zerstörte Stadt (1945); Quelle: de.wikipedia.org

Danzig, Museum des Zweiten Weltkriegs (2021)

 

Fragt man Menschen in Deutschland, was oder wer ihnen zu ihrem Nachbarland Polen einfällt, schwärmen einige von Krakau (Kraków) und Danzig (Gdansk) oder den Masurischen Seen, andere nennen Persönlichkeiten wie Lech Walęsa, Papst Johannes Paul II. oder den Fußballer Robert Lewandowski. Für viele ist Auschwitz-Birkenau das Symbol für den ns-deutschen Völkermord an etwa drei Millionen Juden sowie Sinti und Roma. Weniger ist bekannt, dass die deutsche Besatzung auch Millionen Opfer unter den nicht-jüdischen Polinnen und Polen forderte. Historiker sprechen von einer „Leerstelle deutscher Erinnerung“ – zu Recht.

Der Wegweiser will helfen, an Orte ns-deutscher Besatzungsverbrechen sowie von Aktionen des Widerstands zu erinnern und über Hintergründe aufzuklären.


Der Weg in den Krieg
Mit dem deutschen Überfall auf Polen vom 1. September 1939 begann der Zweite Weltkrieg. Zur Vorgeschichte: Polen war ab 1772 zwischen Russland, Preußen und Österreich aufgeteilt worden. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der polnische Staat im November 1918 neu gegründet. Im Westen fielen ehemals preußische Gebiete an Polen. Im Osten kamen nach kurzen Kriegen Teile Weißrusslands und der Ukraine sowie das Gebiet um Wilna/Vilnius zu Polen (vgl. Polen – Zeittafel). Polen umfasste ein Gebiet mit über 27 Millionen Einwohnern*innen, davon 19 Millionen polnischer Volkszugehörigkeit.

Nach dem Münchner Abkommen (Oktober 1938), der deutschen Annexion Tschechiens und der Garantieerklärung Englands und Frankreichs für Polens Grenzen (März 1939) kam es endgültig zur antipolnischen Kursänderung in der NS-Außenpolitik und der Weisung Hitlers zur Kriegsvorbereitung. Hitler drängte auf einen deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt. Dieser wurde am 23. August 1939 in Moskau von den Außenministern unterzeichnet; in einem geheimen Zusatzprotokoll wurden die deutschen und sowjetischen Interessen am polnischen Territorium festgelegt (vgl. Hitler-Stalin-Pakt). Unterdessen hatte Hitler vor der Wehrmachtspitze eine bisher ungekannte Rücksichtslosigkeit der Kriegsführung angekündigt: „Vernichtung Polens im Vordergrund. Ziel ist das Vernichten der lebendigen Kräfte, nicht das Erreichen einer bestimmten Linie“.

am 1.9.1939 zerstörte Innenstadt Wieluńs; Foto: pl.wikipedia

Eroberungs- und Vernichtungskrieg
Ab dem ersten Tag, dem 1. September 1939 wurden Zivilisten (vgl. ‚Intelligenzaktion‘), behinderte Menschen und Juden ermordet, Orte und Städte wie z.B. Wieluń durch Fliegerbomben stark zerstört. Die Wehrmacht und die ihr auf dem Fuße folgenden SS- Einsatzgruppen setzten um, was Hitler als „das Vernichten der lebendigen Kräfte“ gefordert hatte. Ab 17. September 1939 drang die Rote Armee in die Gebiete östlich von Bug und San ein (vgl. Hitler-Stalin-Pakt). Am 6. Oktober kapitulierte die polnische Armee.

im Piasnica-Wald: tausende Erschossene bis Dezember 1939

Die deutsche Besatzungsherrschaft in Polen übertraf in ihrer radikalen Grausamkeit alle bisherigen Kriege. Bereits in den ersten Wochen wurde der Charakter eines Eroberungs- und Vernichtungskriegs deutlich. Der Völkermord wurde Bestandteil der Besatzungspolitik. Juden sowie Sinti und Roma als „feindliche Rassen“ sollten im Sinne der NS-Rassenideologie ausgerottet werden. Die nichtjüdischen Polen/Polinnen wurden als „Untermenschen“ betrachtet. Ihnen wurde der Status eines „führerlosen Arbeitsvolks“ zugestanden, 1939/40 wurden nach vorbereiteten Listen tausende Angehörige der polnischen Führungsschicht erschossen oder in die KZ deportiert. Himmler schrieb im Mai 1940: „Für die nichtdeutsche Bevölkerung darf es keine höhere Schule geben als die vierklassige Volksschule. … Lesen halte ich nicht für erforderlich.“

Besatzung, Annexionen
Im Herbst 1939 begann die „erneute Teilung“ Polens. Die wirtschaftlich am weitesten entwickelten Gebiete im Westen Polens um Poznan/Posen, Lodz, Gdansk/Danzig und Katowice/Kattowitz wurden völkerrechtswidrig vom Deutschen Reich annektiert (in der NS-Sprache „in das Deutsche Reich eingegliedert“). Das restliche Gebiet, u.a. mit Warschau und Krakau, wurde zum 'Generalgouvernement' mit unbestimmtem Status umgewandelt. Ziel war die „Entpolonisierung“ sowie „rücksichtslose Germanisierung“ Polens. Im „Reichsgau Wartheland“ und „Reichsgau Danzig-Westpreußen“ strebten die NS-Gauleiter Arthur Greiser bzw. Albert Forster an, die Gebiete möglichst rasch „polen- und judenfrei“ zu machen.
Die Sowjetunion okkupierte polnisches Staatsgebiet östlich der Flüsse Bug und San.

                                                                                         Judenverfolgung und -vernichtung
Mahnmal, 17.000 symbolische Grabsteine für die Herkunftsorte der ermordeten JudenDie rund drei Millionen Jüdinnen und Juden, die vor Beginn des Zweiten Weltkriegs in Polen lebten, stellten 10 % der polnischen Bevölkerung. Am Ende des Kriegs war das polnische Judentum praktisch ausgelöscht. Sehr bald gehörten unbezahlte Zwangsarbeit sowie Erschießungen und „Umsiedlung“ in Dörfer zum Alltag. Ab dem Winter 1939/40 wurden die Juden zwangsweise in Ghettos konzentriert. Dort lebten sie in qualvoller Enge, bei unzureichender Lebensmittel- und medizinischer Versorgung und unter ständigem Hunger, viele starben. Die Besatzer beuteten ihre Arbeitskraft aus und ermordeten sie schließlich (Näheres vgl. Sachstichwort 'Ghetto' sowie Texte zu einzelnen Ghettos).

Bei dem Überfall auf die Sowjetunion im Sommer 1941 leiteten die Deutschen in den eroberten Gebieten durch Massenerschießungen den millionenfachen Judenmord ein. Ab Ende 1941/42 bauten die Deutschen im besetzten Polen ein System von Vernichtungslagern auf, die zum Inbegriff des industrialisierten Massenmordes wurden: Ab Dezember 1941 in Kulmhof bei Lodz, ab 1942/43 in den Mordlagern der 'Aktion Reinhardt' in Belzec und Sobibor nahe Lublin sowie Treblinka bei Warschau wurden 1,8 Mio jüdische Männer, Frauen und Kinder mit Gas erstickt. In Auschwitz-Birkenau und Majdanek wurde der Völkermord an den jüdischen Männern, Frauen und Kindern sowie Sinti und Roma aus allen besetzten Ländern Europas fortgeführt. Die beiden Lager blieben bis zur Befreiung durch die Rote Armee im Juli 1944 bzw. am 27. Januar 1945 in Betrieb.





Wirtschaftliche Ausbeutung, Zwangsarbeitpolnische Zwangsarbeiterinnen (15 bzw. 17 Jahre); © Berliner Geschichtswerkstatt

Die Ausbeutung der Bodenschätze, Wirtschaftsbetriebe, ihre „Übernahme“ durch deutsche Konzerne sowie ihre Indienstnahme für die deutsche Kriegswirtschaft gingen praktisch nahtlos von statten, insbesondere wenn sie in „jüdischem Besitz“ waren. Die menschliche Arbeitskraft wurde intensiv ausgebeutet. Für alle Polen zwischen 14 und 60 Jahren galt Arbeitspflicht. Sie wurden mehrfach benachteiligt und diskriminiert: durch niedrigeren Lohn, längere Arbeitszeit und Entrechtung (vgl. Himmlers 'Polen-Erlasse', 'Polenstrafrechts-Verordnung'). Etwa 2 Millionen polnische Frauen und Männer, darunter auch Kinder und Jugendliche, wurden zur Zwangsarbeit nach Deutschland deportiert, eine weitere Million in Polen eingesetzt. Wegen wachsender Ablehnung in der polnischen Bevölkerung konnten die Massenaushebungen von Zwangsarbeiter*innen zunehmend nur unter Polizeischutz in brutalen Razzien durchgesetzt werden.

'Lebensraum im Osten'
Hitler hatte bereits 1933 von der „Eroberung neuen Lebensraums im Osten und dessen rücksichtsloser Germanisierung“ gesprochen, 1939 von einer „neuen Ordnung der ethnografischen Verhältnisse.“ Ab 1939/1940 wurden Polen (Nicht-Juden und Juden) vertrieben, enteignet und „umgesiedelt“, insbesondere aus den annektierten Gebieten. Im Generalgouvernement plante Himmler im Vorgriff auf den „Generalplan Ost“ die Schaffung eines deutschen Siedlungsgebietes. In der „Aktion Zamość“ deportierten die deutschen Behörden ab November 1942 etwa 111.000 Polen und Polinnen. Auch aufgrund der militärischen Entwicklung wurde der Plan aufgegeben.

Mausoleum der „Pazifikations-Opfer“; Foto: wikiwand.com

Widerstand
Trotz der mörderischen Bedingungen im besetzten Polen entwickelte sich Widerstand gegen die NS-Besatzer. Er ist jahrzehntelang in (West-)Deutschland nicht gewürdigt worden. Eine frühe Form waren die „Untergrundschulen“, in denen junge Menschen nach der drastischen Einschränkung des Schulwesens die ihnen von den Deutschen verwehrte Bildung erhalten konnten. Ab 1942/43 wurde der Widerstand auch auf dem Land stärker; die Besatzer gingen immer brutaler vor - bis zum Anzünden von Dörfern und Ermordung der Bevölkerung, vgl. Denkmal in Michniów, Woiwodschaft Heiligkreuz.
Im Warschauer Ghettoaufstand (April 1943) widersetzten sich jüdische Kämpfer*innen etwa vier Wochen lang der Auflösung des Ghettos und der Deportation in das Vernichtungslager Treblinka.

Deutsche Soldaten im Straßenkampf; © Bundesarchiv, Bild 183-J27793 / Schremmer / CC-BY-SA 3.0

Die Pfadfinder-Organisation „Szare Szaregi“ („Graue Reihen“) war bereits Ende September 1939 in den Untergrund gegangen. Im Frühjahr 1942 bildeten sich als bewaffnete Formationen die Heimatarmee (Armia Krajowa – AK), die der polnischen Exilregierung in London unterstand, und die den Kommunisten nahestehende Volksgarde (Armia Ludowa – AL). Sie verübten z.B. Anschläge und waren im Partisanenkampf aktiv.
Die AK löste im Herbst 1944 den Warschauer Aufstand aus, wichtigstes Symbol des polnischen Widerstandes. Er endete mit einer militärischen Niederlage – u.a. wegen des brutalen Vorgehens der deutschen Kräfte, mangelnder Ausrüstung und ausbleibender Unterstützung durch die Rote Armee. Diskussion über den Aufstand ist bis heute eine wichtige Frage in der polnischen Geschichtsschreibung.

Bilanz
Nach fünfeinhalb Jahren Okkupation war Polen weitgehend verwüstet und zerstört. Fast sechs Millionen Menschen waren Massenverbrechen der Besatzer zum Opfer gefallen, etwa die Hälfte waren polnische Juden und Jüdinnen; das polnische Judentum war nahezu ausgelöscht. Polen verlor 22 % seiner Bevölkerung. Hinzu kamen die materiellen Verluste - 38 % des Volksvermögens wurden zerstört - sowie die kaum zu berechnenden Schäden in Wissenschaft, Kultur und im Bildungswesen.

Literatur/Medien
Bingen, Dieter/Lengemann, Simon (Hg.): Deutsche Besatzungspolitik in Polen 1939-1945. Eine Leerstelle deutscher Erinnerung? Bonn 2019
Böhler, Jochen: Auftakt zum Vernichtungskrieg. Die Wehrmacht in Polen 1939, Frankfurt/M. 2006
Böhler, Jochen: Der Überfall. Deutschlands Krieg gegen Polen, Frankfurt/M. 2009
Browning, Christopher R.: Ganz normale Männer. Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die „Endlösung“ in Polen, Neuausgabe, Hamburg 2020
Kleßmann, Christoph (Hg.): September 1939. Krieg, Besatzung, Widerstand in Polen,
Göttingen 1989
Lehnstaedt, Stephan: Der Kern des Holocaust. Bełżec, Sobibór, Treblinka und die Aktion Reinhardt, Bonn 2017 (Ausgabe BpB)
Mallmann, Klaus-Michael/Böhler, Jochen/Matthäus, Jürgen: Einsatzgruppen in Polen. Darstellung und Dokumentation, Darmstadt 2008
Schumann, Wolfgang/Nestler, Ludwig/Röhr, Werner (Hg.): Die faschistische Okkupationspolitik in Polen (1939-1945), Köln 1989, bes. S. 94ff., 192
https://de.wikipedia.org/wiki/Tote_des_Zweiten_Weltkrieges#Polen: Das polnische Institut für Nationales Gedenken geht von 5,6 bis 5,8 Millionen polnischen Kriegstoten aus, davon 150.000 infolge der sowjetischen Besatzung Ostpolens.