitze der SS, Gestapo und SD hatte ihren Dienstsitz im ‘Soldatenheim', heute nahe der ‘Alten Brauerei’. Sie trieb die „Umsiedlung”, Verfolgung, Inhaftierung, Deportation in KZ und Ermordung von polnischen und jüdischen Bürger*innen voran. Der erste größere Transport von polnischen Gefangenen in das KZ Auschwitz ging am 14. Juni 1940 von Tarnów im Generalgouvernement ab. Der SS unterstanden u.a. das ‘Konzentrationslager Posen’, später: Übergangslager im Fort VII (s.o.), viele Zwangsarbeitslager für Juden im Stadtgebiet und das „Sicherungslager und Arbeitserziehungslager” in Zabikowo (1943-1945). Die SS-Spitze war auch – mit Billigung von Arthur Greiser - verantwortlich für die Morde von etwa 6000 kranken und behinderten Menschen in Westpreußen und Warthegau durch das SS-Sonderkommando Lange 1940/41 (vgl. NS-Euthanasie im besetzten Polen) sowie für die Ermordung von über 150.000 jüdischen Menschen, Sinti und Roma sowie sowjetischen Kriegsgefangenen u.a. im Vernichtungslager Kulmhof (Chelmno nad Nerem) .

Die Gedenktafel neben dem Eingang erinnert daran, dass das Haus von 1939 bis 1945 Hauptsitz der Gestapo war. In der gemeinsamen Erinnerung der Polen war sie für die Hitlerischen Verbrechen Massenverhaftungen, grausame Verhöre und Folter und Ermordung von tausenden Einwohnern verantwortlich.

Foto P 6: 1007_Poznan – ehemalige Synagoge
Foto P 6: 1008_Poznan_Gedenktafel – Gedenktafel an der ehem. Synagoge

Verfolgung und Deportation von Juden
Juden lebten seit dem 13. Jahrhundert in Posen, um 1900 stellten sie ca. 3% der Bevölkerung. Als 1918/19 Posen an die Republik Polen fiel, wanderte die Mehrzahl der Juden nach Deutschland aus. Ende der 1930er Jahre lebten etwa 2000 Juden in der Stadt. Laut Gauleiter Greiser sollte der Warthegau ‚judenfrei“ gemacht werden.

Entweihung der Synagoge
Der letzte Gottesdienst in der 1907 geweihten Synagoge im ehemaligen jüdischen Viertel Posens fand am 9. September 1939 statt. Ein Jahr später wandelten die deutschen Besatzer sie in ein Schwimmbad um. Nach der Einstellung des Schwimmbetriebs wurde sie 2011 an die jüdische Gemeinde zurückgegeben. ZZt. (Ende 2020) ist unklar, wie sie in Zukunft genutzt wird. Auf einer Gedenktafel ist in polnisch, hebräisch und englisch zu lesen. “Dem Andenken an die in den Jahren 1939 – 1945 von den deutschen Besatzern ermordeten Posener Juden. Dieses Gebäude war eine Synagoge, von den Deutschen während des Zweiten Weltkriegs entweiht und in ein Schwimmbad umgewandelt wurde.“ (ul. Stawna 10, Ecke ul. Żydowska; Tram 1, 4, 6, 8 Stop Male Garbary).

Zwangsarbeitslager für Juden
In Posen und Vororten gab es 33 Zwangsarbeitslager für Juden, u.a. in Debiec, in Kreising (Flugplatz-Bau), ZabikowoDenkmal für die Opfer des Zwangsarbeiterlagers für Juden im Stadtstadion; Quelle: pl.wikipedia (u.a. Autobahnbau, Näheres vgl. dort). Dort wurden jüdische Menschen festgehalten, auch aus dem „Dritten Reich“ Deportierte. Es wird geschätzt, dass mehrere tausend Menschen in diesen Lagern arbeiten mussten. Die Gefangenen wurden unter anderem zu Straßenarbeiten gezwungen. Die hygienischen Bedingungen verursachten Typhus- und Ruhrepidemien. Manche Gefangene wurden vor Ort hingerichtet. Ein Lager befand sich von 1940 bis 1943 im Stadtstadion in der damaligen Dona-Wilde-Straße. Das nach der Befreiung errichtete Denkmal trägt folgende Inschrift : "Das Stadtstadion war ein Vernichtungslager der Nazis für polnische Bürger jüdischer Herkunft aus Posen und der näheren Region" (ul. Królowej Jadwigi 51); https://sztetl.org.pl/de/stadte/p/586-posen/116-orte-der-martyrologie.

Schließung der Oberschulen und der Universität
Adam Mickiewicz-Universität, heutiger ZustandDie Nazis sahen für die polnische Bevölkerung vier Schulklassen ausreichend an, um einfache Tätigkeiten ausführen zu können. Deshalb schickten sie die höheren Schulklassen nach Hause und schlossen die Polnische Universität von Posen (wie sie es auch in Krakau, Prag und Strasbourg gemacht hatten) – die Lehrenden wurden entlassen, viele Professoren im Fort VII inhaftiert, manche konnten an der „Untergrunduniversität“ in Warschau weiter lehren. 1941 begannen die Deutschen den Betrieb der deutschen "NS-Musteruniversität“, vor allem mit Lehrkräften aus den baltischen – damals sowjetisch kontrollierten – Staaten sowie reichsdeutschen Nachwuchskräften: Zu den traditionellen Fächer kamen Wehrforschung, Siedlungspolitik sowie Erforschung und Entwicklung von biologischen Waffen.
Heute hat die Adam-Mickiewicz-Universität fast 50.000 Studierende (ul. Wieniawskiego 1).

https://en.wikipedia.org/wiki/Adam_Mickiewicz_University_in_Pozna%C5%84

Neues Rathaus am Rynek; hist. Foto, gemeinfrei

Posener Reden von Himmler
Heinrich Himmler, Reichsführer SS, kam regelmäßig in den Warthegau, in dem seine rassistischen Germanisierung-Pläne zur Vertreibung von Polen und Juden und Ansiedlung von „Volksdeutschen“, also zur Verschiebung der deutschen „Volkstumsgrenze“ nach Osten, zielstrebig umgesetzt wurden (vgl. auch seine Funktion als „Reichskommissar für die Festigung des deutschen Volkstums“). Jährlich hielt er „Posener Reden“ vor größerem Publikum (Spitzen der SS sowie der NSDAP aus dem Reich). In seiner Rede vom 4. Oktober 1943 vor etwa 100 SS-Gruppenführern sprach er über die veränderte Kriegslage im Osten und rechtfertigte die „Ausmerzung der slawischen „Untermenschen“: „Ob die anderen Völker im Wohlstand leben oder ob sie verrecken vor Hunger, das interessiert mich nur insoweit, als wir sie als Sklaven für unsere Kultur brauchen.“ Auf die Frage, wieso „der Russe“/„der Slawe“ noch immer nicht besiegt ist, geht er nicht ein.
Am 6. Oktober 1943 waren alle NSDAP-Reichsleiter und Gauleiter und die Minister Speer (Rüstung) und Rosenberg (Minister für die besetzten Ostgebiete) sowie Großindustrielle eingeladen - die Schließung der Mordzentren in Belzec, Sobibor und Treblinka war beschlossen. In diesem „allerengsten Kreise“ redete Himmler über die „Judenfrage“, der „schwersten Frage meines Lebens“ und „Wie ist es mit den Frauen und Kindern“? Er bittet die Zuhörer, „das nur zu hören und nie darüber zu sprechen“. „Ich hielt mich nicht für berechtigt, die Männer auszurotten ….. und die Rächer in Gestalt der Kinder …. groß werden zu lassen. Es musste der schwere Entschluss gefasst werden, dieses Volk von der Erde verschwinden zu lassen.“

Literatur/Medien
Internationales Militärtribunal, Protokoll, Band 29, S. 110-173 (zu den Himmler-Reden)
Peterson, Agnes F. /Smith, Bradley F. (Hg.): Heinrich Himmler. Geheimreden 1933 bis 1945 und andere Ansprachen, Frankfurt/M. u.a., 1974 S. 251ff. bzw. S. 273 ff.

(2015/2020) – R. Lauterbach/Uhh)