Dzialdowo (dt.Soldau)
Woiw. Ermland-Masuren / wojew. Warmińsko-mazurskie
Aufgrund der Bestimmungen des Versailler Vertrags von 1919 wurde Soldau zusammen mit weiteren 32 Gemeinden des Kreises Neidenburg/Nidzica am 10.1.1920 an Polen abgetreten. Von den Volksabstimmungen in Ost- und Westpreußen war das sogenannte Soldauer Gebiet („Soldauer Ländchen“) ausgenommen, u.a. weil die Bahnlinie Danzig–Warschau Teil des 'Polnischen Korridors' war.
Durchgangslager, Haft- und Vernichtungsstätten in und um Soldau/Dzialdowo
Kurz nach dem ns-deutschen Überfall auf Polen wurden Dzialdowo - unter dem Namen 'Soldau' - und weitere Gebiete zum Regierungsbezirk Zichenau (Ciechanów) zusammengefasst, Teil der Provinz Ostpreußen und damit völkerrechtswidrig dem Deutschen Reich „angeschlossen“ – dies geschah u.a. auf Betreiben von Erich Koch, Oberpräsident Ostpreußens und NS-Gauleiter.
Inspekteur der Sicherheitspolizei und des SD war ab November 1939 Dr. Dr. Otto Rasch, (1938/39 Gestapochef von Frankfurt/Main, führendes Mitglied der SS-Einsatzgruppe C.)
Er hatte u.a. den Auftrag, im Rahmen der deutschen 'Intelligenzaktion' gegen die polnische Oberschicht über die Behandlung der nach Soldau gebrachten Häftlinge zu befinden. Nachdem er sie „überprüft“ hatte, schlug er in einem Gespräch mit SS-Gruppenführer Reinhard Heydrich vor, einen Teil zu entlassen, für andere KZ-Haft zu beantragen und einen dritten Teil – insbes. (vermutliche) „polnische Aktivisten politischer Bewegungen“ - am besten zu liqudieren. Heydrich war einverstanden, machte aber zur Bedingung, „dass die Liquidation unauffällig vor sich gehen müsse“. Rasch ließ im Winter ein „Durchgangslager“ eigens zu dem Zweck schaffen, die „notwendig werdenden Liquidationen unauffällig zu bewirken“ (Aktennotiz – IV C 4 - , Berlin den 16. Juni 1943; (Kopie im Arolsen-Archiv/1-2-7-11_0040800; S. 3).
(Auszug aus einer (Zeugen-) Aussage Raschs am 16.6.1943; Quelle: Arolsen-Archiv/1-2-7-0040800; S. 3:
„Als das Lager von den politischen Häftlingen einigemaßen geleert war, bildete ich es mit Genehmigung des RSHA zu einem 'Arbeitserziehungslager' um und nahm im Laufe der Zeit sehr viele „arbeitsscheue“ Polen auf, die in einem Zeitraum von etwa 3 Wochen zur „Arbeitsfreude“ erzogen werden sollten.
Da die Arbeitgeber dieser polnischen Arbeiter ihre eigenen Mittel vergebens erschöpft hatten, um die Polen zur Arbeit zu veranlassen, hatte ich angeordnet, dass der zu dieser Katerorie gehörende Häftlinge bei der Einlieferung 25 Stockschläge bekam. Die vorher erwähnten politischen Häftlinge (teils entlassen, teils in Konzentrationslagern, teils liquidiert)
bekamen nur in Ausnahmefällen Schläge, wenn es aus erzieherischen Gründen im Lager notwendig war, wobei die Frauen weniger Schläge bekamen und das Gesäß nicht zu entblößen brauchten …... Die Prügelstrafe bei der Einlieferung hat sich als sehr erfolgreich erwiesen; es ist von der Erziehungshäftlingen kaum jemand rückfällig geworden.
Mitte Mai 1941 begab ich mich zur Übernahme der Einsatzgruppe C nach Pretsch bzw. Schmiedeberg.... und wurde durch.......vertreten.
Bei der Evakuierung von Truppenübungsplätzen im Reg.Bez. Zichenau musste das Lager eine Zeitlang als 'Umsiedlungslager' dienen. Außer den bisher umschriebenen Personenkreisen wurden auch auf besondere Weisung Geisteskranke in das Lager eingeliefert und erschossen.“
In einem Wald auf einem Hügel bei Komorniki (in der Nähe von Dzialdowo) fanden Massenhinrichtungen von Häftlingen des Konzentrationslagers Soldau/Działdowo statt. Heute befinden sich auf dem Gelände u.a. ein Friedhof und ein Denkmal für die Opfer des Nationalsozialismus (Entwurf: Ryszard Wachowski).. Es zeigt eine riesige Faust, die sich wie ein letzter, posthumer Appell zum Himmel streckt.
Text des Wegweisers “Zum Gedenken an 12.000 Opfer von Massenmorden 1941-1945, darunter 50 Priester und 1500 Juden“
Zwischen Januar und April 1940 ließ Dr.Dr. Otto Rasch mindestens 500 Gefangene des Lagers Soldau, Polen - vor allem Akademiker, Offiziere und Priester – und Juden „nach Standgerichtsurteilen“ - hinrichten. Einzelerschießungen fanden direkt auf dem Kasernengelände statt, Massenexekutionen in den Wäldern bei Bialuty (Bialuten) und Komorniki. Im März 1940 wurden – neben Hunderten anderen Menschen – auch der Erzbischof Antoni Nowowiejskj (82 Jahre) und Weihbischof Leon Wetmanski (beide aus Plock / Masowien, damals Schröttersburg/Reg.Bez. Zichenau) verhaftet und Anfang Mai 1941 ermordet.
Ab Anfang 1940 fuhr das SS-Sonderkommando Lange, das SS-Obergruppenführer und General der Waffen-SS, Wilhelm Koppe, unterstand, ostpreußische Provinzialanstalten , u.a. Kortau bei Allenstein, ab und verschleppte Patienten in andere Einrichtungen für behinderte Menschen. Bis zum 8.5.1940 ermordete das „Sonderkommando Lange “im Lager Soldau in Gaswagen 1558 deutsche und etwa 300 polnische Behinderte - im Mai 1940 wurde das SS-Lager in ein „Arbeitserziehungslager“ umbenannt, das alle Gestapo-Stellen Ostpreußens nutzten.
Zahl der Opfer
„Ingesamt durchliefen von Herbst 1939 bis Januar 1945 zwischen 20.000 und 50.000, möglicherweise sogar über 200.000 Menschen das Lager Soldau. Die Zahl der Opfer – Angehörige der polnischen Oberschicht, Juden sowie Patienten aus Heil- und Pflegeanstalten - wird auf 13.000 bis 20.000 geschätzt“ (https://www.memorialmuseums.org/memorialmuseum/ehemaliges-ss-lager-soldau).
1944 „Enterdungsaktion“
Im Frühjahr 1944 wurde das SS-Sonderkommando 1005 beauftragt, die Spuren der Massenmorde 1940/41 in Soldau und Umgebung zu beseitigen, konkret die Massen-Gräber zu finden, die Leichen auszugraben und zu verbrennen (Einzelheiten der Suche und der Arbeiten bei: Angrick, „Aktion 1005“, Band 2, S. 1056 ff.)
Nach Schätzungen von Karol Nawrocki (damals IPN Direktor, seit Mitte 2025 polnischer Präsident) waren in den Lagern bei Soldau zwischen 1939 und 1945 bis zu 30.000 Menschen eingesperrt, überwiegend Angehörige der polnischen Eliten, Soldaten oder Juden. Fast die Hälfte sollen erschossen oder infolge Verhungern, Krankheiten, Misshandlungen getötet worden sein. Sie wurden auf dem Lagerlände oder in den Wäldern der Umgebung erschosssen.
Neue Belege 2022
Das polnische Institut für Nationales Gedenken hat Beweise für die deutschen Verbrechen gefunden. Im Forst von Bialuty wurden Tonnen von Asche von Häftlingen des deutschen Lagers Soldau entdeckt. Ein symbolischer Grabstein wurde 2022 gesetzt (s.Foto) https://radioolsztyn.pl/w-lesie-odkryto-masowe-groby-z-prochami-wiezniow-niemieckiego-obozu/01646917;
https://ipn-gov-pl.translate.goog/pl/aktualnosci/167870,IPN-odnalazl-dowod-niemieckiej-zbrodni-odkryto-masowy-grob-wiezniow-niemieckiego.html?
Gedenken
Am Ortsausgang von Dzialdowo, nicht weit vom Bahnhof, ist an der ul. Grundwaldzka/Fryderyka Chopina ein Denkmal für die Opfer Lagers Soldau zu sehen.
Literatur/Medien
Angrick, Andrej: „Aktion 1005“ - Spurenbeseitigung von NS-Massenverbrechen 1942-1945, Band 2, Göttingen 2018, S. 1056ff., 1085ff (Soldau, Bialutten)
https://www.memorialmuseums.org/memorialmuseum/ehemaliges-ss-lager-soldau
https://de.wikipedia.org/wiki/Dzia%C5%82dowo
Ashes of 8,000 WWII victims found in two Poland mass graves AP News
