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Molėtai

Bezirk Utena

Der Ort
Molėtai liegt 30 Kilometer südlich von Utena, etwa 60 Kilometer nördlich von Vilnius, an der Straße A14 Vilnius–Utena. Die Stadt mit ca. 5.700 Einwohnern (2017) ist Sitz der Kreisverwaltung. Der Fluss Siesartis durchzieht die Stadt, die ein beliebtes Ferienziel für die Einwohner von Vilnius ist.


Die Ereignisse

Das jüdische Molėtai
Molėtai war bis in die 1930er Jahre über Jahrzehnte hinweg von jüdischem Leben bestimmt. Ende des 19. Jahrhunderts umfasste die jüdische Bevölkerung fast achtzig Prozent der ungefähr 2.400 Einwohner. Synagogen, jüdische Schulen, jüdische Wirtschafts- und Handwerksbetriebe, jüdisches Kultur- und Alltagsleben blieben trotz einer Abwanderungswelle noch vor dem 1. Weltkrieg und trotz Auswanderung in den 1930er Jahren, die jeweils die Reaktion auf zunehmenden Antisemitismus waren, prägend für „Malat“, wie der Stadtname in Jiddisch lautete. Die Annektion Litauens durch die Sowjetunion im Juni 1940 brachte mit Deportationen und Enteignungen, von denen jüdische und nichtjüdische Litauer betroffen waren, auch das jüdische Leben in Molėtai in schwere Bedrängnis. Der deutsche Überfall auf Litauen am 22. Juni 1941 führte mit maßgeblicher Hilfe litauischer Kollaborateure schließlich zur vollständigen Vernichtung des jüdischen Molėtai.

Deutsche Besatzer in Molėtai, Todesmarsch, Gedenkstein (Regionalmuseum Molėtai)Die Vernichtung
Am 23. Juni, einen Tag nach Beginn der deutschen Invasion, hatte sich in einem Dorf bei Molėtai eine kleine Gruppe litauischer Aufständischer gebildet, die nach einem kurzen Gefecht mit einer Einheit der sich zurückziehenden Roten Armee die Kontrolle in der Stadt übernahm. Die Aufständischen durchkämmten die Wälder der Umgebung auf der Suche nach versprengten Rotarmisten und begannen mit der Verfolgung von Kommunisten und Juden. In den ersten Tagen ihrer lokalen Machtausübung wurden ca. 60 junge Juden festgenommen, getötet und in einem Sumpfgebiet in der Nähe der Stadt („Babulka swamps“) vergraben, weitere Juden wurden in die Bezirkshauptstadt Utena geschafft und dort mit anderen Juden umgebracht. Am 26. Juni erreichte die deutsche Wehrmacht Molėtai; über deren Verhalten vor Ort allerdings gibt es keine uns bekannte Überlieferung.

Die systematische Verfolgung der Juden begann Anfang August 1941. Auf Anordnung des Polizeichefs von Molėtai, Tomas Valiukonis, und des Distriktchefs, Alfonsas Žukauskas, mussten die Juden aus ihren Wohnungen in einen ghettoisierten Bereich (Kaunas-, Dariaus ir Girėno- und Ažubalių-Straße) ziehen. Jüdische Familien aus den nahe gelegenen Orten Alanta und Videniškiai wurden ebenfalls in dieses Ghetto verbracht. Die Arbeitsfähigen mussten Zwangsarbeit im Straßenbau leisten.
Am 26. August 1941 wurden alle Juden in den Synagogen in der Kaunas-Straße eingesperrt, drei Tage lang ohne jede Versorgung und bewacht von Weißarmbindern. Ihre Wohnungen waren bereits geplündert, nun wurden sie ihrer letzten Wertsachen beraubt: sie mussten sich vor der Großen Synagoge Person um Person – vor dem Polizeichef, dem Distriktchef und weiteren Honoratioren – durchsuchen lassen, Wertsachen wurden ihnen abgenommen und beschlagnahmt.

Am 28. August ließ der Polizeichef Valiukonis von litauischen Freiwilligen etwa 2 Kilometer vor der Stadt eine große Grube ausheben. Am folgenden 29. August 1941 trafen einige SS-Männer aus Utena in Molėtai ein. Den im Haus der Schützenunion versammelten ca. 20 Weißarmbindern wurde – so Verhörprotokolle aus der Nachkriegszeit – von einem SS-Offizier mit Hilfe eines Dolmetschers der Auftrag eröffnet, an diesem Tag die Juden der Stadt zu erschießen. Juden seien, so der SS-Offizier, eine Nation von Schädlingen und Ausbeutern und müssten deshalb hingerichtet werden. Danach wurden die jüdischen Männer, Frauen und Kinder in großen Gruppen, immer bewacht von Weißarmbindern, Gruppe um Gruppe zu der vorbereiteten Grube getrieben – gehbehinderte Alte wurden auf einem Karren herangeschafft – mussten sich dort bis auf die Unterwäsche entkleiden, in der Grube sich mit dem Gesicht nach unten legen. Dann eröffneten auf Befehl eines SS-Offiziers Weißarmbinder und mehrere Deutsche das Feuer. „Es geschah am helllichten Tag in Molėtai. In keiner anderen Untersuchung eines Verbrechens bin ich auf Mörder gestoßen, die in solcher Öffentlichkeit gehandelt haben,“ schrieb nach dem Archivstudium von Dokumenten 75 Jahre später (2016) der Staatsanwalt Kazys Rakauskas („It happened in broad daylight in Molėtai. I have never encountered such openness by murderers in any other criminal case”). Nach dem Massenmord wurden die Kleidungsstücke der Opfer nach Molėtai gebracht und dort an Mordgehilfen verteilt, die restlichen Vermögenswerte wurde beschlagnahmt oder an die lokale Bevölkerung verkauft.

Die genaue Anzahl der Opfer ist nicht bekannt. Der Jäger-Bericht, der die Mordtaten der von der SS angeführten Exekutionen bis 1. Dezember 1941 bürokratisch auflistet, nennt für diesen 29. August 3.782 getötete Juden in Utena und Molėtai. Bislang gingen Schätzungen davon aus, dass zwischen 700 bis 1.200 Männer, Frauen und Kinder in Moletai erschossen worden sind. Neuere Untersuchungen gehen von 2.000 Opfern aus. Fest steht, dass in Molėtai an einem einzigen Tag die gesamte jüdische Gemeinde der Stadt ausgelöscht wurde.
Während der Sowjetrepublik Litauen standen nach 1945 einige der litauischen Mittäter vor Gericht und wurden zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Für die Anordnung der Massenmorde in der Besatzungsregion Siauliai, zu der Molėtai gehörte, war jedoch ab Anfang August 1941 der deutsche Gebietskommissar Hans Gewecke verantwortlich; die Ausführung der Massaker gehörte in den Zuständigkeitsbereich der von Kaunas aus operierenden SS-Sicherheitspolizei, wie der Jäger-Bericht dokumentiert. Willfährige litauische Kollaboration leisteten die litauische Polizei von Molėtai und Weißarmbinder.

Einige wenige der Opfer sind der Erschießung entkommen oder hatten sich verstecken können, doch die meisten von ihnen wurden später verraten, entdeckt, ausgeliefert und am Ende ebenfalls umgebracht. Der Abschiedsbrief eines Vaters und seines Sohnes, die beide entdeckt und gefangen genommen worden waren, ist erhalten geblieben: „In keinem Schtetl ist noch ein Jude übrig. Wir sehen heute, wie die Welt ohne Juden aussieht … Wir gehen zu Grunde, ich und mein Vater und meine Familie. Ihr werdet nicht wissen, wo unsere Körper liegen werden“ (Vater und Sohn Natalevic, 21. Dezember 1941, wenige Tage vor ihrer Ermordung im Wald bei Braškiškės).

Gedenken
Ein überregionales Echo erlangte der Gedenkmarsch in Molėtai vom 29. August 2016 mit rund 2.000 Teilnehmern aus aller Welt, der an den Massenmord vor 75 Jahren erinnerte. Der Gedenkmarsch folgte dem ca. 2 Kilometer langen Weg, dem entlang die zur Erschießung bestimmten Juden 1941 getrieben worden sind: vom Zentrum der Stadt aus, wo einst die Synagogen gestanden haben, bis zur Mordstätte am Stadtrand. Am Massengrab wurde ein schwarzer Gedenkstein mit einem neuem Text für die Opfer aus Molėtai und Umgebung eingeweiht, nachdem der alte Gedenkstein 2015 zerstört worden war. Die neue Inschrift lautet (in Litauisch, Hebräisch, Englisch und Jiddisch): „God will remember for these we weep and our eyes fill with tears for the holy and innocent, our parents, brothers, sisters and children, two thousand Jews from our town of birth Malat and its surroundings murdered here by the Nazis and their local collaborators on the 29th of August 1941. May their souls be tied up with the living.” 

Blick auf die Gedenkanlage (Atlas) Massengrab mit altem Gedenkstein (Atlas) Gedenkmarsch 29. August 2016 (Gelūno) Enthüllung des neuen Gedenksteins 2016 (Pansevič)

Die Initiative zum Gedenkmarsch war von zwei Angehörigen der Opfer ausgegangen: dem in Tel Aviv lebenden Tzvi Kritzer sowie Leon Kaplan, der seit 2004 wieder in Vilnius lebt. Zur starken Resonanz auf die Einladung zur Gedenkfeier dürften nicht zuletzt die öffentlichen Wortmeldungen des aus Molėtai stammenden litauischen Schriftstellers Marius Ivaškevičius beigetragen haben, der seine Landsleute gefragt hatte: „Werden unsere Juden wieder alleine gehen müssen oder stehen wir ihnen diesmal bei?“
Dem Gedenkmarsch vorausgegangen war eine Reihe von Veranstaltungen: das Regionalmuseum Molėtai zeigte die Ausstellung „Unsere Juden aus Molėtai,“ ergänzt durch einen Begleitband; neu angebrachte Hinweisschilder in der Stadt weisen zum alten jüdischen Friedhof, zu den Synagogen und zum ehemaligen jüdischen Theater; der Film „Last Sunday in August“ über das jüdische Molėtai von Eli Gershzon und Tsvi Kritzer wurde in Vilnius gezeigt; nicht zuletzt gründete sich die Malat Memory Association, die sich dem Gedenken an die Opfer und der Ehrung der Retterinnen und Retter widmet.

Man erreicht den Gedenkort auf der Vilniaus-Straße stadtauswärts in Richtung Giedraiciai (Straße Nr. 172). Auf Höhe der Melioratorių-Straße biegt man nach rechts ab, von einem Parkplatz aus führen Treppenstufen nach unten zum Gedenkort.
55.222100 25.401700 / 55°13.326'N 25°24.102'E
Die Namen jener Litauer, die in der Region Molėtai verzweifelten Juden im Versteck oder auf der Flucht geholfen und beigestanden haben, sind bekannt. In der Stadt Molėtai jedoch gibt es kein öffentliches Erinnern an diese Retterinnen und Retter, obwohl einige von ihnen von der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt worden sind (Stand 2018).

Einladung zur Buchpräsentation „Unsere Juden aus Molėtai“ des Regionalmuseums Molėtai auf der Buchmesse in Vilnius am 23. Februar 2017 (Buchcover)Literatur / Medien
Bubnys, Arūnas: Holocaust in Lithuanian Province in 1941, Working Paper 2003, S. 66-68 (http://www.docscopic.pdf); Diekmann 2011, Bd. 1, S. 377, 420; Dieckmann, Christoph: Holocaust in the Lithuanian Provinces. Case Studies of Jurbarkas and Utena, in: Kosmala, Beate / Verbeeck, Georgi (Hg.): Facing the Catastrophe. Jews and Non-Jews in Europe during World War II, Oxford u. New York 2011, S. 73-96; Holocaust Atlas 2011, S. 253. 

http://www.holocaustatlas.Moletai/item/13/ 
https://www.jewishgen.org/Yizkor/lithuania6/lit6_166.html (Josef Rosin: Molėtai /Maliat)
http://www.iajgs.org/cemetery/lithuania/moletai.html (International Cemetery Project)
http://www.lzb.lt/en/the-road-to-death-75th-anniversary-of-the-murder-of-the-jews-of-moletai/ (Kazys Rakauskas: The Road to Death)
http://elirab.me/malat-29-august-2016/ (Eli Rabinowitz, Gedenken heute)
https://www.youtube.com/watch?v=BfSakNOyooA&feature=youtu.be (Last Sunday in August, Trailer)
http://defendinghistory.com/category/malat-moletai (Vielseitige Artikelsammlung inkl. der Reden von Leon Kaplan und Tsvi Kritzer am 29. August 2016)
https://www.ijn.com/holocaust-moletai-lithuania/ (Hintergründe Gedenkmarsch) 

Fotos:
Kollage Deutsche Besatzer, Todesmarsch, Gedenkstein: Regionalmuseum Molėtai 
Blick auf die Gedenkanlage: Lithuanian Holocaust Atlas, "Mass Murder of the Jews of Molėtai" (Foto Lukas Dünser)
Massengrab: Lithuanian  Holocaust Atlas, "Mass Murder of the Jews of Molėtai" (Foto Sebastian Pammer)
Gedenkmarsch: Irmanto Gelūno / 15min nuotr. 
Einweihung des neuen Gedenksteins: Karolina Pansevič / DELFI