Woiwodschaft Pommern / wojew. pomorski
Piaśnica (auch Piaśnica Wielka) ist ein kleines Dorf mit etwa 90 Einwohner/innen (2025) im Norden der Woiwodschaft, 1939 – 1945 im Norden des deutsch annektierten 'Reichsgau Danzig Westpreußen'. Die deutschen Besatzer missbrauchten das das Dorf umgebende große Waldgebiet 'Puscza Darlusbska' für Mordaktionen an Polen.
Vorbereitungen
Deutsche Einheiten (u.a. SS-Einsatzkommando 16, „Volksdeutscher Selbstschutz“, SS Heimwehr Danzig), verhafteten nach Kriegsbeginn in vielen Dörfern und Städten, u.a. im Kreis Wejherowo/Neustadt, Gdynia/Gdingen und Danzig, insbesondere polnische und kaschubische Männer und Frauen, die der „Deutschfeindlichkeit“ verdächtigt wurden; teils an Hand vorbereiteter Listen (vgl. „Sonderfahndungsbuch Polen“), teils aufgrund von Informationen deutscher bzw. deutschstämmiger Einwohner der pommerschen Dörfer und Städte –. dies war z.T. schon vor Kriegsbeginn verabredet worden. „Verdächtige“ wurden festgenommen und z.B. in den Gefängnissen von Puck oder Neustadt in Westpr./poln. Wehjerowo festgehalten.
Die Aktion zielte vor allem auf Angehörige der polnischen und kaschubischen „Intelligenz“, z.B. Lehrer, Pfarrer, Bürgermeister, Kaufleute, Richter, Künstler.
Der Ort Piaśnica
Piaśnica (oder Wielka Piaśnica) ist ein kleines Dorf etwa 70 km nördlich von Gdansk/Danzig, etwa 30 km von Gdynia/Gdingen und ca. 12 km von Wejherowo (dt. Neustadt in Westpreußen) - im Waldgebiet „Puszcza Darżlubska“. Es liegt in dem Gebiet, das nach dem Ersten Weltkrieg im Versailler Friedensvertrag Polen zugesprochen wurde, um Polen einen Zugang zum Meer zu ermöglichen. Es wurde 1939 mit dem deutschen Überfall auf Polen vom Deutschen Reich annektiert. Es war Schauplatz von Massenerschießungen durch ns-deutsche Kräfte – z.B. „Volksdeutscher Selbstschutz“ und SS- Einsatzgruppen - in den umliegenden Gemeinden und im Reichsgau Danzig-Westpreußen.
Der kleine, abgelegene Ort Piaśnica wurde für die Morde ausgewählt, weil er einerseits „abseits der Siedlungen der Zivilbevölkerung, aber in der Nähe von Hauptverkehrsstraßen und örtlichen Gefängnisse und Haftanstalten... lag, vorzugweise in einem Waldgebiet. Dieses dämpfte den Schusslärm und ermöglichte gleichzeitig einen bequemen Transport der Geiseln aus den Gefängnissen weit entfernt von Zentren lag und andererseits erschlossen durch Straßenverbindungen war“ (so die Empfehlung der SS).
Herzlichen Dank an
- Dr. Angelika Rudorff – insbes. für Gespräche sowie Hinweise auf die Berichte der Eisenbahner und anderes wichtiges Material
- Hans-Peter Goergens – insbes. für Unterlagen über polnische Strafverfahren, z.B. den Prozess gegen Albert Forster
- Pascal Kasperczyk – insbes. für Begleitung incl. Übersetzungen auf der Fahrt nach Piaśnica, Danzig etc., für gemeinsame „Entdeckungen“, Informationen und Hintergründe der rassistischen Verfolgung und Morde an Polen, Kaschuben, deutschen und anderen NS-Gegnern, für die Übersetzung von Gesprächen mit Zeitzeugen, für die Erkundung des Waldes von Piaśnica.
Die Ereignisse
Schon Mitte 1939 wurden in Danzig und Umgebung polnische Aktivisten und Angehörige der polnischen Führungsschichten, teils nach den vorbereiteten Listen des 'Sonderfahndungsbuchs Polen', verhaftet, ab 20.9. z.B. in Gdynia (dt. Gdingen, bzw. Gotenhafen). Es waren z.B. auch Einwohner/innen der 'Seeprovinz' in Puck/Putzig und in
Piaśnica betroffen. Hier liefen - teils offen, teils unter großer Geheimhaltung - Repressionsmaßnahmen gegen unterschiedliche Bevölkerungsgruppen zusammen.
Auf einem der größten Exekutionsplätze im Walde neben dem Dorf Piaśnica ...wurden viele Einwohner dieses Kreises … umgebracht. „Außer ihnen hat man dort tausende Menschen, meistens die seit Jahren im Reich beschäftigten Fremdarbeiter und die als 'Nazi-Gegner“ bezeichneten Deutschen erschossen“ (vgl. B. Bojarska, Piaśnica, 4. Aufl., Wejherowo 2009, S. 149).
Massaker im Piasnica-Wald
Unter den Opfern des von der Gestapo ab 11. November 1939 (polnischer Nationalfeiertag) durchgeführten Massenmordes an Polen und Polinnen sowie Juden/Jüdinnen im Wald von Piasnica war auch die katholische Ordensschwester Alicja Jadwiga Kotowska.
Sie wurde am 20.11 1899 als zweites von acht Kindern einer katholischen Familie geboren. Im Ersten Weltkrieg arbeitete sie als Krankenschwester. Nach ihrem Gelübde am 2.2.1924 und neben ihrer Arbeit erwarb sie 1929 einen Master- Abschluss in Chemie. Sie wirkte später als Lehrerin und Schulleiterin.
1999 wurde sie von der katholischen Kirche als eine der 108 polnischen Märtyrer des Zweiten Weltkriegs seliggesprochen.
Opfer - nach dem Kenntnisstand von Mitte 2026 -
- waren in erster Linie Polen und Kaschuben, Angehörige der 'polnischen Intelligenz' (Männer, Frauen und Kinder);
- Patienten/innen psychiatrischer Heil- und Pflegeanstalten aus dem Reich/aus West-Pommern;
- "aus dem Reich" wurden auch Polen (und Tschechen und deutsche 'Hitlergegner') verschleppt, die vor und nach Kriegsbeginn im Reich, z.B. in der Landwirtschaft arbeiteten/gearbeitet hatten; ihre Zahl wird von polnischen Zeugen auf über 10.000 geschätzt sowie Deutsche mit z.B. 'polnischen od. tschechischen Wurzeln', auch eine unbestimmte Anzahl von "deutschen Hitlergegnern" od. "Nazi-Gegnern" , so die Beobachtung von polnischen Eisenbahnarbeitern (vgl. B. Bojarska: Piasnica, Wejherowo 2009, bes. S. 38 – 53 (polnisch – dt. Übersetzung lag vor) und S. 149 – 151 – in deutsch).
Von den hunderten/tausendfachen Morden in Piaśnica gibt es wenig Dokumente.
Erst nach der politischen Umwälzung in den 1970/80 er Jahren setzten eine breitere Forschung und Veröffentlichungen ein. Das polnische 'Institut für Nationales Gedenken' veröffentlichte 2018 ein umfangreiches Werk: '1939. Das Verbrechen von Pommern, Warschau 2018' (im Netz); bis zum Abschluss seiner Untersuchungen nennt es keine Zahlen.
Zahl der Opfer und Opfergruppen
Die Zahl der im Wald Ermordeten wurde früher mit bis zu 12.000 angegeben. Die Bestimmung der genauen Zahl und Identität der Opfer hat die SS mit der Verbrennung der Leichen unmöglich gemacht. Das Museum Piaśnica nennt z.Zt. keine Zahlen - außer die der ermordeten 'Geisteskranken'.
Häufig bezieht man sich auf die Aussage des im Jahre 1968 vor das Landgericht in Hannover gestellten 'Exekutionskommandanten' Kurt Eimann, dass in Piaśnica ungefähr 2000 Geisteskranke aus den pommerschen Heilanstalten umgebracht wurden, von den übrigen Opfern wollte er nichts wissen.
Erste Opfergruppe: Vertreter der polnischen politischen und intellektuellen Elite
Sie wurden im Herbst 1939 festgenommen und in den Gefängnissen in Wejherowo, Puck, Danzig, Karthaus/Kartuzy und Koscierny/dt. Berent – wahrscheinlich ca. 2000 Opfer.
Forschungen dazu waren in 'Volkspolen" unerwünscht und prinzipiell erst nach dem politischen Umbruch in den 1970 - 1980er Jahren möglich.
Frau Dr. Bojarska nannte aufgrund ihrer – in Volkspolen unerwünschten – Forschungen die Namen von 852 - polnischen - Opfern (vgl. Barbara Bojarska, Piaśnica 2009, S. 151, bzw. Namens-Liste, S. 114 -140). In der umfangreichen Arbeit des Instituts für Nationales Gedenken: ‚1939. Das Verbrechen von Pommern, Warschau 2018‘, werden z. Zt. keine (Gesamt-) Zahlen genannt – erst nach Abschluss der noch laufenden Untersuchungen; ebenso plant das Piasnica-Museum.
Zweite Opfergruppe: „Patienten deutscher psychiatrischer Krankenhäuser“
Im Bahnhof von Neustadt /poln. Wejherowo wurden vom planmäßigen Zug nach Danzig ein bis drei Wagen abgekoppelt und auf ein Abstellgleis rangiert, die Türen blieben geschlossen. In Wejherowo /Neustadt erhielt der Bahnmitarbeiter dann z.B. folgenden Anruf: 'Zug Nr. 591 befördert am Schluss 2 bis 3 Wagen Geisteskranke für Neustadt'.
Dort hatten an den Tagen vorher Bauern aus der Umgebung, Gefangene eines Danziger Internierungslagers (später des KZ Stutthof) Massengräber ausheben müssen - zum letzten mal am 14.11.1939. An diesem Tag kehrten sie nicht in ihr Lager zurück, sondern wurden in den Piasnica-Wäldern von SS-Männern erschossen - wahrscheinlich Angehörige des „SS-Wachsturmbann Eimann“.
„Die Menschenvernichtung in Piaśnica wurde während des Prozesses gegen Albert Forster, Reichsstatthalter und Gauleiter der sog. Provinz Westpreussen, geprüft. Jedoch die Bestimmung der genauen Zahl der Opfer wurde durch die Leichenverbrennung verunmöglicht. …. Die meisten Namen der unzähligen Menge von Menschen aus dem Reich sind bis heute unbekannt geblieben, ging zwar hervor, jedoch von den übrigen aus dem Reich stammenden Opfern wollte er nichts wissen“.
Es ist lediglich von den Aussagen der auf den Bahnstationen Wejherowo und Lębork (Lauenburg) beschäftigten Eisenbahner, welche die Menschentransporte aus dem Reich beobachtet und heimlich mit den Passagieren gesprochen haben, bekannt, dass viele polnische Landarbeiter. In den Zügen sollten sich außerdem Tschechen, Juden, aber auch deutsche Familien, die als 'Nazi-Gegner' bezeichnet wurden, befunden haben (Bojarska, 2009, a.a.O., S. 151).
Später wurden diese Wagen meist neben dem nahen Bahnübergang der Straße Wejherowo-Krokowo abgestellt. Dort wurden die Opfer auf LKW oder Busse verladen. Es folgten Selektionen, Familien wurden getrennt, Kinder von ihren Eltern. Dann wurden sie auf Lastwagen und in Bussen in den nahen Wald gefahren und ….erschossen.*
Sie waren Patienten/Patientinnen aus psychiatrischen Anstalten im – damals deutschen - Westpommmern – z.B. Stralsund, Uckermünde, Treptow und Lauenburg. Kurt Eimann schilderte den Hergang so: „Die Kranken wurden [am Bahnhof] durch SS-Männer auf Lastwagen geladen, die meiner Truppe zur Verfügung standen. Die LKW fuhren dann bis auf 50 Meter an die Erschießungsstelle heran. Dort ließ ich die Kranken einzeln aussteigen.“
Dritte Opferguppe --- evtl. die größte, über sie ist am wenigsten bekannt (2026):
Deportierte aus dem Reichsgebiet – Antifaschisten, Juden, Deutsche polnischer oder tschechischer Herkunft, sowie Polen, die in der Zwischenkriegszeit oder in der Saison als Landarbeiter im ‚Reich‘ lebten und die nach Kriegsbeginn nach dem Willen der deutschen Regierung nach Hause zurückkehren sollten – bilden vermutlich mit 8.000 bis 10.000 Menschen die größte Gruppe.
Direkt am Bahnhof mussten sie ihre Koffer abgeben, bevor sie von der SS auf Lastwagen verladen und zur Erschießung in die Wälder von Piasnica transportiert wurden. Größere Kinder wurden bereits in Wejherowo von ihren Familien getrennt. „Das Geschrei der verzweifelten Mütter war auf den Straßen der Stadt zu hören. Sie durften nur die Säuglinge bei sich behalten“, so die polnische Historikerin Barbara Bojarska.
ähnlich bei Anna Meier, Die Intelligenzaktion, a.a.O., S. 44:
Die Gruppe ist mit 10.000 bis 12.000 Personen die größte Opfergruppe und die, über die am wenigsten bekannt ist.
Hierbei handelt es sich hauptsächlich um polnische, deutsche und tschechische Familien aus dem Deutschen Reich, die als Regimegegner eingestuft wurden. Im September und Oktober 1939 wurden sie verhaftet und sollten bis März 1940 aus dem Reich evakuiert werden. Zu einem großen Teil bestand diese Gruppe aus (polnischen?) Arbeiterfamilien, die in der Zwischenkriegszeit nach Deutschland fuhren, um dort zu arbeiten, meist als Landarbeiter; evtl. auch Gefangene aus dem 'Zivilinternierungslager' Nürnberg-Altenfurt; (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Dokumentationszentrum_Reichsparteitagsgel%C3%A4nde (z.B. zu polnischen Gefangenen).
Die Zahl und Identifizierung dieser Opfer ist noch nicht gelungen - in den Archiven wurden bisher z.B. keine Personallisten gefunden.
Die Familien waren polnische und deutsche Staatsbürger polnischer Herkunft. Sie wurden fast immer als gesamte Familie deportiert, weshalb sich unter den Opfern nicht nur Männer und Frauen, sondern auch zahlreiche Kinder und Säuglinge befanden. Die meisten Familien stammten mutmaßlich aus Sachsen, Mecklenburg, Westfalen und Bayern. Sonst gibt es über ihre Identität kaum Hinweise, da die Nazis nicht nur die Leichen verbrannten, sondern auch die Namenslisten.
Die vorhandenen Informationen konnten polnische Historiker von Zeitzeugen erfahren, z.B. polnischen Eisenbahnern, die die Ankunft der Deportationszüge bemerkten.
Anlagen: Auszüge aus amtlichen Schriftwechseln und Anm. von B. Bojarska
Der Reichsbauernführer. Verwaltungsamt. Berlin 30. IX 1939: An die Landesbauernschaften, betr. Behandlung feindlicher Ausländer. …
„Alle zwischen dem 15. und 65. Lebensjahr stehenden männlichen Staatsangehörigen Polens, die sich aufgrund der öffentlichen Aufforderung melden oder sonstwie erfasst worden sind, ferner die Staatenlosen, die zuletzt die polnische Staatsangehörigkeit besessen haben, sind in polizeilichen Gewahrsam zu nehmen und in das Internierungslager Nürnberg einzuweisen,. gez. Dr. Sauer...“
Dazu schreibt Babara Bojarska:
Die Masseninternierung von Polen, die seit vielen Jahren in der Landwirtschaft im Reich beschäftigt waren, lag nicht im Interesse der deutschen Bauern; vgl. Schreiben des Bezirksbauernverband Osterburg v. 29.8.1939 (s.a.), ähnliche Versuche, Abschiebungen zu verhindern, kamen von anderen Bauernverbänden. Der Empfänger des Schreibens schickte jedoch am 30.9.1939 die Anordnung an die Landesbauernschaften, dass alle polnischen Staatsangehörigen zwischen dem 15. und 65. Lebensjahr der Polizei zu übergeben und ins Internierungslager nach Nürnberg zu schicken sind. In Zukunft würden 25.000 Arbeiter aus dem besetzten Polen für den landwirtschaftlichen Einsatz ins Reich gebracht.
B. Bojarska schließt daraus, dass die im September internierten Polen nicht zu ihren Arbeitsplätzen und Wohnorten zurückkehrten, sondern nach der Auflösung der Lager zur Vernichtung deportiert wurden, „das sei im übrigen im Forster-Prozess dokumentiert worden“ (Quelle: Barbara Bojarska: Piasnica – Ein Platz des Martyriums und der Erinnerung. Aus den Forschungen zu den nationalsozialistischen Verbrechen in Polen, Wejherowo 2009, S. 38 – in dt. Fassung nicht enthalten).
B. Bojarska, Piasnica, 3. Aufl., S. 102 = 4. Aufl., Wejherowo 2009, S. 38ff.; Namensliste S. 114-141
Bojarska, Barbara: Piasnica – ein Platz des Martyriums und der Erinnerung. Aus den Forschungen zu den nationalsozialistischen Verbrechen in Polen, Wejherowo 2009, S. 38 - 43 – zu den „Transporten aus dem Reich“
Piaśnica. Miejsce Martyrologii i Pamięci, 3. Aufl., Wejherowo 2009: S. 38ff.; Transporty z Rzeszy, (Transporte aus dem Reich); 4. Aufl. S. 41 + Fn. 8.
https://www.muzeumpiasnickie.pl/de
Literatur/Medien
Böhler, Jochen: Der Überfall. Deutschlands Krieg gegen Polen, 2. Aufl., Frankfurt/M. 2009
Bojarska, Barbara: Piaśnica. Miejsce Martyrologii 1 Pamieci, 4. Aufl., Wejherowo 2009 (poln.; einige Dokumente in Deutsch)
Institut für Nationales Gedenken: 1939. Das Verbrechen von Pommern, Warschau 2018 (im Netz)
Grasberger, Thomas: Der Totenwald - Die Massaker in Piasnica im September 1939, in: Die Zeit v. 20.1.2011
Meier, Anna: Die Intelligenzaktion. Die Vernichtung der polnischen Oberschicht im Gau Danzig-Westpreußen, Saarbrücken 2008
https://www.memorialmuseums.org/memorialmuseum/denkmal-fur-die-ermordeten-in-piasnitz
https://de.wikipedia.org/wiki/Massaker_von_Pia%C5%9Bnica
https://de.wikipedia.org/wiki/Wielka_Pia%C5%9Bnica
